Bernd Schneiders Karriereende
Schnix kann nicht mehr
Text: Marco Weber Bild: Imago
Bernd Schneider hat aufgehört – am Tag, als Michael Jackson starb. Der Tod des Megastars verdrängte ihn aus den Schlagzeilen. Also noch mal: Wir werden »Schnix« nie wieder spielen sehen. Ein wehmütiger Rückblick.
»Diese Entscheidung ist mir sehr schwergefallen, ich trage aber Verantwortung für meine Familie und folge daher dem Ratschlag meiner Ärzte«. Mit diesem Satz beendete Bernd Schneider, der wohl technisch talentierteste Fußballer, den Deutschland in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat, seine große Karriere.
Schuld ist ein Bandscheibenvorfall, den er sich im April 2008 zugezogen hat. Bei einer neuerlichen ärztlichen Untersuchung kam jetzt heraus, dass das Rückenmark zu sehr beschädigt ist, um die Karriere fortzusetzen.
»Hiobsbotschaft für Löw, Schneider fällt für die EM aus«, hieß es 2008. Besonders tragisch, da die EM sein letztes großes Turnier werden sollte. Doch der Rückschlag sollte ihn nicht aufhalten, umgehend ließ er sich in Hannover operieren und kämpfte fast ein ganzes Jahr lang für sein Comeback in der Bundesliga, 18 Jahre nach seinem ersten Profispiel.
Hobby: Schnicken
Bernd Schneider galt nie als Riesentalent, er bekam keine Vorschusslorbeeren ab und gab auch nicht schon mit Anfang 20 sein Debüt in der Nationalmannschaft. Angefangen zu kicken, oder besser zu »schnicken«, wie er es mit seinen Freunden immer nannte, hat er in seiner Heimatstadt Jena. Da er vom Schnicken nicht genug bekommen konnte, hatte er schnell seinen Spitznamen weg. Bei Carl Zeiss Jena eiferte »Schnix« seinem Vorbild Diego Maradona nach. Das Gefühl im Fuß und der Hang zu den besonderen Dingen, das zeichneten ihn schon immer aus. Er war einer, der mal ein Großer werden könnte. Das er irgendwann die bundesdeutsche Nationalmannschaft aufs Feld führen würde, daran war allein schon aus politischen Gründen nicht zu denken.
Mit 17, kurz nach der Wende, durfte er zum ersten Mal in der Jenaer Zweitligaelf ran, drei Jahre später hatte er sich fest in die Mannschaft gespielt und schaffte mit seinem Club den Wiederaufstieg in Liga Zwei, wo er sich als torgefährlicher, offensiver Mittelfeldspieler für höhere Aufgaben empfahl. Ganz nebenbei gewann er in der Aufstiegssaison mit seiner Mannschaft den Thüringenpokal, es sollte der einzige Titelgewinn seiner Karriere bleiben. Nach dem Abstieg 1998 verließ Schneider erstmals für längere Zeit die Thüringische Heimat und ging zu Eintracht Frankfurt, um mit 24 sein Bundesligadebüt zu feiern.
In einer chaotischen Saison mit drei verschiedenen Trainern war Schneider eine der Konstanten im Team, erzielte vier Tore und bereitete sieben Treffer vor. Das weckte Begehrlichkeiten bei anderen Clubs, und noch vor Ende der Saison unterschrieb er einen Vertrag bei Bayer Leverkusen. Bevor es mit Bayer in die Champions League ging, stand aber noch das Abstiegsendspiel gegen Kaiserslautern an. Bis heute unvergessen gewann die Eintracht nach der torlosen ersten Halbzeit mit 5:1 und schaffte den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt. Das 4:1 erzielte der überragende Schneider per Volleyschuss nach Flanke von Chen Yang.
Zur Belohnung wurde er im Sommer für den Confed-Cup nominiert und feierte sein Länderspieldebüt, allerdings mit einer Mannschaft, die nicht mal den Ausdruck »B-Elf« rechtfertigen konnte. Der Start zu einer großen Nationalmannschaftskarriere hätte besser laufen können. Auch bei Bayer tat sich Schneider am Anfang schwer und war lange nicht die Führungspersönlichkeit, die wir heute kennen.
Einen Meilenstein in der Karriere stellt die Saison 2001/2002 da. Mit der Mannschaft um Ballack, Kirsten, Zé Roberto und Lucio spielte Bayer eine Saison, die ihnen niemand zugetraut hatte. Sie schossen Manchester United und Liverpool aus der Champions League, standen kurz vor der Meisterschaft und zogen ins Pokalfinale ein. Und ein Mann ist aus der Startaufstellung nicht mehr wegzudenken: Bernd Schneider. Auf seiner Position im halbrechten Mittelfeld setzt er die Angreifer immer wieder blendend in Szene und sorgt für die besonderen Momente, wie man es sonst nur von Südamerikanern kennt. Schnell hat er seinen Ruf weg als »weißer Brasilianer« und als letzter deutscher Straßenfußballer. Schneider, längst kein Vorzeigeprofi, der auf Zigaretten verzichten könnte, hat nie viel von solchen Klischees gehalten.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayer Leverkusen






