Klinsmann und die Bayern-Bosse
Fliege ohne Flügel
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Der FC Bayern hat sich von Jürgen Klinsmann getrennt. Das hat sich angebahnt, und doch kam es plötzlich. Vor allem für die Bosse Hoeneß und Rummenigge selbst. Oder warum haben sie nun keinen vernünftigen Plan B auf Lager?
302 Tage hat sie gedauert, diese ungleiche Liaison zwischen dem Sunnyboy und der alten Tante von der Isar. Klinsmann und der FC Bayern: Ob das passt, daran hat es von Anfang an berechtigte Zweifel gegeben. Nur mit viel Zeit und Geduld, soviel stand fest, könnte zusammenwachsen, was eigentlich nicht zusammen gehört.
Eines kann man Jürgen Klinsmann nicht vorwerfen: Er hat diese Geduld stets gehabt. Er hat auch die redundantesten Fragereien (»Glauben Sie noch an die Meisterschaft?«) immer höflich und sachlich beantwortet. Auch in der bittersten Niederlage fand er ein Gran Mut und teilte es mit seinen Spielern. Noch am Sonntag sagte er, die Chemie zwischen ihm und der Mannschaft stimme. Er habe noch immer ausreichend Energie, um sein Projekt zu Ende zu führen.
Man mag das naiv nennen, man darf es aber auch ruhig bewundern: Wie ein Trainernovize nicht die Nerven verliert, wenn Heerscharen von Boulevardreportern auf seine Entlassung hinschreiben, wenn ein Rudel 15-Jähriger in der Südkurve nach seiner Entlassung brüllt (und dabei lächelt), wenn selbst sein Arbeitgeber, allen voran Franz Beckenbauer, ihn nur noch halbinteressiert beobachtet wie ein Lausebengel eine Fliege, der er die Flügel herausgerissen hat.
Kein Anlass zur Hoffnung auf goldene Zeiten
Ob sich sein »Projekt« im Laufe der letzten gut 10 Monate zum Guten entwickelt hat, darüber lässt sich freilich streiten. Leistungsträger verschlechterten sich (Demichelis, Schweinsteiger), wurden demontiert (van Bommel), junge Talente wurden verliehen (Toni Kroos), konnten nicht vom Heimweh geheilt werden (Lukas Podolski) oder wurden systematisch überschätzt (Breno). Auch war der Fußball, der gespielt wurde, selten so geartet, dass er Anlass zur Hoffnung auf goldene Zeiten geboten hätte.
Und doch ließe sich Bilanz auf dem Papier zumindest so schön reden, dass man die Saison ohne Trainerrauswurf über die Runden bringen könnte, wenn man es denn gewollt hätte: Dritter in der Bundesligatabelle mit nur drei Punkten Rückstand auf Wolfsburg, Viertelfinalteilnahme in der Champions League.
Eben dort verlor der FC Bayern mit 0:4 gegen den FC Barcelona. Eine narzisstische Kränkung für die Führungsriege um Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer. Sie mussten feststellen, dass sie nicht der Mittelpunkt Europas sind, sie, die es als Spieler allesamt waren. Das nahmen sie Klinsmann übel.
Zur Erinnerung, die Herren: Schon vor einem Jahr verlor der Verein unter Ottmar Hitzfeld im UEFA-Cup-Halbfinale mit gleichem Ergebnis gegen Zenit Sankt Petersburg. Zu glauben, dass dieser Leistungsrückstand in so kurzer Zeit aufzuholen sein würde – zumal mit sehr ähnlichem Spielermaterial, ergänzt durch Kandidaten wie Massimo Oddo, der beim europäischen Konkurrenten AC Milan keinen Stammplatz mehr hatte – erweist sich nun als Großmannssucht fern jeder Machbarkeit.
Die Verantwortlichen sind enttäuscht von Klinsmann. Das ist nun, am Tag seiner Entlassung, offiziell. Sie sollten genauso enttäuscht von sich selbst sein. Die Geduld, die geboten war, die Klinsmann an den Tag gelegt hat und die sie selbst vorgaben nicht verlieren zu wollen – sie haben sie nicht besessen. Klinsmanns Rauswurf legt Defizite im Wesen des Vereins offen, und er zeigt: Sein auf Langfristigkeit angelegtes Vorhaben hatte nie eine reelle Chance.
Und was noch schockierender ist: Die Führungsriege hätte dieses nicht allzu unrealistische Szenario (3. Platz, Aus gegen Barca) vorher durchdenken und Alternativen ersinnen müssen. Dass nun Trainerfossil Jupp Heynckes als Interimstrainer präsentiert wird, legt den Verdacht nahe, dass ein solcher Plan B nie existierte und über Nacht geschmiedet werden musste. Hat Hoeneß zuvor bei Hitzfeld angeklopft? Hatte Trapattoni keine Lust? Ging Dettmar Cramer nicht ans Telefon?
Es bleibt der paradoxe Eindruck: Die Bosse haben sich auf Klinsmann verlassen. Doch geglaubt haben sie nicht an ihn.
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