Beckenbauers Herrlichkeit schwindet
Des Kaisers alte Kleider
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Franz Beckenbauer war Weltmeister, Kaiser, Lichtgestalt. Doch die Zeiten der Allmacht und Unfehlbarkeit sind vorbei. Seine Äußerungen zum »Fall Ribéry« zeigen: Er ist ein Fremder im eigenen Klub. Zeit für den Rückzug?
Er ist da. Immer schon. Wie Helmut Kohl, der Papst und Inge Meysel es waren. Doch die sind weg (aus verschiedenen Gründen), und er ist noch da: Beckenbauer. Der ewige Franz.
Schon vor uns war er da, erfand den FC Bayern, wurde Weltmeister, machte Suppenwerbung, sang »Gute Freunde kann niemand trennen«, trug Pelzmäntel, ging nach New York, kam zurück und blieb für immer. Dass wir zwischendurch geboren wurden, bekam er gar nicht mit. Zuviel zu tun: Er wurde Teamchef der Deutschen Nationalmannschaft, stand gebräunt mit wechselnden Pilotenbrillen an den Seitenlinien der Welt.
1986 und 1988 lachte er noch über das Spielermaterial, mit dem er – er! – arbeiten musste. Doch volksnah war er ja, hatte seine Wurzeln nicht vergessen, der Franzl aus Giesing, und machte weiter mit Auge, Buchwald und Paul Steiner. 1990 waren diese Erdlinge an ihm emporgewachsen, Matthäus spielte mindestens halb so gut wie er seinerzeit, Klinsi rannte, rannte, rannte, Brehme verwandelte, und Deutschland wurde Weltmeister. Franz Beckenbauer war damit der Zweite nach dem Brasilianer Mario Zagallo, der diesen Titel als Spieler und als Trainer erringen konnte.
Nie wieder feste Nahrung
Doch wer war schon Zagallo? Ein Arbeiter, ein Diesseitiger, wie Auge, Buchwald, Steiner. Als Beckenbauer nach dem Sieg gegen Argentinien allein über den Rasen des Olympiastadions von Rom schritt, sphärisch schmunzelnd mit seiner Goldmedaille um den Hals, wusste er, dass er nun endgültig entschwebt war, ahnte, dass sie ihn »die Lichtgestalt« nennen würden. Suppe kam ihm nun nicht mehr auf den Teller. Bräuchte er überhaupt je wieder feste Nahrung?
Bei seinen nachfolgenden Engagements war es, als sei er vom Olymp herabgestiegen, ein ätherisches Wesen, beinah durchsichtig. In Marseille hätte er wohl auch den lokalen Yachtclub ins Finale des Europapokals der Landesmeister geführt, einfach weil er da war. Ob er tatsächlich ein guter Trainer war, interessierte niemanden. Die Hütchen stellte Holger Osieck auf. Auch als er beim FC Bayern mit einem Handstreich die Karren des Otto Rehhagel und des Erich Ribbeck aus dem Dreck zog, ging es nicht um Vier gegen Vier, Zirkeltraining und Laktatwerte. Er ließ seine Aura (seine »Aurora«, wie er sie selbst freundschaftlich nennt) strahlen, und Bayern gewann den UEFA-Cup.
In seiner Funktion als Präsident des Vereins verlieh er diesem das Mondäne, Weltläufige, Nonchalante, das glühköpfigen Kraftmeiern wie Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge fehlte. Er schwebte über den Misserfolgen, und ja (das kann nur er): Er schwebte sogar über den Erfolgen. Mit seinem Privathelikopter schwebte er auch über der Weltmeisterschaft 2006, die er ins Land geholt hatte und die, von oben aus betrachtet, tatsächlich kleiner war als er.
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