Nach der EM: Die Zukunft des Frauen-Fußballs
Die stärkste Liga der Welt
Text: Maike Schulz Bild: Imago
Zwei Wochen lang schwirrte Frauenfußball durch alle medialen Kanäle. Pressekonferenzen, Live-Übertragungen, Zeitungsinterviews: die deutschen EM-Gewinner standen im Mittelpunkt des Interesses. Jetzt startet die Bundesliga und keiner weiß es.
Célia Okoyino da Mbabi feierte noch Donnerstag heiser in der Kabine ihren ersten EM-Titel. Eine Sektdusche und einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt später stand sie wieder auf dem Platz, um für ihre Mannschaft SC 07 Bad Neuenahr in der ersten DFB-Pokalrunde auf Torjagd zu gehen. Bei dem 11:0-Erfolg über den SV RW Merl hätte Bad Neuenahr wohl noch gut auf sie verzichten können, in dieser Woche ist jedoch Saisonauftakt, da müssen die Nationalspielerinnen schnell wieder in ihre Mannschaften finden.
Für Inka Grings, die »ihre Stimme in Finnland verloren« hatte, ging es erst einmal ins »aktuelle Sportstudio«, der FCR 2001 Duisburg hatte ein Freilos gezogen und muss erst in Runde zwei ran. Aber auch für die Torschützenkönigin der EM 2009 ging es vom ZDF direkt zurück in den Trainingsalltag. Durch die lange Vorbereitungszeit der Nationalmannschaft fehlten die EM-Heldinnen größtenteils bei der normalen Saisonvorbereitung. Die, die keine Medientermine mehr hatten, flogen also direkt vom Frankfurter Römer zu ihren Mannschaften ins Trainingslager.
Durch die mäßigen – um nicht zu sagen grausigen – Zuschauerzahlen in Finnland wird zumindest die Umstellung im Stadion nicht all zu schwer fallen. Die Besucherzahlen in der Frauen-Bundesliga schwanken wie ein volltrunkener Seemann auf offener See, bei den Topvereinen kommen mehrere Tausend, bei kleinen Vereinen gerade einmal wenige Hundert. Auch wenn der schnelle Start der Bundesliga für die Spielerinnen Stress bedeutet, hat er einen großen Vorteil. Der Rummel um die DFB-Frauen hallt noch nach. Das zieht mehr Leute in die Stadien. Denn Europameisterinnen spielen zu sehen, das ist ein Attraktivitätsfaktor.
Mäßige, um nicht zu sagen, grausige Zuschauerzahlen
Nun also wieder Bundesliga. Sonntag um 11 und 14 Uhr geht es los. Am ersten Spieltag gibt es nur eine Partie, in der keine frischgebackene Europameisterin auf dem Platz stehen wird: SC Freiburg gegen den USV Jena. Für Jena ist der Klassenerhalt oberste Priorität. In der vergangenen Saison starteten die Thüringerinnen schlecht in ihr erstes Bundesligajahr, konnten aber durch eine gute Rückrunde den Klassenerhalt sichern.
Bayern München geht mit Melanie Behringer gegen SG Essen-Schönebeck an den Start. Die Münchnerinnen waren in der letzten Saison überraschend stark. Sie wollen an diese Leistungen anknüpfen, müssen aber auch mit der ungewohnten Doppelbelastung zwischen Bundesliga und Champions League zurechtkommen. Neben vielen jungen Spielerinnen hat der FCB sich mit Isabell Bachor eine erfahrene Verstärkung geholt. Verletzungssorgen schwächen allerdings schon vor Beginn der Saison die Mannschaft.
Für das Nesthäckchen der Nationalmannschaft, Kim Kulig, bedeutet die Rückkehr zu ihrem Verein, dem Hamburger SV, auch wieder mehr Verantwortung übernehmen zu müssen. In der Nationalmannschaft, erklärt sie, ist sie umgeben von erfahrenen Spielerinnen, beim HSV hingegen ist Kulig als einzige A-Nationalmannschaftsspielerin trotz ihrer 19 Jahre eine wichtige Leistungsträgerin. Sie trifft mit dem HSV gleich im ersten Spiel auf den FCR 2001 Duisburg, in dessen Reihen mit Inka Grings nicht nur die Torschützenkönigin der EM spielt, sondern auch Simone Laudehr, Linda Bresonik, Abwehrchefin Annike Krahn und die deutsche Nummer zwei im Tor, Ursula Holl.
Einen leichteren Auftakt erwarten die amtierenden Meisterinnen von Turbine Potsdam. Für die neue Saison wurden gleich sechs Spielerinnen verpflichtet, darunter Lira Bajramaj. Neben ihr werden wohl vier weitere Europameisterinnen gegen den Aufsteiger 1. FC Saarbrücken auflaufen. Ein Pflichtsieg ist damit praktisch einkalkuliert.
Zusammenschnitte? Nur im Internet
Die meisten Augen werden auf das Spiel 1. FFC Frankfurt gegen VfL Wolfsburg schauen. Der FFC muss nach einer enttäuschenden Saison 2008/09 seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Jetzt, wo sie als Topteam nicht an der Champions League teilnehmen, wächst der Druck weiter. Keine Doppelbelastung für den FFC und damit mehr Kraft und Zeit für die Liga, dies soll ein Eingreifen in den Meisterschaftskampf gewährleisten. Dabei fehlt zum Auftakt Verteidigerin Ariane Hingst, die sich bei der EM am Knie verletzte. Zusammenschnitte aus dieser Partie werden Sonntag ab 20 Uhr immerhin auf DFB-TV im Internet gesendet. Auf Live-Übertragungen oder zumindest Spielmitschnitte in der Sportschau wird man wohl bis zum nächsten Länderspiel warten müssen. Mit ein bisschen Glück und einem ähnlich spannenden Meisterschaftskampf wie in der vergangenen Saison wird der Frauen-Vereinsfußball gegen Saisonende auch wieder ein wenig mehr TV-Aufmerksamkeit bekommen.
Nach wie vor gilt die Bundesliga als die stärkste Liga der Welt, die neugegründete amerikanische Profiliga WPS muss nach ihrer ersten Saison erst einmal beweisen, ob es internationale Frauenfußball-Größen wie die Brasilianerin Marta zurecht in die USA zieht. In Deutschland rücken die Mannschaften näher aneinander. Letzte Saison gab es den spannendsten Meisterschaftskampf der Geschichte. Am Ende entschied ein einziges Tor über den Titelgewinn: Turbine Potsdam wurde vor Bayern München Meister. Duisburg gewann den DFB-Pokal und den UEFA-Pokal. In der kommenden Saison werden drei deutsche Mannschaften in der Champions League an den Start gehen können.
Vor der WM im eigenen Land stehen die Zeichen auf Professionalität. Der Frauenfußball will mehr und die Vereine wollen nicht nur vergessenes Beiwerk neben der Nationalmannschaft sein. Zu Recht. Doch was dabei herauskommt, bleibt abzuwarten.
Ergänzung zu 11 FREUNDINNEN #1






