Die Wynton Rufer Kolumne (1)
Keine Angst vor Voodoo
Text: Wynton Rufer, Protokoll: Fabian Friedmann Bild: Imago
Kaum ein Bundesligaspieler verwandelte so cool seine Elfmeter. Im ersten Teil seiner Kolumne schreibt Wynton Rufer exklusiv für 11FREUNDE, wie man Elfmeter richtig schießt und was Torhüter auf keinen Fall tun sollten.
Den ersten Elfmeter in meiner Karriere für Werder Bremen verschoss ich. Es war in der Saison 1989/90 am 11. Spieltag zu Hause gegen Eintracht Frankfurt. Deren Schlussmann Uli Stein konnte in der 9. Minute beim Stand von 0:0 meinen harten Flachschuss parieren. Wir verloren das Spiel am Ende 1:2. Warum hatte ich diesen Elfmeter verschossen? Nun, ich machte den Fehler, den viele erfolglose Schützen vor mir bereits gemacht hatten: Ich hielt einfach drauf. Die Art von Elfmeter, wie man den Torwart ausguckt, beherrschte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das sollte sich ändern. Seit jenem Fehlschuss versiebte ich nie wieder einen Elfmeter in einem Pflichtspiel. 16 Versuche: Alle landeten im Netz.
Kalli Kamp war der Lehrmeister
Mein Lehrmeister für diese Form des Strafstoßes war der ehemalige Werder Profi Kalli Kamp. Seit 1970 ist er im Verein und war lange Jahre Assistenz- und Co-Trainer von Otto Rehhagel, Dixie Dörner, Felix Magath, Wolfgang Sidka und Thomas Schaaf. Nach jedem Training machten einige Spieler Sonderschichten mit Kalli. Oft schossen wir gegeneinander Elfmeter. Kalli hat eine super Schusstechnik. Kurz vor seinem letzten Schritt hat er nur den Torwart angeguckt und dessen Reaktion abgewartet. Daraufhin habe ich versucht auch so zu schießen, aber ich musste sehr viel üben, weil diese Art von Elfmeter sehr schwierig ist: Anlaufkontrolle, Ballgefühl, Konzentration, Ruhe. Alles ist wichtig. Dafür braucht man Geduld. Wir machten das monatelang, sind ständig gegeneinander angetreten. Einer schießt, der andere geht ins Tor und am Ende gewinnt wer? Kalli. Meine Elfertechnik wurde trotzdem ausgereifter, doch unser etatmäßiger Schütze im Team blieb zunächst Uwe Harttgen.
Am Tag vor dem Europapokalspiel der 1. Runde gegen Hannover trainierte ich nochmal mit Kalli zusammen Elfmeter. Er Fünf, dann ich Fünf. Er traf viermal, den letzten konnte ich halten. Im Anschluss traf ich alle Fünfe. Zum ersten Mal konnte ich Kalli besiegen. Am nächsten Tag bei der Mannschaftsbesprechung sagte unser Trainer Otto Rehhagel nur: »Elfmeter schießt...«, in diesem Moment sprang ich auf und schrie: »Ich möchte schießen.« Und Otto meinte: »Ok«. Nach der Sitzung kam Uwe Harttgen zu mir und war etwas sauer, weil ich ihm seinen Posten weggenommen hatte. Er meinte: »Ich schieß die normalerweise«. Ich sagte nur: »Gut, jetzt schieß ich.«
Gegen Hannover die Hosen voll gehabt
Dann kam es zu dem Europapokalspiel beim damaligen Zweitligisten Hannover 96 am 30. September 1992. Ein sehr wichtiges Spiel für uns. In der 18. Minute gab es Handelfmeter für uns beim Stand von 0:0. Ich hatte die Hosen voll, obwohl ich zuvor schon einige Strafstöße in der Bundesliga verwandelt hatte, u.a. gegen die Bayern im Olympiastadion als Uwe Harttgen drei Minuten zuvor ausgewechselt wurde. Ich sagte mir nur: Bleib ruhig. Tief durchatmen. Ganz wichtig ist: Langer Anlauf; also vier, fünf Schritte mit Schwung, damit ich scharf schießen konnte. Ich brauchte den Ball nicht anzusehen, denn ich wusste, er liegt immer von mir aus gesehen in der Mitte des Tores. Ich lief also an, und als mein Standbein noch nicht mal neben dem Ball stand, sprang 96-Keeper Jörg Sievers schon in eine Ecke. Ich konnte locker einnetzen. In einer solchen Drucksituation zu treffen, hat mir unheimlich viel Selbstvertrauen für meine kommenden Elfmeter gegeben.
Im Laufe meiner Karriere merkte ich, dass sich viele Torhüter viel zu früh für eine Ecke entschieden. Ich verzögerte nur kurz meinen Anlauf, sah sie an und musste dort hinschieben, wo sie nicht hinflogen. Diese Selbstsicherheit machte mich natürlich überheblich. Beim legendären 4:1 zu Hause gegen Bayern München in der Meistersaison 1992/93, als Andi Herzog ein Bomben-Spiel machte und ich zwei Elfmeter verwandelte, da war ich so frech, dass ich beim Stand von 0:1 (Ziege hatte die Münchner in Führung gebracht) auf Bayern-Keeper Gospodarek zuging und ihm vor dem Elfmeter sagte: »Junge, wenn du ihn halten willst, dann musst du stehen bleiben. Spring erst, wenn ich geschossen habe.« Daraufhin kam gleich Lothar Matthäus angerannt, hat mich geschubst und schmiss mir sämtliche Schimpfwörter an den Kopf, die er im Repertoire hatte. Gospodarek blieb dann auch stehen, aber ich machte ihn trotzdem rein, weil ich zu platziert geschossen hatte. Die selbe Aktion machte ich später noch mal mit BVB-Keeper Stefan Klos in einem DFB-Pokal-Viertelfinale.
Marcel Desailly tanzte Voodoo
Der verrückteste aber auch der wichtigste Elfmeter meiner Karriere war beim Heimspiel gegen den AC Mailand in der Champions League 1993/94. Beim Stand von 0:0 bekamen wir einen Strafstoß. Ich legte mir den Ball auf den Punkt. Der damalige Milan-Verteidiger Marcel Desailly kam zu mir und fing an afrikanische Voodoo-Tänze aufzuführen. Er sang ghanaisch und wackelte mit seinen Händen über meinem Kopf. Der Franzose mit ghanaischen Wurzeln wollte mich offenbar verhexen. Ich wusste, dass er Englisch sprechen konnte, also sagte ich zu ihm: »Junge, das kannst du vergessen hier mit deinen Gebeten« Danach verwandelte ich den Elfmeter, ging an Desailly vorbei und meinte nur: »Was habe ich dir gesagt?« Elfmeter sind keine Hexerei. Es ist immer die gleiche Situation: Eins gegen Eins. Ob vor 60000 Zuschauern oder vor 600. Ob mit Voodoo oder ohne.
Mein einfachster Elfmeter war der gegen Barcas Torwart Andonino Zubizaretta im europäischen Supercupfinale 1992. Der ist schon Sekunden vorher in eine Ecke gehechtet. Ich brauchte nur noch einzuschieben. Sicher erfordern Elfmeter auch Nervenstärke und wer keine hat, der sollte sich möglichst vom Punkt fernhalten. Aber ein richtig guter Schütze wird man nur mit ständiger Übung und natürlich mit Spaß an der Sache. Den hatte ich auch mit meinem Lehrmeister Kalli Kamp. Ohne ihn wäre ich nie ein so guter Elfmeterschütze geworden.
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