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29.05.2009

Christoph Dabrowski über Schmerzmittel

»Einfach eingeschmissen«

Text: Tim Jürgens  Bild: Mareike Foecking

Teil 2 unserer Interviewserie zum Thema »Schmerzmittel« mit Christoph Dabrowski. Der Bochumer über den Druck bei leistungsbezogenen Verträgen, die Betäubung der Schmerzen und Wetterumschwünge im Kopf.

Christoph Dabrowski über Schmerzmittel - »Einfach eingeschmissen«


Christoph Dabrowski, der schwedische Stürmer Henrik Larsson hat mal auf die Frage eines Reporters, was er denkt, wenn er auf den Platz kommt, geantwortet: »Jetzt wird es gleich unheimlich weh tun«. Können Sie das nachvollziehen?

Je älter man wird, desto deutlicher spürt man seine Knochen. Wenn noch ein paar Operationen dazu kommen, merkt man das noch intensiver.




Wo tut Ihnen der Fußball am meisten weh?


Probleme mit Sprunggelenk oder Knie habe ich zum Glück noch nicht, aber ich bin jetzt 30 und es gibt Tage, an denen auch ich meine Knochen morgens beim Aufstehen merke, weil ich nun jahrelang unter Höchstbelastung spiele.

Welches waren die schlimmsten Verletzungen Ihrer Karriere?


Ich hatte 2003 einen Trümmerbruch im Gesicht. Eine Minute vor Schluss hat mich mein Gegenspieler mit seinem Kopf  an meinem getroffen. Es war der Orbitabogen, ein kleiner Knochen unterhalb des Auges, der war gebrochen, dazu das Jochbein und die Kieferhöhle. Leider hat sich das Ganze 2008 nochmal wiederholt, nur auf der linken Seite.

Dieselbe Verletzung nur in der anderen Gesichtshälfte?


Da war auch die Augenhöhle gebrochen. Dort ist nun auch die Platte zu sehen, die dort eingesetzt wurde, weil ein kleiner Knochen abgebrochen ist. Nach Saisonende wird sie wieder herausgeholt. Am Anfang hatten wir Angst, dass auch der Sehnerv davon beeinträchtigt wird.

Wie lange haben Sie nach den Brüchen im Gesicht pausiert?


2003 ist die Verletzung fünf Spiele vor der Sommerpause passiert. Da war die Saison für mich gelaufen. Ich habe also nicht den Druck verspürt, schnellstmöglich zurückzukommen. Neun Wochen nach der Verletzung bin ich ganz normal in die Saisonvorbereitung eingestiegen.

Und wann sind Sie nach dem Unfall 2008 zurück gekommen?


Ich habe schon nach vier Wochen wieder das erste Spiel gemacht, allerdings mit einem Gesichtsschutz. Ich hatte einfach die Motivation schnellstmöglich wieder auf dem Platz zu stehen. Das ist auch ein psychologisches Ding. Wenn man sich immer einredet »Scheiße, es geht nicht, das dauert zu lange«, dann zieht sich die Verletzungspause auch dementsprechend länger hin.

Können Sie den Schmerz beschreiben?


Das Schlimmste war am Tag der Verletzung, nach dem Trauma. Ich hatte unheimliche Kopfschmerzen und mir wurde übel. Ich habe mich dann auch mehrmals übergeben, weil ich spürte, dass der Knochen gebrochen ist.

Wie groß ist der Leistungsdruck in der Bundesliga, auch bei noch nicht vollständig ausgeheilten Verletzungen vorzeitig wieder aufzulaufen?


Groß. Jeder Spieler will seinen Stammplatz behalten und letztlich geht es immer auch um Geld und Verträge. Nicht alle Spieler verdienen genug Geld, wenn sie nicht auf dem Platz stehen. Der Großteil der Spieler hat leistungsbezogene Verträge. Da spielt das Geld natürlich auch eine wichtige Rolle, schnell wieder fit zu sein.

Haben Sie schon mal mit Schmerzmitteln Ihren Einsatz gesichert?


Das ist gang und gäbe in der Bundesliga. Es gibt Situationen, in denen man sich bewusst entscheidet, auf die Zähne zu beißen und nimmt dann vor dem Spiel Tabletten, um den Schmerz zu unterdrücken. Aber irgendwann wirken die auch nicht mehr.

Wenn man sie zu oft nimmt?


Ja, genau. Man betäubt den Schmerz, aber die Verletzung wird vielleicht sogar noch schlimmer, weil man dagegen an arbeitet. Und irgendwann ist der Schmerz so schlimm, dass Tabletten nicht mehr helfen.

Bei welcher Art von Verletzung macht die Einnahme von Schmerzmitteln Sinn?


Ich habe noch nie ein Muskelproblem mit einer Schmerztablette behandelt. Das bringt nichts. Denn es hat keinen Sinn einen Muskel zu betäuben, der nicht 100 Prozent leistungsfähig ist. Bei Bänderverletzungen ist es etwas anders. Man taped den Fuß, betäubt den Fuß und hat das Gefühl, dass man normal laufen kann.

Auf welche Mittel wird dabei zurück gegriffen?


Es gibt mehrere Möglichkeiten: Es gibt Tabletten, die den Schmerz betäuben, zum Beispiel Voltaren oder Ibuprofen, und es gibt Spritzen mit dem Naturpräparat Traumeel, das ist eine noch stärkere Form der Unterdrückung.

Inwieweit geben die Ärzte einem Spieler das Okay, und wann ist der Spieler selbst die treibende Kraft?


Ich spreche mit dem Arzt die möglichen Folgen ab und hier in Bochum entscheiden wir Spieler dann selbst, ob wir auflaufen oder nicht.

Heißt das, dass es bei anderen Vereinen anders zugeht?


Das kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich es noch nicht miterlebt habe. Wenn ein Verein von einem Spieler besonders abhängig ist, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Verantwortlichen auf den Spieler einreden, so dass dieser unterschwellig das Gefühl bekommt, unter Druck zu sein.

Sind Sie schon mal bewusst gegen Ihren Schmerz angegangen?


Nach meiner Gesichtsverletzung 2008 stand ich nach vier Wochen wieder auf dem Platz – das war schon sehr früh, denn ein Knochen braucht vier bis sechs Wochen, um auszuheilen. Das war ein Risiko, aber ich habe gespürt, dass ich das mit meinem Kopf vereinbaren kann. Ich habe keinerlei Druck vom Verein gespürt.



Ergänzung zu Heft #91 06/2009

Messi! Der Junge aus Rosario


weiterlesen [1] [2]



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