Die Geschichte der Fußballfans

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24.02.2009

Die 11FREUNDE-Blogschau

Schalker Farbenlehre

Text: Max-Jacob Ost  Bild: Imago

Die gestohlene »Gelbe Wand« aus dem Westfalenstadion ist wieder aufgetaucht – im Fanblock von Schalke 04. Was Superdichter Goethe von diesem Vorfall lernen könnte, erfahrt ihr in der 11FREUNDE-Blogschau.

Die 11FREUNDE-Blogschau - Schalker Farbenlehre


FC Schalke 04 – Borussia Dortmund 1:1 (1:0)

Auswärtssieg! schreibt: »In der Nordkurve erscheint ein Banner Spruchband ›Wir tun alles - ihr nichts…!‹, ein bisschen früh, wie ich finde. Und dann tauchen da unten in der blauen Menge überraschend riesige gelbe Fetzen auf, und die sehen wahrhaftig aus wie die Reste der berüchtigten ›Gelben Wand‹, die vor über zwei Jahren über Nacht von ihrem Platz 80 Meter über dem Rasen des Westfalenstadions verschwand. Im Gästeblock rastet die Menge völlig aus, die überschlagen sich förmlich, das kann selbst ich erkennen, und unten singen die Schalker was von ›Gelbe Wand in Schalker Hand‹ und feiern sich und ihre angenommene Heldentat selbst. Ob die gezeigten Fetzen ›echt‹ sind? Wenn schon gelbe Spieler gefälscht werden, dann muss man da ja Zweifel anmelden dürfen. Aber würde sich die UGE einer derartigen Blamage aussetzen, was selbst Gepinseltes zu zeigen? Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Es dauert nur Sekunden, dann ist das ganze Stadion auf den Füßen ›Die gelbe Wand, die gelbe Wand, die gelbe Wand ist wieder daaaaa!‹ wird geschmettert während hinten die Plexiglasumrandung des Gästeblocks ihre Stabilität unter Beweis stellt.«

Schwatzgelb
schreibt: »Das Versprechen des FC Meineid, sich an keinerlei Provokationen im Vorfeld eines Derbys mehr zu beteiligen, brach er erneut. In der Arena hängt unter anderem seit dem letzten Derby bereits ein Banner über der Nordkurve, das auf das Verschwinden des BVB-Banners anspielt: ›Einst war ich schwatzgelb und hing im Süden‹. Wenn so Deeskalation in Gelsenkirchen aussieht, dann wünscht man sich doch, dass dieser Verein das Jahr 2010 nicht überlebe. Hier ist dann wohl im Speziellen der Russe gefragt. Nach endlosem Kokettieren in der Vergangenheit präsentierte GE also zum Anpfiff das inzwischen angestaubte und längst ersetzte Gelbe-Wand-Banner oder zumindest eine Imitation davon. Fast überhastet, nicht dramaturgisch ausgeklügelt, als wolle man es einfach nur endlich hinter sich bringen. Irgendwie schämen sie sich doch, dass das geraubte Diebesgut die selbst produzierten Materialien in Größe, Qualität und Schönheit doch um einiges übertrifft. Diese Art von Aktion kommt einem bekannt vor: einst präsentierte der blauen Pöbel nach der ›Gelbe Wand‹-Aktion mehr schwarzgelbe Doppelhalter als er jemals selbst zu malen im Stande gewesen wäre.«

11FREUNDE meint: Das hätte selbst der gute alte Goethe nicht für möglich gehalten. Was Farben im Menschen auslösen können! Zwar stellte schon der hippe Jay Double-Ju eine Verbindung von Farben und Stimmungen her, mit der sich sogar die Krawatte von Günther Jauch bei seinem ersten Auftritt im »Aktuellen Sportstudio« deuten lässt. Aber dass nur durch Farben tiefster, menschenverachtender Hass ausgelöst werden kann, hätte sich auch unser größter Dichter und Denker nicht träumen lassen. Naja, damals waren Fußballspiele eben eher auch selten. Schade, dass Goethe am Freitag nicht im Stadion sein konnte. Nur ein paar Fetzen Gelb in einem Meer von Blauweiß – fertig ist eine Atmosphäre wie im siebten Kreis der Hölle. Obwohl… vielleicht ist es doch ganz gut, dass Goethe solche Beobachtungen nicht zu Lebzeiten machen konnte. In einer solchen Stimmung wurden zu seiner Zeit gerne Kriege ausgelöst, die halb Europa in Schutt und Asche legten. Interessieren würde uns aber schon, ob er seine »Farbenlehre« dann umformuliert hätte. Und noch was nagt seit Freitag an uns: Hassen die Kinder von Schalkefans eigentlich auch die süße Biene Maja?


FC Bayern München – 1.FC Köln 1:2 (0:2)


Mingablog
schreibt: »Was geben wir für ein jämmerliches Bild ab dieser Tage? Da wäre als wichtigstes unser Auftreten auf dem Platz. Wir können stolz vermelden die Chaostheorie in die Praxis umgesetzt zu haben. Hinten löchrig wie ein Schweizer Käse und vorne ohne jegliches Konzept. Was ist aus den großen Sprüchen geworden? Wo ist denn jeder Spieler besser geworden? Das einzige was passiert ist, ist das der Bäcker in wenigen Wochen es geschafft hat aus einer im Vorjahr grandios aufspielenden und intakten Mannschaft einen Hühnerhaufen zu machen.«

Geissblog
schreibt: »[…] gestern passte einfach alles, ein perfektes Auswärtsspiel: 1. Der FC hatte Glück mit dem Schiedsrichter. Her Rafati, sonst kein schlechter seiner Zunft, erkannte das 1:0 durch Klose nicht an. Puuh. 2. Christoph Daum schickte den 20jährigen Daniel Brosinksi zu seinem Bundesliga-Debüt auf das Feld. Bisher stand der genau zweimal im Kader. Eine verwegene Idee und dann macht der Junge so ein Spiel und trifft sogar zum wichtigen 0:2. Ein absoluter Traum. 3. Spieler, mit denen man lange Zeit nicht richtig warm wurde, spielen plötzlich ihre Stärken aus. Von Fabrice ›DJ‹ Ehret ist man das seit einiger Zeit gewohnt, trotzdem unnachahmlich, wie er Demichelis vor dem 0:1 einfach stehen lässt. Und Nemanja Vucicevic, ständig zwischen Weltklasse und Kreisklasse changierend, aber eigentlich stets ineffektiv, spielt plötzlich öffnende Pässe und bringt nach seinen Dribblings den Ball zum Mitspieler. Hut ab. […]«

11FREUNDE meint: Eigentlich gar keine so schlechte Idee, die Chaostheorie auf den Fußball anzuwenden. Nicht unbedingt erfolgreich, aber immerhin amüsant, oder? Jürgen Klinsmann wollte modernen Fußball spielen – und avantgardistischer geht es nun wirklich nicht. Abwehr, Mittelfeld und Sturm – nichts weiter als leere Worthülsen ohne Bedeutung. Die Mannschaft als loser Molekülhaufen, nach Regeln der Wahrscheinlichkeit über den Platz verstreut. Aber bevor hier die Spötter auf den Plan treten: Vorsicht, Prof. Jürgen K. hat das nächste Ass schon im Ärmel. Quantentheorie. Spieler können aus dem Nichts zu jeder Zeit überall auf dem Platz auftauchen und ein Tor erzielen. Das gab es allerdings schon früher bei den Bayern. Man nannte das in Fachkreisen »Roy Makaay«. Nun ja, Klinsmann ist das egal. Der tüftelt schon an der nächsten Sensation, dem »Unwahrscheinlichkeitsdrive« für seine Mannschaft. Hat er aus »Per Anhalter durch die Galaxis geklaut«. Ob’s hilft? Wer weiß. Führt unwahrscheinlich wahrscheinlich nur dazu, dass die Bayern den Libero reaktivieren. Und auf einmal ist Gladbachs Hans Meyer dann wieder ein Vorreiter der Avantgarde – ihr werdet schon sehen.


VfL Wolfsburg – Hertha BSC Berlin 2:1 (0:0)

Herthabsc
schreibt: »Die Niederlage hat zudem eine systemische Seite. Es ist kein Zufall, dass beide Gegentore nach Flanken kamen. Marcel Schäfer hatte heute gegenüber Marc Stein so deutlich mehr Spielanteile, dass allein dadurch dem zweiten Gegentor eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen ist. Auch Rodnei auf links ließ nicht übersehen, dass die Hertha weit von zwei international konkurrenzfähigen, offensiv starken Außendeckern entfernt ist. Der Schiedsrichter hätte das 1:2 nicht anerkennen sollen, aber die Hertha war heute sowieso nicht so drauf, dass sie nicht eine Korrektur verdient hätte. Ich hoffe, sie redet sich nicht weiter auf Knut Kircher hinaus.«
   
11FREUNDE meint: Sehr verehrte Damen und Herren, Sie erleben die Geburtsstunde einer neuen Phrase: »Sich auf Knut Kirchner hinausreden«; Ausdruck der Enttäuschung über eine Benachteiligung durch den Unparteiischen. Hilfreiches Argumentationselement bei Niederlagen. Häufig letzter Strohhalm für schwächelnde Trainer. Nicht zu verwechseln mit »sich auf Robert Hoyzer hinausreden«, was eher auf eine Verschwörung des Weltfußballs mit der Mafia gegen das eigene Team anspielt. Sowie »sich auf Markus Merk hinausreden«, was als Frustventil nach verlorenen 4-Minuten-Meisterschaften gerne verwendet wird. Diese neue Redewendung - ein Gewinn für Knut Kirchner. Für den Fußball. Für das Phrasenschwein und damit – was uns besonders freut – für Phrasenobservator h.c. Udo Lattek. Schön, einem solch historischen Moment beiwohnen zu dürfen.


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