Die Untiefen der Hertha-Abwehr
Ohne Sonderausstattung
Text: Mathias Ehlers und Benni Kuhlhoff Bild: Imago
Tabellenführer Hertha BSC hat die zweitbeste Defensive der Liga. Doch neben zwei überragenden Innenverteidigern tauchen zwei Spieler in der Viererkette auf, deren Beitrag zum derzeitigen Erfolg nur schwer zu verorten ist.
Rodnei Francisco de Lima
Eigentlich war Rodnei schon fast wieder aussortiert, bevor er überhaupt in Berlin ankommen konnte. Als sich die Hertha im Winter auf die Rückrunde vorbereitete, suchte Manager Dieter Hoeneß bereits händeringend nach einer Möglichkeit, Rodnei von der Gehaltsliste zu streichen. Dabei war der bullige Verteidiger erst zu Saisonbeginn über Zwischenstationen in Brasilien und Litauen für umgerechnet 200.000 € vom polnischen Erstligisten Jagiellonia Bialystok an die Spree gewechselt.

Doch die erhoffte Konkurrenz für das überragende Innverteidiger-Duo Simunic und Friedrich war er nicht. Schnell lagen Anfragen aus Österreich und der zweiten Liga vor, konkretisiert wurden diese jedoch nicht. Der hoch aufgeschossene Brasilianer hatte sich da bereits an seinen Platz auf der Bank gewöhnt. Zudem spielte er im Konzept von Lucien Favre ein ganz eigene Rolle. Mehrfach versuchte Favre ihn in der Hinrunde noch kurz vor dem Abpfiff einzuwechseln, um etwas Zeit zu schinden. Doch keine dieser Einwechslungen kam zustande. In Dortmund etwa wartet Rodnei minutenlang an der Außenlinie auf seinen ersten Einsatz und wurde doch nicht eingewechselt - der Unparteiische hatte ihn schlichtweg übersehen. Doch anstatt frustriert die Flucht anzutreten, ging der Brasilianer in die Offensive. In der Winterpause legte er nach jedem Training Sonderschichten ein, arbeitete im Kraftraum und an seiner Ausdauer. Dieses Engagement gefiel auch Trainer Favre, und so belohnte er Rodnei überraschend mit seinem ersten Einsatz im Spitzenspiel gegen Bayern München. Seitdem stand Rodnei in fünf aufeinander folgenden Spielen als linker Verteidiger in der Startelf des Tabellenführers.
Solide - nicht mehr, nicht weniger
Rodnei, der trotz seiner Größe von 1,90 Meter zu den schnellsten Spielern im Berliner Kader zählt, ist aber noch lange nicht in der Bundesliga angekommen. Zu offensichtlich sind seine Probleme mit dem Spieltempo der Bundesliga. Auch seine technischen Mängel sind kaum zu übersehen. Und doch fügt er sich wie kaum ein anderer in Favres Konzept des unterkühlten Effizienzfußballs. Er verzichtet in seinem Spiel auf jegliche Eleganz und konzentriert sich vornehmlich darauf, keine groben Fehler zu machen. Seine robuste Zweikampfführung bekamen bereits Edeltechniker, wie Bastian Schweinsteiger und Renato Augusto zu spüren. Solide, eine Vokabel, die für einem Brasilianer eher als Beleidigung gleich kommt, ist also das größte Kompliment, was man dem Spiel von Rodnei momentan machen kann. Und Solidität scheint auch außerhalb des Platzes seine Stärke zu sein. Während viele Spieler des Tabellenführers allmorgendlich ihre hoch dekorierten Luxuskarossen auf den Parkplatz lenken, kommt Rodnei in einem Kleinwagen ohne Sonderausstattung – wer es möchte, sieht darin eine Parallele zu seinem Spielertypus. Dieter Hoeneß denkt momentan nicht mehr über einen Verkauf nach und sagt: »Wir wissen, was wir an ihm haben. Er ist ein richtig feiner Kerl, eine Seele von Mensch.«
Welche Rolle er am Ende in der Erfolgsgeschichte der Hertha spielt, bleibt allerdings offen. Er arbeitet jedoch hart dafür, Teil dieser Geschichte zu werden. Vielleicht ist Rodnei auch einfach nur der Glücksbringer der Berliner. Denn seit seinem Debüt gegen Bayern München ist die Hertha Tabellenführer.
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