Marcel Reif in der Krise
Du schweigst zu wenig!
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Marcel Reif war lange Zeit einer der wichtigsten Sportreporter Deutschlands. Doch mittlerweile nagt der Zahn der Zeit an ihm, peinliche Aussetzer häufen sich. Wer sagt ihm, dass er aufhören soll, bevor es zu spät ist?
Er ist längst das Gesicht von »Premiere«. Das macht es ja so schwer. In der neuen Werbung für den Bezahlsender sitzt Marcel Reif mit Sebastian Hellmann, Franz Beckenbauer und Luca Toni in einer Kneipe und trinkt Bier mit Milch. Luca Toni radebrecht über seine Liebe zum Doppelpack und Reif lacht, wie nur jemand lacht, der diese Muskeltätigkeit lange und angestrengt vor dem Spiegel üben muss. Und doch wirkt diese ganze Szene wie ein monochromer Altherren-Ausstand. Man könnte auch sagen: Es ist so etwas wie Reifs letzte Runde. Sie müsste es zumindest sein.

Marcel Reif hat sich ins Abseits fabuliert. Und, viel schlimmer: Er hat ein Knopf-Problem. Nur scheint bei seinem Arbeitgeber niemand den Mut zu besitzen, ihn darauf hinzuweisen. Dort ist niemand, der ihm einfach freundlich lächelnd das Mikro aus der Hand nimmt. Dabei wäre es langsam Zeit.
Denn an diesem Wochenende hat Marcel Reif erneut eindrucksvoll bestätigt, dass seine langsam vorbei ist. Urplötzlich, Schalke 04 hatte gerade einen völlig bedeutungslosen Freistoß an der Mittellinie ausgeführt, brüllte Reif in sein Mikrofon: »Du säufst zu viel!« Danach herrschte eine halbe Minute Stille, bis Reif einfach weiter kommentierte, als wäre nichts gewesen.
»Premiere« ließ nach dem Spiel verlauten, dass Reif sich von einem offenbar angetrunkenen Fan belästigt gefühlt habe und diesem das nur mal kurz mitteilen wollte. Eigentlich doch ganz normal. Das beängstigende an diesem Aussetzer war jedoch, dass er sich in Reifs gesamte Darbietung an diesem Nachmittag fügte: Oberlehrerhaft bieder hatte er sein Programm herunter gespult. Ein paar schallende Ohrfeigen für Klinsmann, ein paar staubbedeckte Floskeln und Allgemeinplätze und eine kritische Analyse, die sich wie so oft in letzter Zeit je nach Gusto dem Spielgeschehen anglich. Gefahrloses Verbalboxen, das offenbarte: Reif kommentiert längst nicht mehr für den Zuschauer, sondern für sich. Seine Berichterstattung ist zum Selbstzweck geworden. Narzistisches Silbenstreicheln mit den immer gleichen, abgelutschten Versatzstücken aus dem Sportberichterstattungsbaukasten.
Reif wusste, wann es wichtig war, die Beherrschung zu verlieren
Dabei hat dieser Marcel Reif die letzten fünfzehn Jahre deutscher Fußballübertragung geprägt wie kaum ein Zweiter: Eine ganze Generation junger Sportjournalisten und Fußballfans ist mit seiner Stimme im Ohr vor dem Fernseher aufgewachsen. Bayerns 120-Sekunden-Tod in Barcelona oder Lars Rickens Jahrhundertlupfer gegen Juventus Turin sind untrennbar mit Reifs kontrollierter Verbaleskalation verbunden, mit seinem Gespür für die richtige Stimmlage oder die passende Analyse. Reif wusste, wann es wichtig war, die Beherrschung zu verlieren, selbst zum Fan zu werden und wann es klüger war, aus der sicheren Distanz eines kalt analysierenden Gentleman zu kommentieren. Sein Gespür für das richtige Wort hat ihm auch die Sternstunde seiner Karriere geschenkt. Als 1998 vor der Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund kurz vor dem Anpfiff eines der Tore umkippte, überbrückte Reif zusammen mit seinem an diesem Abend durchaus kongenialen Partner Günther Jauch die folgenden knapp achtzig Minuten Fußball-Liveübertragung ohne Live-Fußball mit grandioser Freestyle-Wortakrobatik. Sätze wie »Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute hier« oder »das erste Tor ist bereits gefallen« brachten ihm und Jauch den Grimmepreis.








