Die Liga vor ihrer 47. Saison
Tausend Mal Thorben
Text: Philipp Köster Bild: Imago
Die Bundesliga startet in ihre 47. Saison. Und nichts ist sicher: Stürzt Wolfsburg ab? Versetzt Skibbe Frankfurt in haltlose Euphorie? Und hat van Gaal Informanten im P1? Eine Standortbestimmung von Philipp Köster.
Die Mannschaftsbilder
Sind in diesem Jahr eine einzige Enttäuschung. Man könnte wortreich bedauern, dass sich auch in diesem Jahr niemand gefunden hat, der sich in Erinnerung an Thorsten Legat die Buchse bis zur Bewusstlosigkeit hochgezogen oder zumindest dem Nebenmann Hasenöhrchen gemacht hat. Aber auch jenseits solch zivilen Ungehorsams ist das Genre des Gemeinschaftsbildes mittlerweile vollständig heruntergerockt. Was einerseits an den Spielern selbst liegt, die ausnahmslos dem herrschenden Diktat der Bürzelfrisur folgen, mit dem Erfolg, dass inzwischen kaum einer nicht so aussieht wie Thorben Marx. Andererseits haben auch die Klubs dazu beigetragen, finden sich doch statt eines unschuldigen Taxofit-Koffers inzwischen halbe Gewerbeparks auf den Mannschaftsbildern wieder. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das erste Mannschaftsbild wegen einer Massenpanik geschlossen werden muss. Wurden früher ausnahmsweise auch die Co-Trainer aufs Bild gebeten, darf sich heute jeder Schülerpraktikant vom Ticket-Counter einreihen. Beim FC Schalke etwa stellt der Betreuerstab in diesem Jahr erstmals eine ganze Reihe. Mit dem Erfolg, dass sich sauerländische Schalke-Anhänger zunächst ausgiebig über einen bis dato nicht registrierten Neuzugang freuen, um dann ernüchtert nachlesen zu müssen, dass es sich lediglich um den kurzfristig verpflichteten Ökotrophologen handelt. Was immer das auch sein mag. Natürlich, auch auf den glatt gebürsteten Aufnahmen der Neuzeit findet sich manche Preziose: Auf dem letztjährigen Foto des Bayern-Kaders etwa bekam Miro Klose einen überdimensionalen Koffer vor die Füße gestellt, um zu kaschieren, dass seine Arbeitschuhe nicht die erforderlichen drei Streifen aufwiesen. Schön auch, dass Oberhausens Betreuer Helmut Bormann nicht auf seine Sonnenbrille verzichten wollte. Wenn das Schule macht, schleppt der eine oder andere Masseur sicher demnächst auch ein Herrenhandtäschchen mit aufs Foto. Und die Marketingverantwortlichen des Zweitliga-Aufsteigers SC Paderborn müssen für das aktuelle Mannschaftsbild die komplette Ausgabe der örtlichen »Gelbe Seiten« durchgeackert haben, auf der überdimensionalen Werbetafel ist die lokale Handelskammer komplett vertreten.
Die Trainer
Die Bundesliga hat es sich mal wieder anders überlegt. Noch vor Jahresfrist galten blutjunge Übungsleiter mit einer Hundertschaft hochspezialisierter Mentaltrainer im Schlepptau als der letzte Schrei. Inzwischen wundert man sich fast, dass Egon Coordes und Rolf Schafstall nicht auch schon wieder dick im Geschäft sind und ihre Spielern mit höhnischem Gelächter im Entengang auf die Platzrunde schicken. Dass Traditionalist Felix Magath auf Schalke wie ein Erlöser empfangen wurde und der 64-jährige Jupp Heynckes in Leverkusen nicht den Vorsitz des Ältestenrats, sondern tatsächlich den Trainerjob angeboten bekam, hat mit der höchst seltsamen letzten Saison zu tun. Da galt zur Halbserie bereits als ausgemacht, dass allein die moderne Wissenschaft den entscheidenden Unterschied zwischen Spitzenmannschaften machen werde. Fasziniert starrte der deutsche Fußball nach Hoffenheim, wo Ralf Rangnick unter klinischen Bedingungen den Fußball ohne lästige Zufälle erprobte, unterfüttert von hochkomplexer Spielanalyse. Und dann wurde doch Felix Magath, der die wissenschaftlichen Proseminare der Kollegen stets maliziös lächelnd quittiert und keinen Hehl aus seiner Laktatintoleranz gemacht hatte, deutscher Meister. Gleich dahinter landete der FC Bayern mit dem rüstigen Senior Jupp Heynckes, dessen Training auch im nächsten Jahr sicher nicht für einschlägige Innovationspreise vorgeschlagen wird. Seither werden vielerorts wieder die eher rustikalen Vertreter der Trainerzunft bevorzugt. Auch und gerade beim FC Bayern, wo Louis van Gaal sich offenbar sehr in der Rolle des knurrigen Patriarchen gefällt, dem Boulevard fleißig Futter gibt und nicht einmal dann lachen muss, wenn er die flächendeckende Satellitenüberwachung der Spieler in der Warteschlange vor dem P1 ankündigt. Erstaunlich aber auch, dass Bruno Labbadia nun zugetraut wird, den Hamburger SV in internationale Höhen zu führen, wo doch nicht nur Leverkusener Funktionäre ihm eine eher eindimensionale Auffassung vom modernen Fußballspiel unterstellten.
Aus Heft #93 Sonderheft 2009/10






