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09.08.2009

Der 11FREUNDE-Floskel-Check (2)

PSYCHO

Text: Stefan Wallasch   Bild: Imago

Es ist das Schreckgespenst aller Fußballligen der Welt: Das Tor zum psychologisch ungünstigen Zeitpunkt. Doch wie viele Teams hat es tatsächlich schon ins Verderben gestürzt? Wir kommen der Floskel auf die Schliche.

Der 11FREUNDE-Floskel-Check (2) - PSYCHO


Wer etwas Wichtiges vorhat, womit er jemanden beeindrucken oder sogar schockieren möchte, der sollte damit bis kurz vor der Halbzeitpause des nächsten Fußballspiels warten. Oder darauf, dass eine der Mannschaften gerade großen Druck ausübt, ohne dabei ein Tor zu erzielen. Das sind die »psychologisch günstigen Zeitpunkte«, wie Fußball-Kommentatoren nicht müde werden zu betonen, wenn in diesen Situationen ein (Gegen-)Tor fällt.


  Die Leser wenden nun ein, dass dies doch wohl nur auf dem Platz und für die beteiligten Akteure gelte, was also der Unsinn solle. Wir fragen kühl zurück, ob denn die Sinndichte tatsächlich höher ist, wenn man den Geltungsbereich der Wendung auf den Fußballplatz beschränkt.   Selbst Psychologieverehrer wie den Erfinder der »Staubsaugervertretermentalität« als Erfolgsrezept für treffunsichere Stürmer beschleichen manchmal Zweifel: »Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt«, floskelte Christoph Daum einmal, schob aber gleich nachdenklich hinterher: »Man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.«  

In der Tat muss man diese Frage an dieser Stelle einmal stellen. Was ist so viel besser an einem Gegentor in der 29. Minute im Vergleich zu einem in der 44.?    Die Psychologen argumentieren, ein Tor kurz vor der Halbzeit falle dem Gegner besonders aufs Gemüt, weil er keine Gelegenheit habe, unmittelbar zu reagieren, und dass er mit dem demotivierenden Gefühl in die Kabine schleiche: Das hat doch jetzt auch nicht mehr sein müssen. Das Gegenargument lautet: Ja, und?  

Natürlich ist ein Tor eine Minute vor der Halbzeit nicht schön. Ein Tor 44 Minuten vor der Halbzeit ist aber auch nicht schön. Das musste gleich zu Beginn doch wirklich noch nicht sein. Und nicht nur das. Ist es denn nicht sogar noch wesentlich nachteiliger, nach einem frühen Gegentor 15 Minuten konsterniert auf dem Platz herumzualibipassen als nach einem späten Gegentor 15 Minuten konsterniert in der Kabine zu sitzen – was zwar keinen Spaß macht, aber wenigstens keinen Schaden anrichtet? Erstaunlich, dass sich im Kommentatoren-Fachkreis noch keine ernsthaft konkurrierende Denkschule durchgesetzt hat, die das ganz frühe Tor als psychologisch günstig propagiert.  

Welches Minüterl hätten S’ denn gern?   

Man kommt der Floskel schnell auf die Schliche, wenn man den Weg, den Christoph Daum intuitiv beschritten hat, einmal weitergeht und die Gegenprobe macht. Wenn das Tor zum psychologisch günstigen Zeitpunkt fiel, wäre es dann zehn Minuten eher nicht so gut gewesen? Dann haben wir Mitte der ersten Halbzeit zwar das Tor gemacht, aber das war zu diesem Zeitpunkt psychologisch ganz ungünstig. Man wartet noch auf diesen Standpunkt.  

Genauso andersherum: Wenn das Gegentor in der 45. Minute psychologisch so ungünstig war, welche Phase wäre denn psychologisch von Vorteil gewesen? Wann mögen Sie denn Ihre Gegentore am liebsten? Welches Minüterl hätten S’ denn gern?   Tore sind immer schön – wenn man sie macht. Und sie sind immer ernüchternd – wenn man sie bekommt. Ganz egal wann. Nicht der Zeitpunkt ist psychologisch bedeutsam, sondern das Tor selbst. Darüber ist natürlich schlecht reden; das ist sogar den wenig zimperlichen Fußballsprechern zu banal, wahrscheinlich sogar Reinhold Beckmann.  

Wer der argumentativen Kraft des Sachlichen nicht folgen mag, den überzeugt vielleicht die argumentative Kraft des Faktischen. Im Zusammenhang mit seinem Buch »Das Lexikon der Fußballirrtümer« zitiert der Autor Roland Loy das Ergebnis einer statistischen Untersuchung: »Der Londoner Professor Peter Ayton hat anhand einer Studie zu über 350 Spielen der Premier League mit dem Halbzeitergebnis 1:0 festgestellt, dass keinerlei Zusammenhang zwischen dem Resultat am Ende des Spiels und dem Zeitpunkt des Torerfolgs besteht. Es ist also völlig egal, wann man das 1:0 erzielt.«  

Nicht den blöden Zeitpunkt für das Gegentor vermeiden, sondern lieber gleich das Tor, lautet die pfiffige Devise. Das wusste sogar Thomas Häßler: »Wir wollten in Bremen kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt.«






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Kommentare

  • User
  • 11.08.2009 13:39:21 Shinook

    Ich finde, es gibt durchaus günstige und ungünstige Momente, ein Tor zu kassieren. Ein günstiger Gegentreffer zum Beispiel ist es, wenn das Spiel noch Zeit nach hinten hat, die eigene Mannschaft sich aber in einer bestimmten Haltung festgefahren hat. Das Spiel dümpelt vor sich hin, verlieren will man nicht, aber das Team krichts auch nich gebacken zu gewinnen. Dann klatscht es plötzlich.

    Häufig genug gesehen, wie Mannschaften plötzlich aufwachen. Sonst gäbe es den Begriff "ein Spiel drehen" auch nur aus sowieso schon packenden und spielerisch hochwertigen Partien.

  • User
  • 11.08.2009 13:46:46 saloth sar

    eben, eben oder wenn man eh schon 4:0 fuehrt und das spiel kurz vorm ende is

  • User
  • 11.08.2009 22:51:57 monssolis

    Jedenfalls hört man viel zu oft "ein frühes Gegentor wollten sie unbedingt vermeiden". Hm, besser, als in der 90.+4. Minute in Rückstand zu geraten.

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