Schwule Fußball-Profis
»Manche spielen betont hart«
Interview: Frank Bachner Bild: Imago
Die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, 45, befasst sich seit fünf Jahren mit dem Thema »Homosexualität und Fußball« und betreut schwule Bundesliga-Profis. Ein Gespräch über Leidensdruck und Versteckspiele.
Frau Eggeling, seit fünf Jahren forschen Sie über Homophobie im Fußball. Seit kurzem beraten Sie homosexuelle Profis. Spielen die in der Ersten Bundesliga?
Ja.
Wie kamen die auf Sie?
Jemand, der diese Profis kennt und dem sie vertrauen, hat ihnen meine Nummer gegeben. Ich bin bekannt in der Szene.
Und was erwarten die Spieler von Ihnen?
Sie suchen einen Weg, wie sie ihren Leidensdruck verringern können. Schwule Fußballer leben unter einem immensen Druck, weil sie sich nicht offenbaren dürfen. Und irgendwann wird der Druck fast unmenschlich.
Stehen diese Spieler vor dem Karriere-Ende? Dann wären die Folgen ja möglicherweise überschaubar.
Nein, sie denken nicht ans Aufhören. Aber sie spüren immer stärker, dass sie nicht so gut spielen, wie sie es könnten. Das ist die Folge des Leidensdrucks.
Wollen die sich deshalb nun outen?
Das lässt sich so nicht sagen. Einige würden sich das wünschen, für andere bleibt es trotz allem ausgeschlossen. Doch es geht zunächst darum herauszufinden, was ein solcher Schritt für sie bedeuten kann. Für alle gilt, dass sie ihre aktuelle Situation für schwer erträglich halten.
Was belastend ist die Situation für sie auf dem Feld?
Sie bemühen sich extrem, als heterosexuell zu gelten. Das bindet unwahrscheinlich viel Energie. Und diese Energie fehlt dann in der Vorbereitung aufs Spiel, und sie fehlt natürlich auch auf dem Platz.
Haben die Spieler mal konkret geschildert, wann sie versagt haben?
Konkret nicht. Aber sie erzählen von Verletzungen, die sich holen, weil sie sich nicht so gut aufs Spiel konzentrieren können.
Und weil sie im Zweikampf besonders den starken Mann markieren?
Ja, klar. Die Spieler sagen, dass sie betont hart einsteigen, um als echter Mann zu gelten.
Haben diese Spieler denn in ihrem Verein keine Vertrauensperson?
Nein. Denn je näher eine solche Vertrauensperson am Profifußball ist, umso größer ist die Gefahr, entdeckt zu werden.
Was befürchten denn die Profis, wenn sie entdeckt würden?
Sie könnten von den eigenen Fans ausgelacht und von denen des Gegners regelrecht beleidigt und geschmäht werden. Sie könnten auch persönliche Sponsoren verlieren. Ihr Marktwert könnte sinken, weil zukünftige Arbeitgeber erst gar keine schwulen Fußballer einstellen wollen oder sie für weniger belastbar halten als heterosexuelle Profis. Die Spieler haben auch Angst, dass sie nur noch auf der Bank sitzen oder, schlimmer noch, als Nestbeschmutzer gelten und aus dem Verein fliegen. Und natürlich haben sie Angst, dass ihnen dann alle möglichen Leute die Bude einrennen, Fans, Medien usw., Leute, die ihren Schritt begrüßen oder Leute, die aus voyeuristischem Interesse jedes Detail ihres Lebens ans Licht ziehen wollen.
Wissen die Menschen im direkten Umfeld dieser Spieler, dass sie homosexuell sind?
Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Aber mir ist bekannt, dass homosexuelle Fußballer durchaus psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Zu welchem Zweck?
Sie erfahren, wie sie mit dem Versteckspiel am besten klar kommen. Für diese Menschen geht es um die Frage: Wie schaffe ich es, mich 24 Stunden am Tag zu verstellen, ohne kaputt zu gehen?
Hatten diese Spieler mal das Gefühl, sie stünden kurz vor einem unfreiwilligen Outing?
Jeder schwule Spieler, der versteckt lebt, hat dieses Gefühl. Egal, ob diese Angst begründet ist oder nicht. Das Gefühl ist immer da, weil die Spieler schon in der F-Jugend gelernt haben, dass Fußball und Homosexualität nicht zusammenpassen.
Wie sieht denn dann ein persönliches Treffen mit Ihnen aus?
Ich richte mich nach dem Spieler. Je bekannter einer ist, umso verschwiegener muss der Treffpunkt sein.
Ein Bundesligaspieler lebt in einer grellen Medienwelt. Für ihn muss der Leidensdruck größer als für einen unauffälligen Regionalligaspieler.
Ich kann es mir vorstellen. Je mehr jede Bewegung beobachtet wird, umso enger legt sich die Schlinge um den Hals eines schwulen Spielers. Es gibt ja in der Bundesliga schon lange keine reine Sportberichterstattung mehr. Bei der WM sind die Frauen der Spieler auf der Tribüne gezeigt worden. Tenor: Das ist die Frau von dem, die andere gehört zu dem, der hat so und soviel Kinder und so weiter.
Da liegt der Gedanke nahe, dass die eine oder andere angebliche Begleiterin in Wirklichkeit eine Hostess ist, die zum Beispiel für einen Galaabend gebucht wurde, damit ein Profi nicht auffällt.
Natürlich gibt es angebliche Begleiterinnen, die in Wirklichkeit Hostessen sind. Es gibt viele Anlässe, bei denen man mit einer Begleiterin auftauchen sollte. Da wird dann eine Hostess gebucht oder eine Bekannte gefragt. Längere Zeit ohne Begleiterin aufzutauchen, das geht im Grunde für einen homosexuellen Spieler nicht. Er hätte das Gefühl, sich verdächtig zu machen.
Buchen diese Spieler Callboys?
Ich kenne solche Fälle, aber die sind schon länger her.
Meiden diese Spieler konsequent alle Schwulen-Szenen?
In Klubs oder zu sonstigen Treffpunkten können sie natürlich nicht gehen, das ist ausgeschlossen.






