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06.08.2009

Die Wynton Rufer Kolumne (1)

Keine Angst vor Voodoo

Text: Wynton Rufer, Protokoll: Fabian Friedmann  Bild: Imago

Kaum ein Bundesligaspieler verwandelte so cool seine Elfmeter. Im ersten Teil seiner Kolumne schreibt Wynton Rufer exklusiv für 11FREUNDE, wie man Elfmeter richtig schießt und was Torhüter auf keinen Fall tun sollten.

Die Wynton Rufer Kolumne (1) - Keine Angst vor Voodoo


Den ersten Elfmeter in meiner Karriere für Werder Bremen verschoss ich. Es war in der Saison 1989/90 am 11. Spieltag zu Hause gegen Eintracht Frankfurt. Deren Schlussmann Uli Stein konnte in der 9. Minute beim Stand von 0:0 meinen harten Flachschuss parieren. Wir verloren das Spiel am Ende 1:2. Warum hatte ich diesen Elfmeter verschossen? Nun, ich machte den Fehler, den viele erfolglose Schützen vor mir bereits gemacht hatten: Ich hielt einfach drauf. Die Art von Elfmeter, wie man den Torwart ausguckt, beherrschte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das sollte sich ändern. Seit jenem Fehlschuss versiebte ich nie wieder einen Elfmeter in einem Pflichtspiel. 16 Versuche: Alle landeten im Netz.



Kalli Kamp war der Lehrmeister

Mein Lehrmeister für diese Form des Strafstoßes war der ehemalige Werder Profi Kalli Kamp. Seit 1970 ist er im Verein und war lange Jahre Assistenz- und Co-Trainer von Otto Rehhagel, Dixie Dörner, Felix Magath, Wolfgang Sidka und Thomas Schaaf. Nach jedem Training machten einige Spieler Sonderschichten mit Kalli. Oft schossen wir gegeneinander Elfmeter. Kalli hat eine super Schusstechnik. Kurz vor seinem letzten Schritt hat er nur den Torwart angeguckt und dessen Reaktion abgewartet. Daraufhin habe ich versucht auch so zu schießen, aber ich musste sehr viel üben, weil diese Art von Elfmeter sehr schwierig ist: Anlaufkontrolle, Ballgefühl, Konzentration, Ruhe. Alles ist wichtig. Dafür braucht man Geduld. Wir machten das monatelang, sind ständig gegeneinander angetreten. Einer schießt, der andere geht ins Tor und am Ende gewinnt wer? Kalli. Meine Elfertechnik wurde trotzdem ausgereifter, doch unser etatmäßiger Schütze im Team blieb zunächst Uwe Harttgen.

Am Tag vor dem Europapokalspiel der 1. Runde gegen Hannover trainierte ich nochmal mit Kalli zusammen Elfmeter. Er Fünf, dann ich Fünf. Er traf viermal, den letzten konnte ich halten. Im Anschluss traf ich alle Fünfe. Zum ersten Mal konnte ich Kalli besiegen. Am nächsten Tag bei der Mannschaftsbesprechung sagte unser Trainer Otto Rehhagel nur: »Elfmeter schießt...«, in diesem Moment sprang ich auf und schrie: »Ich möchte schießen.« Und Otto meinte: »Ok«. Nach der Sitzung kam Uwe Harttgen zu mir und war etwas sauer, weil ich ihm seinen Posten weggenommen hatte. Er meinte: »Ich schieß die normalerweise«. Ich sagte nur: »Gut, jetzt schieß ich.«

Gegen Hannover die Hosen voll gehabt

Dann kam es zu dem Europapokalspiel beim damaligen Zweitligisten Hannover 96 am 30. September 1992. Ein sehr wichtiges Spiel für uns. In der 18. Minute gab es Handelfmeter für uns beim Stand von 0:0. Ich hatte die Hosen voll, obwohl ich zuvor schon einige Strafstöße in der Bundesliga verwandelt hatte, u.a. gegen die Bayern im Olympiastadion als Uwe Harttgen drei Minuten zuvor ausgewechselt wurde. Ich sagte mir nur: Bleib ruhig. Tief durchatmen. Ganz wichtig ist: Langer Anlauf; also vier, fünf Schritte mit Schwung, damit ich scharf schießen konnte. Ich brauchte den Ball nicht anzusehen, denn ich wusste, er liegt immer von mir aus gesehen in der Mitte des Tores. Ich lief also an, und als mein Standbein noch nicht mal neben dem Ball stand, sprang 96-Keeper Jörg Sievers schon in eine Ecke. Ich konnte locker einnetzen. In einer solchen Drucksituation zu treffen, hat mir unheimlich viel Selbstvertrauen für meine kommenden Elfmeter gegeben.

Im Laufe meiner Karriere merkte ich, dass sich viele Torhüter viel zu früh für eine Ecke entschieden. Ich verzögerte nur kurz meinen Anlauf, sah sie an und musste dort hinschieben, wo sie nicht hinflogen. Diese Selbstsicherheit machte mich natürlich überheblich. Beim legendären 4:1 zu Hause gegen Bayern München in der Meistersaison 1992/93, als Andi Herzog ein Bomben-Spiel machte und ich zwei Elfmeter verwandelte, da war ich so frech, dass ich beim Stand von 0:1 (Ziege hatte die Münchner in Führung gebracht) auf Bayern-Keeper Gospodarek zuging und ihm vor dem Elfmeter sagte: »Junge, wenn du ihn halten willst, dann musst du stehen bleiben. Spring erst, wenn ich geschossen habe.« Daraufhin kam gleich Lothar Matthäus angerannt, hat mich geschubst und schmiss mir sämtliche Schimpfwörter an den Kopf, die er im Repertoire hatte. Gospodarek blieb dann auch stehen, aber ich machte ihn trotzdem rein, weil ich zu platziert geschossen hatte. Die selbe Aktion machte ich später noch mal mit BVB-Keeper Stefan Klos in einem DFB-Pokal-Viertelfinale.

Marcel Desailly tanzte Voodoo

Der verrückteste aber auch der wichtigste Elfmeter meiner Karriere war  beim Heimspiel gegen den AC Mailand in der Champions League 1993/94. Beim Stand von 0:0 bekamen wir einen Strafstoß. Ich legte mir den Ball auf den Punkt. Der damalige Milan-Verteidiger Marcel Desailly kam zu mir und fing an afrikanische Voodoo-Tänze aufzuführen. Er sang ghanaisch und wackelte mit seinen Händen über meinem Kopf. Der Franzose mit ghanaischen Wurzeln wollte mich offenbar verhexen. Ich wusste, dass er Englisch sprechen konnte, also sagte ich zu ihm: »Junge, das kannst du vergessen hier mit deinen Gebeten« Danach verwandelte ich den Elfmeter, ging an Desailly vorbei und meinte nur: »Was habe ich dir gesagt?« Elfmeter sind keine Hexerei. Es ist immer die gleiche Situation: Eins gegen Eins. Ob vor 60000 Zuschauern oder vor 600. Ob mit Voodoo oder ohne.

Mein einfachster Elfmeter war der gegen Barcas Torwart Andonino Zubizaretta im europäischen Supercupfinale 1992. Der ist schon Sekunden vorher in eine Ecke gehechtet. Ich brauchte nur noch einzuschieben. Sicher erfordern Elfmeter auch Nervenstärke und wer keine hat, der sollte sich möglichst vom Punkt fernhalten. Aber ein richtig guter Schütze wird man nur mit ständiger Übung und natürlich mit Spaß an der Sache. Den hatte ich auch mit meinem Lehrmeister Kalli Kamp. Ohne ihn wäre ich nie ein so guter Elfmeterschütze geworden.


Wynton Rufer@11Freunde




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Kommentare

  • User
  • 06.08.2009 11:52:36 Lefois

    Kiwi ist halt einfach eine coole Sau. Ein Held meiner Jugend.

  • User
  • 06.08.2009 13:27:17 wojcicki

    Ja, da ich damals dabei war wollte ich nur anfügen: Bei Kiwis Elfer gegen Jörg Sievers mit für Bremen ja unmöglichen 57.000 Zuschauern waren natürlich nur die Hannoveraner heimisch. Rune und Marco hatten die Hosen richtig voll. Verstehen kann ich´s, obwohl ich ja getroffen hab ...

  • User
  • 06.08.2009 13:41:19 wojcicki

    Kann mich mal jemand erschießen! Wo war ich ..?

  • User
  • 06.08.2009 14:04:52 Fabian Friedmann

    Stimmt, das war natürlich in Hannover. Wird sofort bereinigt.

  • User
  • 06.08.2009 14:12:07 wojcicki

    Klärt mich jetzt mal einer auf! Hab ich Sie nicht mehr alle oder Kiwi? Ich hätte schwören können ich war dabei, aber definitiv nicht in Bremen. Mir wurde grad kurzfristig das Spiel meines Lebens gelöscht. 57.000 in Bremen, ging das je? Wie erklärt sich der Spielort in sämtlichen Datenbanken?
    FussballFußballdaten
    Aber anscheinend meine mehere in Hannover dabeigewesen zu sein!
    Welche Matrix läuft hier gerade ab?

  • User
  • 07.08.2009 01:06:07 wojcicki

    Also, damit man die Links oben versteht: Hab beiden Datenbanken ne kurze Notiz geschickt. Und die Jungs sind schnell, ursprünglich genannter Spielort Weserstadion ist jetzt korrigiert. Nur um Wynton mach ich mir´n paar Sorgen ...

  • User
  • 08.08.2009 04:20:41 Gude

    Jungs...

    Sitze gerade bei Wynton in Auckland im Büro und er sagt, dass der erste Elfer, den er mit der "Kalli - Kamps - Technik" geschossen hat, 100% nicht der im Elfmeterschießen gegen Hannover war. Den ersten den er so geschossen hat, war im Europapokal, am 30.9.1992, auch in Hannover!

  • User
  • 11.08.2009 22:15:54 Madinho

    bei dem Spiel war ich im Stadion... aber am verblüffendsten war der Elfer gegen RW Essen im Pokalfinale, den haben wir uns 10x auf Video angeguckt um zu sehen, wie er den Torwart ausgetrickst hat, es war nicht zu erkennnen, nur dass der wie hypnotisiert stehen geblieben ist und Kiwi ihn wie fast immer - ich möchte sagen in Zeitlupe- reingeschoben hat. Wahnsinn

  • User
  • 12.08.2009 12:04:25 Fabian Friedmann

    ok. Danke für den Hinweis. Ich habe es geändert. Jetzt herrscht Klarheit. Das ging wohl in der Telefonkonferenz zwischen Neuseeland und Deutschland unter, dass es der Elfmeter gegen Hannover im Europapokal war und nicht im DFB Pokal. Zum Glück sitzen unsere Informanten in Wyntons Büro. ;) Beste Grüße nach NZ aus Berlin.

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