Die Geschichte der Fußballfans

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20.03.2009

Stefan Kuntz im Interview

»Meine Oma hatte Recht«

Text: Tim Jürgens und Jens Kirschneck  Bild: Carsten Meissner

Stefan Kuntz ist der Barack Obama der Pfalz: Unter seiner Ägide wurde der FCK wieder zum Aufstiegskandidaten. Hier erzählt er, wie er Frust mit Gartenarbeit therapiert und es ihm gelang, dass der Sparkassenleiter wieder grüßt.

Stefan Kuntz im Interview - »Meine Oma hatte Recht«


Stefan Kuntz, nach Ihren Jobs als Spieler, Trainer und Manager sind Sie nun Vorstandsvorsitzender. Was kann jetzt noch kommen?

Die Frage stelle ich mir nicht, denn ich habe gerade das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.



Trotzdem fällt es schwer, sich eine einen Vollblutfußballer wie Sie als obersten Funktionär vorzustellen.


Ich habe mir nach meiner aktiven Laufbahn oft die Frage gestellt, was mich beruflich am meisten reizt. Und ich glaube, die Gabe die ich habe, kann ich in dieser Position derzeit am besten an den Mann bringen.

Welche Gabe meinen Sie?


Menschen für eine Sache zu begeistern.

Und das ist einfacher, wenn Sie im FCK-Vorstand sind, als beim VfL Bochum Manager?


Ursache für meinen Wechsel war, dass ich in Bochum nicht mehr weiterarbeiten wollte. Eine Möglichkeit wäre gewesen, in sportlicher Funktion, zu einem anderen Klub zu wechseln. Aber dort wäre ich wieder sehr nah am Sport gewesen – zuständig für die Mannschaft und das Drumherum. Das wollte ich nicht.

Aber warum nicht?


Weil mir die Gesamtheit der Aufgaben, die in einem Verein auf einen zukommen, mehr Spaß machen als die reine Verantwortung für das Sportliche.

Mit anderen Worten: Sie haben den Geschäftsmann in sich entdeckt?


Wenn man so lange wie ich den Job als Fußballer gemacht hat, merkt man überhaupt nicht, dass man noch andere Fertigkeiten besitzt. Aber ich hätte nie den Job in Kaiserslautern übernehmen können, wenn ich nicht zwei Jahre in Bochum gearbeitet hätte. Die Zusammenarbeit mit Ansgar Schwenken und den vielen guten Mitarbeitern beim VfL war ungemein lehrreich und außerdem ist der VfL eine seriös und solide geführter Verein.

Dabei waren Sie immer vom Herzen Fußballer. Warum liegt Ihnen die konzeptionelle Tätigkeit mehr als der Trainerjob?


Ich habe den Trainerjob unterschätzt. Wenn man wie ich 16 Jahre Profi war und einen diese Tätigkeit so sehr ausfüllt, will man auch nach Ende der aktiven Laufbahn irgendwie dabei bleiben. Also wurde ich Trainer. Bei Borussia Neunkirchen und beim KSC habe ich das auch noch ganz gut hinbekommen. Doch nach und nach bekam ich den Eindruck, dass ich einige Eigenschaften, die man als Trainer braucht, gar nicht ausgebildet habe.

Zum Beispiel?


Ich habe immer geglaubt, dass alle Spieler so denken wie ich als Aktiver gedacht habe. Aber ein Trainer darf nie von sich auf andere schließen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass man das, was ich mir unter Disziplin und Ordnung vorstelle, anders durchdrücken muss, als mit einem tendenziell demokratischen Führungsstil. Dann war ich 2003 nach dem Trainerjob beim LR Ahlen ein Jahr lang arbeitslos, was einen gravierenden Einschnitt zu meiner Einstellung zum Fußball bedeutete.

Sie ereilte das Schicksal des kleinen Mannes auf der Straße…


... denn ich war das erste Mal raus aus der Fußballwelt. Es ist ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn nach drei, vier Monaten plötzlich das Handy nicht mehr klingelt. Manchmal habe ich mich anrufen lassen, um zu wissen, ob das Ding überhaupt noch funktioniert. Plötzlich war ich gezwungen, selbst in der Geschäftsstelle nach Tickets zu fragen. Und dann kennt einen auf einmal die Dame am Empfang nicht mehr, weil sie neu ist.

Das ist Ihnen passiert?


Einmal habe ich sogar aufgelegt, weil die Dame mich nicht erkannte. Es war mir peinlich. Aber was erwarte ich? Zu dem Zeitpunkt war ich sieben Jahre raus aus dem Profigeschäft. Da kann es schon vorkommen, dass sich jemand nicht mehr an einen erinnert.

Letztlich ist ein Stückchen wiedergewonnene Anonymität aber doch zu verkraften.


Natürlich, aber Sie müssen bedenken, dass ich zu dieser Zeit auch kein Geld verdiente. Es nagt sehr am Selbstbewusstsein, wenn man plötzlich feststellt, dass man das, was man am besten konnte, nicht mehr machen kann.

Welche Konsequenzen haben Sie aus dieser Situation gezogen?


Ich bin zum Arbeitsamt gegangen, habe eine Nummer gezogen, mich in den Gang gesetzt und mir eine Beratung geben lassen. Vielleicht wollte ich sehen, wie leidensfähig ich bin. Jedenfalls setzte ich relativ hart in der Realität auf. 

Wie haben Sie in der Zeit der Arbeitslosigkeit die Tage verbracht?


Ich habe in meinem Garten angefangen, eine Böschung mit Naturstein abzufangen. Das waren am Anfang vielleicht sieben, acht Meter, die ich befestigen wollte. Nachher habe ich 100 Meter Mauer gebaut, weil ich etwas Sinnvolles machen wollte und am Ende eines Tages sehen wollte, was ich geschafft hatte. Ich bin kein Therapeut, aber zumindest hat es mir das Gefühl gegeben, dass ich außerhalb des Fußballs irgendwas kann – wenn auch nur eine Trockenmauer.

Wie kam Ihre Frau damit zurecht, plötzlich den hyperaktiven Frührentner zuhause zu haben?


Die merkte natürlich, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Sie gab mir den Tipp, eine Fortbildung zu machen. Daraufhin habe ich ein halbjährliches Fernstudium in modernem Fußballmanagement absolviert.

Mit Erfolg, wie wir heute wissen.


Während des Fernstudiums sprang bei mir im Kopf etwas an – ich fasste wieder Mut. Ich entwickelte den Ehrgeiz, bei den Klausuren gut abzuschneiden. Aber der Kurs ging vorbei und ich geriet wieder in ein kleines Stimmungstal. Dann kamen die Ergebnisse, ich hatte volle Punktzahl erreicht und teilte es meiner Frau beiläufig mit. Da platzte ihr der Kragen. Sie sagte: »Ich merke dir überhaupt keine Freude an. Lerne endlich auch mal auf etwas anderes Stolz zu sein, als Erfolge im Fußball!« 

Warum fiel Ihnen das so schwer?


Weil ich immer noch mit mir rang, was ich konkret mit meinem Leben machen sollte. Ich wollte nicht mehr Trainer sein, war aber nicht sicher, ob ich mir das Management zutraute.

Was hätten Sie getan, wenn Ihnen in dieser Phase ein Trainerjob angeboten worden wäre?


Meine Oma hat immer gesagt: »Man muss bereit sein, eine Tür zu zu machen, damit eine andere auf geht.« Mal wieder hatte sie recht. In diesen Tagen gab ich einem befreundeten Journalist ein Interview. Im Nebensatz ließ ich fallen, dass ich keinen gesteigerten Wert mehr darauf lege, Trainer zu sein. Am nächsten Tag war es natürlich eine der Überschriften im Sportteil. Kaum war die Zeitung raus, klingelte bei mir das Telefon und ein Drittligist fragte an: »Wir wissen, dass keine Lust mehr darauf haben, aber könnten Sie bei uns im Januar als Trainer anfangen? Dann würden wir Sie im Sommer als Manager übernehmen.«

Was Sie natürlich ablehnten?


(Lacht.) Ich bat um Bedenkzeit. Als ich mit meiner Frau darüber sprach, tippte sie sich an den Kopf und fragte: »Stefan, was willst Du? Soll ich Dir noch mal zeigen, was Du heute in der Zeitung gesagt hast?« Also habe ich abgesagt…. 

…und angefangen, die nächsten 100 Meter Böschung zu befestigen?


Musste ich nicht, denn am gleichen Abend riefen die Leute aus Koblenz an und fragten, ob ich dort Manager werden wolle.



Ergänzung zu Heft #88 03/2009

Die Legende von Leeds United


weiterlesen [1] [2] [3]



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