Dortmund klettert bergauf
Spielen in Hanglage
Text: Benni Kuhlhoff Bild: Imago
Borussia Dortmund musste gegen Wolfsburg nach einer langen Siegesserie die erste Niederlage einstecken. Dennoch bleiben die Borussen ein ernst zu nehmender UEFA-Cup-Kandidat. Wer hätte damit vor der Saison gerechnet?
Die Karriere des Dortmunder Mittelfeldspielers Nuri Sahin wurde maßgeblich durch ein Gefälle geprägt. Unweit der elterlichen Wohnung im westfälischen Meinerzhagen lernte der junge Türke seine ersten Tricks am Ball auf einem Bolzplatz, der so abschüssig gelegen war, dass er in alpinen Skigebieten Anfängern als Übungshang gedient hätte. Sahin kickte während seiner Jugend täglich in diesem Gefälle, und lernte den Ball und sich selbst im Auf und Ab des Hanges zu kontrollieren.

Ein Leben im Gefälle - ein Sinnbild für den Saisonverlauf von Borussia Dortmund. Denn nach anfänglichen Problemen und einem zwischenzeitlichen Sinkflug in das Mittelmaß der Liga, hat sich die Mannschaft in der Rückrunde durch eine Serie von sieben Siegen in Folge langsam und unauffällig in die UEFA-Cup Ränge vorgespielt. Dabei war die Saison der Dortmunder eigentlich schon abgehakt und als Eingewöhnungszeit für den neuen Trainer Jürgen Klopp verbucht. Allerdings ist der noch vor vier Wochen ausgegebene Auftrag, am Saisonende wenigstens vor dem Lieblingsgegner aus Gelsenkirchen stehen zu wollen, bereits erfüllt, und so wagt man es in Dortmund langsam weiter nach oben zu schauen. Die aktuelle Erfolgserie lässt dabei alle Möglichkeiten offen. Sogar der Begriff »Champions League« wird rund um den Borsigplatz wieder in den Mund genommen – wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Doch was sind die Gründe für den der Wandel des BVB vom mittelklassigen Krisenverein zum ernsthaften UEFA-Cup Aspiranten? Kritiker könnten anführen, dass in dieser verrückten Saison so ziemlich jeder Club mit einer kleinen Siegesserie nach oben hätte gespült werden können, und deswegen der Erfolg der Dortmunder nicht mehr als eine Momentaufnahme sei. Doch so einfach ist es nun doch nicht, denn die Mannschaft hat unter ihrem neuen Trainer Jürgen Klopp eine echten Sprung gemacht. Bei einem genauen Blick auf die Bilanz der Schwarz-Gelben wird deutlich, dass die Dortmunder in dieser Saison auch ganz oben hätten mitspielen können.
Lehren und lernen
Dortmund hat in dieser Saison bisher nur fünf Mal verloren, so selten wie keine andere Mannschaft der Liga. Auch die bisher insgesamt 13 Unentschieden der Dortmunder sind ein Zeichen für eine neue Qualität. Denn Dortmund ist unter Jürgen Klopp nicht mehr die unsichere Mannschaft, die einfach nur irgendwie mitspielen will, sondern eine Einheit, die in jedem Spiel ihr Konzept verfolgt und auf Sieg spielt. Diese konsequenten, klar erkennenbare Linie wird auch eine Genugtuung für den kritisch beäugten Klopp sein. Nicht Wenige zweifelten vor der Saison, ob Klopp mit einer Aufgabe bei einem großen Club und vor allem außerhalb seiner Mainzer Heimat zurecht kommen würde. Diese Kritiker sind nun eines Besseren belehrt, denn der unter Dauerstrom stehende Übungsleiter schafft es, seinen natürlichen Enthusiasmus auf seine Mannschaft zu übertragen. Die wiederum ist gewillt genug, dazu zu lernen. Und auch der Fußballehrer Klopp selbst scheut sich nicht, Neues zu lernen. Zu Beginn der Saison verzichtete er beispielsweise noch dankend auf den Schweizer Alexander Frei im Sturmzentrum der Schwarz-Gelben, weil dessen Art Fußball zu spielen, nicht in das Konzept von Klopp zu passen schien. Zu passiv, zu wenig Arbeit nach hinten, das waren die Attribute, die den Publikumsliebling Frei zum Bankdrücker machten und ihn sogar im Winter über eine Abgang nachdenken ließen. Stattdessen vertraute Klopp auf Mohamed Zidan, der das ihm geschenkte Vertrauen aber zu selten in Zählbarem zurückzahlte. Also gab Klopp Frei eine zweite Chance und seit dessen Rückkehr in die Startformation gewann auch das Dortmunder Angriffspiel zunehmend an Stabilität. Seit der Schweizer wieder in der Startelf steht, ist Dortmund ungeschlagen.
Viele Spieler, jeden Tag ein bisschen besser machen
Klopp besitzt zudem die Fähigkeit, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um Leistungssprünge bei seinen Spielern hervor zu rufen. Spieler wie Patrick Owomoyela, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin galten noch vor der Saison als Problemfälle im Kader der Dortmunder. Doch Owomoyela ist mittlerweile kaum mehr aus der Mannschaft wegzudenken, Weidenfeller rückte jüngst sogar in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Und Nuri Sahin? Der kleingewachsene Türke hat sich aus seinem Leistungstief gekämpft und ist nun dabei, wieder unersetzlich für die Dortmunder zu werden. Vielleicht ist er sogar schon einen Schritt weiter, denn jüngst ließ er im kicker verlauten, dass er sich momentan in der »besten Phase« seiner Karriere befinde. Jürgen Klopp schafft es also, viele seiner Spieler jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Ein Credo an dem ein anderer Jürgen K. in München scheiterte.
Wohin es mit den Dortmunder am Ende der Saison geht, kann man in dieser undurchsichtigen Bundesligasaison allerdings kaum voraussagen. Vor ihnen liegen noch drei Spiele gegen Gegner, die allesamt noch um ihre eigenen Saisonziele kämpfen: Wolfsburg will den Titel, für Bielefeld und Gladbach geht es um das nackte Überleben. Sollte Dortmund aber tatsächlich seine Siegesserie ausbauen können, ist alles möglich. Sollten sie jedoch einknicken, könnten sie am Ende wieder mit leeren Händen da stehen. So ist das nun mal in der Bundesliga 2008/09 – es geht schnell hoch und genauso schnell wieder nach unten. Wie man damit umgeht, dass können die Borussen von Nuri Sahin lernen. Hoch und runter, das kennt er ganz genau– er ist eben aufgewachsen im Gefälle, dort drüben im westfälischen Meinerzhagen.








