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27.07.2009

Beckenbauers Herrlichkeit schwindet

Des Kaisers alte Kleider

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Franz Beckenbauer war Weltmeister, Kaiser, Lichtgestalt. Doch die Zeiten der Allmacht und Unfehlbarkeit sind vorbei. Seine Äußerungen zum »Fall Ribéry« zeigen: Er ist ein Fremder im eigenen Klub. Zeit für den Rückzug?

Beckenbauers Herrlichkeit schwindet - Des Kaisers alte Kleider


Er ist da. Immer schon. Wie Helmut Kohl, der Papst und Inge Meysel es waren. Doch die sind weg (aus verschiedenen Gründen), und er ist noch da: Beckenbauer. Der ewige Franz. 



Schon vor uns war er da, erfand den FC Bayern, wurde Weltmeister, machte Suppenwerbung, sang »Gute Freunde kann niemand trennen«, trug Pelzmäntel, ging nach New York, kam zurück und blieb für immer. Dass wir zwischendurch geboren wurden, bekam er gar nicht mit. Zuviel zu tun: Er wurde Teamchef der Deutschen Nationalmannschaft, stand gebräunt mit wechselnden Pilotenbrillen an den Seitenlinien der Welt.

1986 und 1988 lachte er noch über das Spielermaterial, mit dem er – er! – arbeiten musste. Doch volksnah war er ja, hatte seine Wurzeln nicht vergessen, der Franzl aus Giesing, und machte weiter mit Auge, Buchwald und Paul Steiner. 1990 waren diese Erdlinge an ihm emporgewachsen, Matthäus spielte mindestens halb so gut wie er seinerzeit, Klinsi rannte, rannte, rannte, Brehme verwandelte, und Deutschland wurde Weltmeister. Franz Beckenbauer war damit der Zweite nach dem Brasilianer Mario Zagallo, der diesen Titel als Spieler und als Trainer erringen konnte.

Nie wieder feste Nahrung

Doch wer war schon Zagallo? Ein Arbeiter, ein Diesseitiger, wie Auge, Buchwald, Steiner. Als Beckenbauer nach dem Sieg gegen Argentinien allein über den Rasen des Olympiastadions von Rom schritt, sphärisch schmunzelnd mit seiner Goldmedaille um den Hals, wusste er, dass er nun endgültig entschwebt war, ahnte, dass sie ihn »die Lichtgestalt« nennen würden. Suppe kam ihm nun nicht mehr auf den Teller. Bräuchte er überhaupt je wieder feste Nahrung?

Bei seinen nachfolgenden Engagements war es, als sei er vom Olymp herabgestiegen, ein ätherisches Wesen, beinah durchsichtig. In Marseille hätte er wohl auch den lokalen Yachtclub ins Finale des Europapokals der Landesmeister geführt, einfach weil er da war. Ob er tatsächlich ein guter Trainer war, interessierte niemanden. Die Hütchen stellte Holger Osieck auf. Auch als er beim FC Bayern mit einem Handstreich die Karren des Otto Rehhagel und des Erich Ribbeck aus dem Dreck zog, ging es nicht um Vier gegen Vier, Zirkeltraining und Laktatwerte. Er ließ seine Aura (seine »Aurora«, wie er sie selbst freundschaftlich nennt) strahlen, und Bayern gewann den UEFA-Cup.

In seiner Funktion als Präsident des Vereins verlieh er diesem das Mondäne, Weltläufige, Nonchalante, das glühköpfigen Kraftmeiern wie Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge fehlte. Er schwebte über den Misserfolgen, und ja (das kann nur er): Er schwebte sogar über den Erfolgen. Mit seinem Privathelikopter schwebte er auch über der Weltmeisterschaft 2006, die er ins Land geholt hatte und die, von oben aus betrachtet, tatsächlich kleiner war als er.


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 15.04.2009 14:05:00 ColePorter

    Nicht schlecht, Herr Gieselmann, nicht schlecht !

    Wenn das so weitergeht, verzeihe ich Ihnen den peinlichen Anagramm-Artikel. ;)

  • User
  • 15.04.2009 14:45:14 niggen

    schön geschrieben, aber Franz Beckenbauer ist doch schon ewig kein Bayern-"Präsident" mehr. Er ist Chef des Aufsichtsrates, der also überhaupt nix mit dem Tagesgeschäft zu tun hat und nur größere Vorhaben absegnen muss.
    "Präsident" ist meiner Meinung nach ganz klar der Rummenigge als Vorstandsvorsitzender.

    Das Beckenbauer Kolummnen für sich schreiben lässt, in denen sein eigenen Verein abgehandelt wird, geht natürlich genauso wenig, wie seine TV-Auftritte.
    Aber so ists nunmal: Er selbst krazt an seiner Legende, genau wie sein Ziehsohn Matthäus es mit seiner tut.

  • User
  • 15.04.2009 15:41:44 MiKe79

    Guter Artikel :-)

  • User
  • 15.04.2009 16:45:47 DerBotschafter

    Wer außer "einem Lothar Matthäus" könnte "einen Lothar Matthäus" sonst demontieren? Bei Beckenbauer gilt das Gleiche, obwohl das wohl so niemand wirklich erwartet hat.

    Naja, vielleicht hat er sich ja bei G-Punkt Netzer angesteckt...

  • User
  • 16.04.2009 10:59:27 ruhmreichersvw

    großartig. treffender kann man es nicht formulieren. nur muss ich in einem punkt widersprechen:

    es ist bereits peinlich, offensichtlich kann der kaiser erik meijers these "nichts ist scheisser als platz 2" nicht viel abgewinnen!

  • User
  • 27.04.2009 15:53:04 GTEvo

    In der Tat !
    Ein großartiger Text der nen hohen Aha-Effekt birgt .

    Danke und Kompliment Herr Gieselmann....dennoch etwas inszeniert.
    Den Franz nun thematisieren halte ich der Lage für overdressed..um mich aml an Ihrem Aufmacher anzulehnen.

    Ihre Hommage an den Franz hätte mehr Wirkung im Herbst erzielt..dann wenn er offiziel den Almoehie von seiner Kitzbühler Grantelranch spielen geht !

    Dennoch Respekt für diesen tollen Beitrag !
    "Bitte Mehr davon"

    GlückAuf
    Holger

  • User
  • 27.04.2009 16:40:33 Hotte80

    Der Franz ist ein Stelzbock. Wie Pele. Selbe Generation, beide mit Studio 54-Erfahrung.

  • User
  • 27.04.2009 23:24:46 GTEvo

  • User
  • 27.04.2009 23:29:38 GTEvo

  • User
  • 27.07.2009 17:32:50 Tretlocke

    @niggen: Beckenbauer ist Präsident des FC Bayern München e.V.[. Der e.V. ist für Frauenfußball, Basketball, Handball, Schach, Sportkegeln, Tischtennis und Turnen verantwortlich. Außerdem gehören dem e.V. 90% der FC Bayern München AG. Rummenigge ist Vorstandsvorsitzender und Beckenbauer Aufsichtsratsvorsitzender der AG. Die AG ist ausschließlich für den Profifußball verantwortlich. Die restlichen 10% der AG gehören adidas.


    Und Beckenbauer ist mittlerweile peinlich. sport1 zitiert ihn ja zu Ribery: "Das ist ein Franzose, dem ist München wurscht." Das geht schon ins nationalistische, Riberys Verhalten damit zu begründen, dass er Franzose ist. Sowas darf auch nur der Beckenbauer ungestraft von sich geben...

  • User
  • 27.07.2009 20:40:33 Süüdkurvä

    Nach der Wahl, die dreimal wiederholt werden musste, um den Sieger festzustellen, kommentierte der WM-Bewerbungschef Franz Beckenbauer das Ergebnis mit der Bemerkung, im Leben brauche man eben auch ein bisschen Glück. Die SZ bringt ein Foto von ihm, das mich, wie schon seit Jahren, daran zweifeln lässt, dass dieser elegante Mann jemals auf einem Fußballplatz hinter dem Ball hergelaufen sei.
    Aber er hat nicht, wie Napoleon, bei einem berühmten Schauspieler Unterricht genommen, und wenn er den Mund aufmacht, denunziert er mit dem ersten Wort seinen Schneider, seinen Brillenlieferanten, seinen Friseur, seine angelernten Gesten, was alles glauben machen könnte, er sei Ministerialrat im Auswärtigen Amt.

    Dixit der Autor Erich Kuby, und gefällt mir gut.

  • User
  • 27.07.2009 20:41:49 Süüdkurvä

    und der treffer beim torwandschiessen vom bierglas - unvergessen!! nur der franz, der kann's...

  • User
  • 06.01.2010 22:36:16 MacNik

    Toller Text !

    @niggen
    wie wärs mit einem Update der e.V. / AG %e ?

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