Zur Physiognomie Thomas Schaafs
Benjamin Button, umgekehrt
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
In Zeiten, da Männer wie Brad Pitt immer jünger werden, ist es eigentlich eine wohltuend normale Nachricht: Thomas Schaaf wird immer älter. Und doch machen sich die Fans Sorgen. Ist der Werder-Trainer amtsmüde?
Seit 1999 ist Thomas Schaaf Cheftrainer das SV Werder Bremen. Schon vor seinem Amtsantritt war er gut 30 Jahre Mitglied dieses Vereins gewesen, und diverse »Wunder von der Weser« hatten an seinen Nerven gezerrt. Und sofort musste das nächste her: Schaaf rettete Werder vor dem Abstieg und holte – als Beweis der besonderen Wunderkompetenz dieses Vereins – auch noch den DFB-Pokal im Elfmeterschießen gegen den FC Bayern.
Dieses halbe Jahr war die Initialzündung für eine Phase, die all die anderen wie einen lauen Prolog erscheinen ließ, den Abstieg 1981, die Wiedergeburt unter Otto Rehhagel und die Trümmerzeit unter seinen Nachfolgern de Mos, Sidka, Dörner und Magath. Werder verlor in den kommenden Jahren gegen den österreichischen Niemand Superfund Pasching, wurde aber in derselben Saison Meister und Pokalsieger, verlor 1:4 und 2:7 gegen Olympique Lyon, besiegte jedoch Real Madrid.
Diese sinusförmige Erfolgskurve als schlauchend zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Man hat Thomas Schaaf oft vorgehalten, er sei knorrig, muffig und eile zum Freuen in die Katakomben des Weserstadions. Doch er tat gut daran: Hätte er die emotionalen Höhen und Tiefen mimisch und gestisch mitgemacht, er wäre wohl nach einer Saison entkräftet zusammengebrochen.
Das Gesicht, das wie ein Gürtel klingt
Nun ist es seine elfte, sie läuft nicht gut. Werder ist Zehnter, ist peinlich aus der Champions League ausgeschieden, hat sich auf dem Transfermarkt als seltsam phlegmatisch erwiesen, das Ganze wirkt wie eine Jugendfreizeit, deren Teilnehmer sich nicht verstehen.
Und plötzlich ist da dieser Bart in Thomas Schaafs Gesicht. Es ist kein Modebart, wie ihn die hippen Indie-Melancholiker tragen, er wirkt irgendwie nachlässig, wie der eines Überlenden in einer feindlichen Umgebung. Und ja, wir kannten Schaafs Gesicht schon ledern, es scheint seit je her wie ein Gürtel zu klingen, wenn er doch einmal lacht. Aber da sind neue, tiefere Falten, eine kränkliche Blässe – und plötzlich auch diese Lesebrille, die den Mann fast greisenhaft wirken lässt.
Freilich ist dieses Gesicht immer noch dasselbe, aber wo es einst hart war, ist es jetzt müde. Die fridtjofnansenhafte Immunität gegen alle Widrigkeiten ist gewichen. Schaaf wirkt verletzlich. Das erschreckt die Fans. Wer schützt sie jetzt noch, wenn nicht er?
Sportdirektor Klaus Allofs hat Schaaf wiederholt seine Rückendeckung zugesichert. Anders als bei manch anderem Verein ist das kein leeres Versprechen. Doch wenn man in Schaafs Gesicht schaut, wird erstmals denkbar, dass er selbst hinschmeißt. Den Urlaub, soviel steht fest, hätte er sich verdient.
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