Werder Bremen und die Dekadenz
Schuld war nur der Kellner
Text: Daniel Wehner Bild: Imago
Es ist wie bei den Buddenbrooks: In den Jahren des Aufschwungs und Erfolgs ist die Mannschaft des SV Werder Bremen immer sensibler und schrulliger geworden. Nun droht sogar der Verfall der einst so trauten Familie.
Werders Diego dürfte schon geschmeidigere Fahrten durch Bremen erlebt haben. Erst gerät er, nach einem Abendessen, mit seinem Auto in eine Polizeikontrolle, dann wollen die auch noch den Pustetest mit ihm durchziehen. Verlangt, getan, und schon hatte sich der Spielmacher zurück in die Boulevard-Spalten katapultiert. Ergebnis der nächtlichen Kontrolle: 0,8 Promille. Doch beim Abwägen verschiedener Erklärungsversuche fand sich schließlich ein Königsweg: »Mein einziger Fehler war, dass ich nicht wusste, wie viel Wein ich trinken darf. Aber das war auch die Schuld des Kellners, denn der hat mir immer wieder Wein einfach so nachgeschenkt.«
Auch wenn Klaus Allofs sagt, dass dieser Vorfall nichts mit der Debatte um Disziplin in der Mannschaft zu tun habe, ist es doch eine weitere Episode um den Einzug der Dekadenz in Werders Mannschaftsgefüge. Erst wenige Wochen zuvor hatte Allofs mehr Diziplin auf und außerhalb des Platzes eingefordert. Was folgte, waren Undiszipliniertheiten auf und außerhalb des Platzes. Allofs Worte waren gerade verklungen, da preschte Sanogo mit seinem »Jetzt rede ich!«-Rundumschlag hervor: beklagte, der Trainer würde nicht mehr an ihn glauben, bekräftigte seine Wechselabsichten. Als kurz darauf das zweite Testspiel des Trainingslagers in Belek anstand, konnte sich Torsten Frings nicht verkneifen, den Schiedsrichter zu beleidigen. Konsequenz: Rot.
Kopfnuss verteilende Exzentriker und ekstatische Sturm-Moppel
Genau diese Schlagzeilen sollten ausbleiben, um Werder wieder auf das sportliche Ziel einzuschwören. Doch Star-Allüren und interne Antipathien scheinen sich dauerhaft eingeschlichen zu haben. In der Vergangenheit waren es vor allem die Verantwortlichen von Werder Bremen, die bei Neuzugängen darauf achteten, dass sie auch charakterlich zum Rest des Teams passen. Valérin Ismael war einer dieser Neuzugänge, die für »wenig« Geld gekauft wurden und zu Führungsspielern avancierten. Doch auch Kopfnuss verteilende Exzentriker wie Johan Micoud oder ekstatische Sturm-Moppel wie Ailton drückten Werder ihren Stempel auf. Mit dem Unterschied, dass sie mit Ausnahme-Leistungen auf dem Platz ihre Kritiker zum Schweigen brachten. Daran mangelte es der aktuellen Mannschaft zuletzt. Denn es dominieren klar andere Schlagzeilen als sportliche.
Diego hat keine schlechte Hinrunde gespielt, doch ist er nach seiner Olympia-Teilnahme immer noch entfernt von alter Form. Seine Boulevard-Präsenz taugt nicht unbedingt, um davon abzulenken. Die aktivste Szene von Edel-Missverständnis Carlos Alberto bleibt weiterhin sein freundschaftlicher Schlagabtausch mit Boubacar Sanogo. Dieser wiederum sucht den Absprung mit gezielter Trainer-Schelte.
Der SV Werder Bremen dieser Tage wandelt auf den Spuren vereinifizierter Unruheherde wie dem FC Schalke 04. Und dazu tragen nicht nur die Lauten unter den Spielern bei. Auch Transfer-Enttäuschungen wie Dusko Tosic und Sebastian Prödl passen nicht ins Bild vergangener Bremer Erfolge.
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