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27.04.2009

Klinsmann und die Bayern-Bosse

Fliege ohne Flügel

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Der FC Bayern hat sich von Jürgen Klinsmann getrennt. Das hat sich angebahnt, und doch kam es plötzlich. Vor allem für die Bosse Hoeneß und Rummenigge selbst. Oder warum haben sie nun keinen vernünftigen Plan B auf Lager?

Klinsmann und die Bayern-Bosse - Fliege ohne Flügel


302 Tage hat sie gedauert, diese ungleiche Liaison zwischen dem Sunnyboy und der alten Tante von der Isar. Klinsmann und der FC Bayern: Ob das passt, daran hat es von Anfang an berechtigte Zweifel gegeben. Nur mit viel Zeit und Geduld, soviel stand fest, könnte zusammenwachsen, was eigentlich nicht zusammen gehört.



Eines kann man Jürgen Klinsmann nicht vorwerfen: Er hat diese Geduld stets gehabt. Er hat auch die redundantesten Fragereien (»Glauben Sie noch an die Meisterschaft?«) immer höflich und sachlich beantwortet. Auch in der bittersten Niederlage fand er ein Gran Mut und teilte es mit seinen Spielern. Noch am Sonntag sagte er, die Chemie zwischen ihm und der Mannschaft stimme. Er habe noch immer ausreichend Energie, um sein Projekt zu Ende zu führen.

Man mag das naiv nennen, man darf es aber auch ruhig bewundern: Wie ein Trainernovize nicht die Nerven verliert, wenn Heerscharen von Boulevardreportern auf seine Entlassung hinschreiben, wenn ein Rudel 15-Jähriger in der Südkurve nach seiner Entlassung brüllt (und dabei lächelt), wenn selbst sein Arbeitgeber, allen voran Franz Beckenbauer, ihn nur noch halbinteressiert beobachtet wie ein Lausebengel eine Fliege, der er die Flügel herausgerissen hat.

Kein Anlass zur Hoffnung auf goldene Zeiten

Ob sich sein »Projekt« im Laufe der letzten gut 10 Monate zum Guten entwickelt hat, darüber lässt sich freilich streiten. Leistungsträger verschlechterten sich (Demichelis, Schweinsteiger), wurden demontiert (van Bommel), junge Talente wurden verliehen (Toni Kroos), konnten nicht vom Heimweh geheilt werden (Lukas Podolski) oder wurden systematisch überschätzt (Breno). Auch war der Fußball, der gespielt wurde, selten so geartet, dass er Anlass zur Hoffnung auf goldene Zeiten geboten hätte.

Und doch ließe sich Bilanz auf dem Papier zumindest so schön reden, dass man die Saison ohne Trainerrauswurf über die Runden bringen könnte, wenn man es denn gewollt hätte: Dritter in der Bundesligatabelle mit nur drei Punkten Rückstand auf Wolfsburg, Viertelfinalteilnahme in der Champions League.

Eben dort verlor der FC Bayern mit 0:4 gegen den FC Barcelona. Eine narzisstische Kränkung für die Führungsriege um Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer. Sie mussten feststellen, dass sie nicht der Mittelpunkt Europas sind, sie, die es als Spieler allesamt waren. Das nahmen sie Klinsmann übel.

Zur Erinnerung, die Herren: Schon vor einem Jahr verlor der Verein unter Ottmar Hitzfeld im UEFA-Cup-Halbfinale mit gleichem Ergebnis gegen Zenit Sankt Petersburg. Zu glauben, dass dieser Leistungsrückstand in so kurzer Zeit aufzuholen sein würde – zumal mit sehr ähnlichem Spielermaterial, ergänzt durch Kandidaten wie Massimo Oddo, der beim europäischen Konkurrenten AC Milan keinen Stammplatz mehr hatte – erweist sich nun als Großmannssucht fern jeder Machbarkeit.

Die Verantwortlichen sind enttäuscht von Klinsmann. Das ist nun, am Tag seiner Entlassung, offiziell. Sie sollten genauso enttäuscht von sich selbst sein. Die Geduld, die geboten war, die Klinsmann an den Tag gelegt hat und die sie selbst vorgaben nicht verlieren zu wollen – sie haben sie nicht besessen. Klinsmanns Rauswurf legt Defizite im Wesen des Vereins offen, und er zeigt: Sein auf Langfristigkeit angelegtes Vorhaben hatte nie eine reelle Chance.

Und was noch schockierender ist: Die Führungsriege hätte dieses nicht allzu unrealistische Szenario (3. Platz, Aus gegen Barca) vorher durchdenken und Alternativen ersinnen müssen. Dass nun Trainerfossil Jupp Heynckes als Interimstrainer präsentiert wird, legt den Verdacht nahe, dass ein solcher Plan B nie existierte und über Nacht geschmiedet werden musste. Hat Hoeneß zuvor bei Hitzfeld angeklopft? Hatte Trapattoni keine Lust? Ging Dettmar Cramer nicht ans Telefon?       

Es bleibt der paradoxe Eindruck: Die Bosse haben sich auf Klinsmann verlassen. Doch geglaubt haben sie nicht an ihn.




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Kommentare

  • User
  • 27.04.2009 13:54:31 curryeck

    klinsmann hat selbst gewusst und hat das auch gesagt, dass er unter erfolgsdruck steht. auch sein ziel war es, die meisterschaft zu holen. und er hat angekündigt jeden spieler jeden tag ein bisschen besser machen zu wollen. er hat selbst eine hohe erwartungshaltung geschürt. ziel nicht ereicht! und tschüss!
    und was den plan b angeht. wie soll der denn aussehen? hallo herr mourinho, falls wir gegen barca eine klatsche kriegen und in der liga zurückfallen, wollen sie dann unser plan b sein? was ist denn gegen 5 spieltage mit heynckes zu sagen? wären 5 spieltage mit matthäus besser?

  • User
  • 27.04.2009 14:21:38 Turbostaat80

    Ooooh ja. Und definitiv unterhaltsamer.

  • User
  • 27.04.2009 19:07:58 Valpolicella

    Einspruch, Herr Gieselmann! "Und doch ließe sich Bilanz auf dem Papier zumindest so schön reden, dass man die Saison ohne Trainerrauswurf über die Runden bringen könnte, wenn man es denn gewollt hätte: .". Es geht um das "Wie"! Gegen Barca kann man als FC Bayern ausscheiden, aber nicht so blamabel! Und der 3. Platz wäre vermutlich akzeptabel, wenn erstens davor 2 Topteam der Liga stehen würden - dazu sind trotz einer starken Saison weder Wolfsburg noch Hertha zu zählen. Oder zweitens, wenn Klinsmann eine verjüngte und hungrige Mannschaft aufgebaut hätte (Rensing, Kroos, Jansen, Schweinsteiger, Podolski). Das wäre nämlich die Entwicklung gewesen, die er angekündigt hat ("Jeden Spieler...jeden Tag etc.). Doch in 10 Monaten hat Klinsmann nur gezeigt, dass es eines ist - motiviert! Aber das alleine reicht bei keinem Verein auf der Welt. Kein System, kein Ansatz (!) einer positiven Entwicklung, dazu Niederlagen bei Big Point-Spielen (Hertha, HSV, Wolfsburg, Schalke, Leverkusen im Pokal).

  • User
  • 27.04.2009 20:55:59 werderMichel

    Gab es eigentlich VOR Klinsmanns Trainerjob einen anderen Kandidaten? Oder ist es so, dass sich einfach für so einen unglaublichen , grossartigen Verein und "Rekord"meister gar keiner findet, der mit so einer Chefetage und so einem Umfeld zusammen arbeiten möchte?
    Wer hat welche Fehler gemacht? Zulange zuviel "Inzucht"? Wenn man sich jahrelang selbst falsch bewertet (und das geht bei feiner Medienlandschaft besonders gut-Kritik nur nach Absprache), tauchen Fragen auf, die jeder einfache Fussballfan beantworten kann. Nur die Bayern selbst nicht.

  • User
  • 27.04.2009 21:26:21 AntiMöller

    Ich glaube, bei der Eigeneinschätzung/Bewertung steht der FC Bayern in Europa verdammt gut da.
    Danke aber für Deine Nachfrage.

  • User
  • 28.04.2009 13:41:45 curryeck

    Ja, Turbostaat80, matthäus würde für einen extrem hohen unterhaltungswert sorgen. das ergebnis wäre bestimmt revolutionär. aber ich denke, hoenness steht immer noch zu seiner platzwart-aussage.
    zu Valpolicella kann ich nur sage: volle zustimmung!

  • User
  • 28.04.2009 13:50:53 thilo89

    Danke Herr Gieselmann, dass Sie es (mal wieder) schaffen, einen Kommentar (in dem Sie zurecht Ihre eigene, jedoch streitbare) Meinung zum Ausdruck bringen durch unqualifizierte Einschübe zu ergänzen. Das gibt dem ganzen erst die richtige Würze!

    "wenn ein Rudel 15-Jähriger in der Südkurve nach seiner Entlassung brüllt (und dabei lächelt)"

    Warum kann man Fanmeinung nicht einfach Fanmeinung sein lassen und diese als solche akzeptieren und ernst nehmen?

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