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20.08.2009

Michael Oenning im Interview

»Fußball ist nicht alles«

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens  Bild: Norman Konrad

Als Trainer-Notlösung schaffte Michael Oenning nach furioser Aufholjagd mit dem Club den Aufstieg. Hier sagt er, welche Tipps Marcel Reif ihm gibt, was er an Advocaat schätzt und warum Trainer ein Recht auf Feierabend haben.

Michael Oenning im Interview - »Fußball ist nicht alles«


Michael Oenning, Sie stiegen als Trainer-Nobody in die Bundesliga auf. Fängt die Medienarbeit schon an zu nerven?

Im Gegenteil. Wenn die Süddeutsche und die FAZ endlich wieder mal anrufen, ist das für den Club doch positiv.



Für die Öffentlichkeit waren Sie bislang der Trainer, dessen größter Erfolg der »Grimme-Preis« war, den Sie als Premiere-Experte an der Seite von Marcel Reif für die WM 2002 bekommen haben.


Immerhin habe ich was gewonnen (lacht.) Damit muss ich leben .... Solche Bewertungen nehmen Journalisten doch nur vor, weil es noch nicht viel anderes über mich zu schreiben gibt.

Aber Sie sind der Trainer eines Erstligisten.


Ja, und ich achte auch darauf, dass es in dieser Hinsicht genug gibt, worüber es sich zu berichten lohnt.

Gerne wird auch erwähnt, dass Sie Klavier spielen und Frederic Chopin einer Ihrer Lieblingskomponisten ist.


Fußball und Musik sind gerade in Deutschland immer noch Antipoden. Na gut, viele Spieler hören Gangsta-Rap – vielleicht ist es da für Journalisten reizvoll, wenn sich jemand nicht von Kindheit an nur auf den Fußball konzentriert hat. Es war ja nie mein Ziel, einen Bundesliga-Klub zu trainieren. Es hat sich nur an irgendeinem Punkt meines Lebens so ergeben.

Hat Ihnen Marcel Reif Tipps gegeben, was Sie in der Außendarstellung als Trainer beachten sollten?


Er hat mir natürlich Starthilfe gegeben und er sagt mir nach wie vor, in welchen Bereichen ich an meiner Feinabstimmung arbeiten kann.

Zum Beispiel?


Ein Cheftrainer darf die Demut nicht verlieren. Als öffentliche Person ist man immer wieder in Gefahr, etwas zu Dingen zu sagen, von denen man keine Ahnung hat.

Bei welcher Gelegenheit hätten Sie sich denn zuletzt am liebsten auf die Zunge gebissen?


Als es gerade bei Schalke 04 drunter und drüber ging, war ich beim DSF zu Gast. Als jemand, der aus dem Münsterland stammt, wurde ich natürlich zu meiner Meinung gefragt. Und ich habe mich ein Stückweit darauf eingelassen, obwohl es überhaupt nicht meine Baustelle war.

Und schnell hat man eine Schlagzeile.


Stimmt, obwohl es in diesem Fall nicht dazu kam.

Was war bisher Ihre übelste Headline?

Eine Regionalzeitung titelte: »Oenning frech: Wir schneiden Neururer die Haare!« Dabei hatte ich nie irgendwas in diese Richtung gesagt. Und im übrigen bin ich auch nicht »frech«. Sowas halte ich für faden Boulevard. Dann rufe ich den betreffenden Redakteur auch mal an und beschwere mich.

Ihr Vorvorgänger beim Club, Hans Meyer, geißelt die Boulevardmedien als Verdummungskatalysator unserer Gesellschaft. Darf ein Fußballtrainer sowas sagen?


Verdummung ist ein großes Wort. Wer liest, kann eigentlich noch nicht total verblödet sein ... Aber ich verstehe, wenn man ein langes Trainerleben hinter sich hat, dass man so ein Fazit zieht. Anderseits: auch eine Zeitung wie die »Bild« sichert sich in den Fakten ab. Die schreiben ja nichts, was überhaupt nicht stimmt. Darüber, dass diese Zeitungen Allianzen bilden, manche Geschichte ganz bewusst lancieren und in eine bestimmte Richtung drehen, kann man sicher diskutieren. Genauso wie über den Duktus.

Trotzdem haben Sie in der »Bild«-Zeitung am Ende der vergangenen Saison eine Serie über den Aufstieg geschrieben.


Ich war der Ansicht, dass ich noch nicht genug auf dem Zettel hatte, um dieses Angebot auszuschlagen. Ich wusste, was sie planen und konnte die Sache steuern. Deswegen fand ich den Auftritt nicht verkehrt.

Die Serie liest sich wie eine Mischung aus der »Bild«-Sprache und Ihrer.


Jeder, der es mit Verstand gelesen hat, weiß, dass ich es nicht geschrieben habe. Ich habe nur täglich mit dem Redakteur telefoniert.

Als Deutschlehrer hätten Sie wohl auch einen anderen Duktus gewählt.


Das ist doch der Punkt: Wen bedient so eine Kolumne? Damit will ich die Sache gar nicht schlecht reden. Ich hatte die Chance, viele aus meiner Sicht wichtige Gedanken abzusondern. Für einen »Bild«-Artikel war es ein interessanter Beitrag, auch weil er mal Dinge unter der Oberfläche deutlich machte. Aber natürlich war es letztlich von der Form ein »Bild«-Artikel.

Sie sagen, Sie hätten es gemacht, weil Sie noch nicht genug auf dem Zettel hatten.


Ist doch so. Natürlich hätte ich mich dem Angebot auch verweigern können. Und was wäre die Folge? Der andere macht dann auch zu und ich habe keinen Einfluss mehr darauf, was er schreibt. Wenn ich schon 15 Jahre Cheftrainer wäre, hätte ich mich vielleicht nicht mehr darauf eingelassen. Aber in diesem Fall habe ich es als Chance gesehen. Und es hatte den Vorteil, dass ich anschließend 14 Tage in gar keiner Zeitung mehr auftauchte, weil es nichts mehr gab, was die über mich zu schreiben wussten.



Aus Heft #93 Sonderheft 2009/10

Ab 23.07. am Kiosk


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