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09.02.2009

Schalkes Angst vor Psychologen

»Wir sind doch richtige Kerle«

Interview: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Der Motivationstrainer Peter Boltersdorf arbeitete auf Schalke mit Mirko Slomka zusammen. Doch seine neuartigen Ansätze scheiterten an den Traditionalisten um Rudi Assauer. Hier erklärt Boltersdorf, wie es dazu kam.

Schalkes Angst vor Psychologen - »Wir sind doch richtige Kerle«


Herr Boltersdorf, hat der Fußball die Wissenschaft entdeckt – oder war es anders herum?

Diese Frage hat sich mir so noch nie gestellt. Ich würde aber meinen: Es ging nicht vom Fußball aus.



Im Laufe der 80er Jahre begannen Wirtschaftsunternehmen mit wissenschaftlichen Methoden die Motivationsstruktur ihrer Angestellten zu messen und zu optimieren. Hat der Fußball sich da was abgeschaut, als auch für ihn Geld immer wichtiger wurde?


Das klingt, als wäre die Wissenschaft schon im Fußball angekommen. Aber das hat sie bislang nur speziell geschafft. Für die Psychologie kann ich sagen, dass sie nach wie vor ein sehr heikles Thema im Fußballgeschäft ist. Wenn Sie ihre Methoden anbieten wollen, dürfen Sie kaum Angriffsfläche bieten. Und Ihr Erfolg sollte möglichst rückwirkend sein (lacht).

In anderen Sportarten haben Psychologen es leichter.


Das ist so. Ein wissenschaftlicher Ansatz braucht Langfristigkeit, und die ist in einem ungeduldigen Metier wie dem Fußball nicht oft gegeben. Dabei bin ich mir sicher: Vereine, die diese Langfristigkeit gewähren, werden auf lange Sicht auch erfolgreicher sein.
 
Warum verlieren die Verantwortlichen die Geduld?

Es ist nicht unser Ziel, »Friede, Freude, Eierkuchen« zu erzeugen. Es sind oftmals unangenehme Ergebnisse, die unsere Methoden zu Tage fördern, und es braucht Mut, sich dem zu stellen. Umso mehr, als Psychologen oftmals erst hinzu gerufen werden, wenn die Mannschaft schon im Abstiegskampf steckt. Die Verantwortlichen haben die naive Hoffnung, dass wir zwei Knöpfe drücken, und alles ist wieder gut. Dem ist natürlich nicht so. Man findet in solchen Krisensituationen nicht selten völlig zerrüttet Verhältnisse und enttäuschte Hoffnungen vor. Viele verjagen dann lieber den Überbringer dieser unangenehmen Nachricht, als die richtigen Schlüsse aus ihr zu ziehen.

Wenn Klinsmann seine Methoden erklärt, könnte man glauben, er sei von Nächstenliebe bewegt. Im Grunde reizen die Vereine aber doch nur ihre menschlichen Ressourcen aus.

Dagegen ist nichts zu sagen. Solange es unter dem Aspekt der Wertneutralität geschieht, ist das völlig in Ordnung. Ein Trainer hat doch die Aufgabe, seinen Spieler zur höchsten Leistung zu führen. Doch immer noch fällt es einer Reihe von Verantwortlichen schwer, sich den Bedingungen zu stellen, die dafür nötig sind. Sie spüren zwar die Schwachstellen im System, aber sie haben Angst, dass jemand von außen kommt – und machen lieber nichts. Sie halten sich dann mit Sprüchen über Wasser wie »Wir sind doch richtige Kerle und brauchen so was nicht«. Das ist naiv.

Ist diese konservative Haltung auch von Angst gestützt, dass die gute, alte Fußballwelt unübersichtlich wird? Dass eherne Gesetze nicht mehr gelten?

Natürlich. Wer nach den Klischees handelt, braucht sich hinterher keine Vorwürfe anzuhören, auch wenn es schief geht. Es gibt im Fußballgeschäft viele, die denken: »Mir fehlt einiges, aber ich darf das nicht sagen, sonst bin ich meinen Job los.« Es ist wie im Märchen »Des Kaisers neue Kleider«: Keiner zeigt auf den anderen, dass er nackt ist.

Als Sie auf Schalke mit Mirko Slomka zusammenarbeiteten, mussten sich von der »Bild«-Zeitung und Rudi Assauer mit Schmutz bewerfen lassen. Was war da los?

Ich war der Blitzableiter. Emotional ist Schalke ja von Natur aus, die Verantwortlichen sind es sowieso. Es ist nachzuvollziehen, dass solche Menschen ablehnend auf alles reagieren, was ihnen ihre Herzensangelegenheit streitig macht.

War Assauer auch irritiert, weil sie ihm andere Lösungen anboten als »malochen« und andere Erklärungen als »Fußballgott«?

Auf Schalke gelten diese Kategorien, die vieles mythologisch vereinfachen. Ich gucke lieber auf die tatsächlichen Erkenntnisse. Dieser sachliche Realismus ist nicht überall erwünscht.

Hat Sie die ätzende Kritik beirrt?

Sie hat mich irritiert, es war ein Lernphase. Im Nachhinein fühle ich mich bestätigt.

War das, was Sie auf Schalke erlebt haben, das Rückzugsgefecht der Konservativen? Die Entwicklung scheint seit Klinsmanns PR-Offensive 2006 unaufhaltsam.

Klinsmann hatte die Gelegenheit, sich als Pionier zu gerieren. Die hat er genutzt, auch im Dienste der Sache. Tatsächlich wurde schon vor ihm so gearbeitet – und die Entwicklung wird weitergehen, das ist richtig. Die Frage ist nicht, ob die Wissenschaft sich durchsetzt – sondern wann.

Wohin führt das? Gibt es irgendwann den perfekten Spieler, der nichts dem Zufall überlässt? Das wäre eine schreckliche Vorstellung.


Nein! Wir werden es nicht erleben, dass man sich einen stromlinienförmigen Spieler züchten kann. Das Ziel ist vielmehr, immer genauer zu wissen, was ein Spieler braucht, um sich optimal zu entfalten. Der soziale Umgang miteinander muss verbessert werden. Im Erfolgsfall läuft alles wie von selbst. Wir aber wollen das Team tragfähig machen für die Niederlage. Denn dann spüren die Spieler ihre Unterschiedlichkeit.



Aus Heft #87 02/2009

Gibt es das perfekte Spiel?




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