Auf den Spuren von Heinz Bonn
Der Mann aus Eisen
Text: Andreas Bock Bild: Imago / 11FREUNDE
Heute vor 20 Jahren starb Heinz Bonn. Der ehemalige HSV-Profi war der erste Fußballer, dessen Homosexualität bekannt wurde – allerdings erst als die Polizei im Winter 1991 seine Leiche fand. Wir haben uns auf die Spurensuche begeben.
Da steht er. Die Haare zu einem Bob frisiert, ein verschmitztes Lächeln auf einem jungenhaften, zarten Gesicht, ein Lederkoffer in der rechten Hand, unter seinem linken Arm klemmt ein Pappkarton mit der Aufschrift »Persil«. Er sieht aus wie der fünfte Beatle, wie ein Popstar auf Durchreise, doch hier, am Wuppertaler Trainingsgelände, sind keine Limousinen, keine roten Teppiche, nicht mal ein Pförtner, der ihn fragt, wer er ist, wohin er will. Da ist niemand. Niemand, der ihn abholt. Niemand ist da, um ihm zu sagen: Zieh deine Fußballschuhe an, Junge, es geht los! Heinz Bonn ist alleine.
Die Auffahrt zum Trainingsplatz scheint endlos, er passiert das Geländer, wieder ein schüchterner Blick, der sich in den Fassaden der Gebäude verliert. Eigentlich ist er einer, der gerne lacht, der mit den Leuten spricht, leutselig nannte ihn einmal ein Trainer. Doch heute, an diesem späten Nachmittag im Sommer 1969, merkt Heinz Bonn, dass er eigentlich nicht dazugehört. Er ist fremd und: er ist unangemeldet gekommen. Vielleicht schicken sie ihn gleich wieder weg, oder, was noch viel schlimmer wäre, vielleicht interessiert sich kein Mensch für ihn.
Ballhochhalten für einen Vertrag
Auf dem Platz sieht er Günter Pröpper, »Meister Pröpper«, wie die Fans den Torjäger vom SV Wuppertal nennen, daneben Emil Meisen, den erfahrenen Libero des Teams. Wuppertal hat in der abgelaufenen Saison den fünften Platz der Regionalliga West belegt. Bonns alte Mannschaft, die Sportfreunde Siegen, war just aus der Oberliga in die Verbandsliga abgestiegen. Spätestens da wurde ihm klar, dass er fort musste. Aufbrechen. Denn seit Heinz Bonn in den Jugendmannschaften in Siegen-Niederschelden gespielt hatte, gab es für ihn nur ein Ziel: die Bundesliga. Er wollte einer werden wie Franz Beckenbauer, einer, der elegant aus der Abwehr das Spiel organisiert, und der voranschreitet, wenn es drauf ankommt.
»Wie alt bist du, Bursche?« Bonn schreckt zusammen, dann dreht er sich zur Seite. »22«, antwortet er, und der Mann lächelt und nickt. Horst Buhtz mustert ihn, den Burschen, neugierig, fast weise. War das sein Zeichen? Bonn hofft es, blickt nochmal zu Buhtz, dem Wuppertaler Trainer, und zieht seine Fußballsachen an, seine Stollenschuhe, Hose, Trikot, dann rennt er auf den Platz wie ein kleines Kind beim ersten Training. Und plötzlich ist er mittendrin, und die Sonne scheint durch die Straßen von Wuppertal, die Saison hat noch nicht begonnen, es ist noch nicht zu spät, neue Spieler in den Kader zu integrieren, das weiß auch Horst Buhtz. Als die Mannschaft den Platz verlässt, tippt Buhtz dem Jungen auf die Schulter: »Pass auf, Heinz. Wenn du den Ball von hier bis zum Platz hochhalten kannst, ohne dass er hinunterfällt, dann bekommst du einen Vertrag bei uns.« Heinz Bonn steht am Vereinsheim, bis zum Platz sind es etwa 40 Meter, doch ohne lange nachzudenken, schnappt er sich den Ball und legt los. Der Ball bleibt oben, einmal, zweimal, dreimal, es ist Bonns leichteste Übung, wenngleich er nun ein bisschen nervös ist. Doch er kommt am Platz an, dreht um, und läuft ein paar Meter wieder zurück. Buhtz nickt wieder. »Ich hätte dem auch so einen Vertrag gegeben, selten sah ich so einen technisch versierten Abwehrspieler«, sagt er heute. »Der Junge war ein Ballgenie.«
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