Alemannia Aachen vs. Jörg Schmadtke
Nach dem Goldrausch
Text: Tim Jürgens Bild: Imago
Unter Manager Jörg Schmadtke erlebte Aachen einen unvergleichlichen Höhenflug. Doch mit dem Erfolg begann ein schleichendes Zerwürfnis zwischen Aufsichtsrat und dem kauzigen Sportdirektor, das mit einem spektakulären Rausschmiss endete.
Ein Mann muss manchmal tun, was ein Mann tun muss. Und weil er grad da war, ergriff Jörg Schmadtke die Gelegenheit beim Schopfe – und machte die Sache publik: Ende Oktober gab der Sportdirektor bekannt, dass zum Saisonende für ihn in Aachen Schluss sein würde. Live und in Farbe im DSF, nur Minuten vor dem Anpfiff des Spiels seiner Alemannia gegen den FSV Mainz 05. Kündigte da ein Manager seine triumphale Abschiedstournee bei einem Klub an, den er in sieben Jahren vom Pleiteklub zum UEFA-Cup-Teilnehmer gemacht hatte? Oder provozierte ein egozentrischer Trickser hier lediglich seine Demission?
Der Vorstand bereitete dem Spuk ein schnelles Ende. In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz verkündete Aufsichtsratsboss Dr. Jürgen Linden um 23.49 Uhr des 20. Oktobers 2008 die Beurlaubung des Sportdirektors. Im verflixten siebten Jahr. Es gibt Beziehungen, die zerbrechen, weil ein Partner sich neu verliebt. Die meisten aber gehen kaputt, weil einer den anderen nicht mehr erträgt. So war es wohl auch in diesem Fall – ein Verhältnis, das auf Gegenseitigkeit beruhte. Nur wer hat hier eigentlich wen verlassen?
»Er hat deutlich gemacht, dass es ihm an Motivation für den Job fehlt«
Es gibt eine kurze und eine lange Version der Geschichte: Die kurze begann im März dieses Jahres. Damals traf sich der Vorstand mit Schmadtke, um über dessen Zukunft zu beraten. Die Welle des Erfolgs, auf der der Klub unter dem zupackenden Sportdirektor lange Zeit surfte, war abgeebbt. Mit Guido Buchwald hatte Schmadtke seinen Coach für die laufende Saison bereits wieder entlassen müssen. Und an den erhofften Wiederaufstieg ins Oberhaus wagte niemand mehr zu denken. Alemannia dümpelte im Niemandsland der Liga. Im Vorfeld der Besprechung soll Schmadtke von einem der Aufsichtsräte gefragt worden sein, ob er der Ansicht sei, seinem Job noch gerecht zu werden. Was bei dem verdienten Manager nach sieben Jahren Klubzugehörigkeit durchaus zu einiger Entrüstung führte. »Unappetitlich« sei der Umgang seitens des Aufsichtsratschefs mit ihm gewesen. Er signalisierte den Bossen also, dass er nicht an seinem Job kleben würde. »Er hat deutlich gemacht, dass es ihm an Motivation für den Job fehlt«, sagt Aachen-Geschäftsführer Frithjof Kraemer, was Schmadtke vehement bestreitet: »Dafür ist die Transferperiode im Sommer aber noch mal ziemlich gut gelaufen.«
Der Aufsichtsrat hatte damals gehofft, den Manager mit einem Blumenstrauß und Aachener Printen zu verabschieden. Doch Schmadtke verlangte eine angemessene Abfindung, die sich der wirtschaftlich unter Druck stehende Klub nicht leisten wollte. Sein Vertrag lief noch bis Ende Juni 2009, also setzte man wohl oder übel die Zusammenarbeit fort und traf sich am 15. Oktober 2008 erneut, um »ergebnisoffen« über seinen Verbleib bei Alemannia Aachen zu sprechen. Doch längst meldete der Flurfunk auf der Geschäftsstelle, dass die Entscheidung des Aufsichtsrates gegen den Manager gefallen sei.
»Warum lange herumeiern?«
Beim freitäglichen Jour Fix mit Frithjof Kraemer teilte der Geschäftsführer Schmadtke mit, die Führung sei übereingekommen, dass es besser sei, zukünftig getrennte Wege zu gehen. Das Angebot: Der Manager sollte zum 15. Dezember 2008 beurlaubt werden und bis zum Ende seines Vertrages auf 40 Prozent seiner Bezüge verzichten. Schmadtke nahm die Entscheidung mit ins Wochenende zur Renovierung in seine Wohnung nach Düsseldorf. Kurzmitteilungen auf seinem Handy, die während der freien Tage von der Klubführung bei ihm eintrafen, ließ er unbeantwortet. Am Montag machte er Kraemer ein Gegenangebot: Er werde auf maximal 20 Prozent verzichten und die Entscheidung, dass er als Sportdirektor aufhöre, solle noch heute bekannt gegeben werden.
Gegen 17 Uhr des 20. Oktobers erbat sich der Geschäftsführer einen Aufschub der Bekanntgabe bis Mittwoch, weil er so schnell kein Feedback vom Aufsichtsrat einholen könne. Schmadtke aber, der am Freitag zuvor bei einer Spielbeobachtung in Bochum von einem DSF-Mann angesprochen worden war, ob er für eine sportliche Einschätzung vor dem Heimspiel der Alemannia gegen Mainz 05 für ein Interview zur Verfügung stünde, nutzte die publicityträchtige Gelegenheit. Da das Live-Interview so kurz vor dem Spiel stattfand, dass der Inhalt des Gesprächs erst nach dem Abpfiff bei der Mannschaft ankam, verkündete er seinen Abschied: »Warum lange herumeiern?«
Aus Heft #86 01/2009
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Alemannia Aachen






