Wie Wolfgang Rolff Werder zusammenhält
Schaafs Wolle
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Dass Co-Trainer beileibe keine Hütchenaufsteller sein müssen, beweist Wolfgang Rolff beim SV Werder Bremen. Ohne ihn wäre die Mannschaft noch krisenanfälliger – und Thomas Schaaf um einen Freund ärmer.
Ein Donnerstagnachmittag auf dem Trainingsgelände des SV Werder Bremen. Es regnet, das gehört hier ja zum Programm. Thomas Schaaf hat ein enges Feld abgesteckt, Elf gegen Elf auf 25 mal 20 Metern. Der Coach will schnelle Handlungen sehen und Entschlossenheit im Zweikampf. Beides sind ihm seine Jungs zuletzt schuldig geblieben. 0:2 gegen Bayer Leverkusen im eigenen Stadion, eine Schmach. Schaaf war ganz schön sauer, Werder-Boss Jürgen L. Born sprach erstmals so, wie andere Bosse immer sprechen, wenn es schlecht läuft.
Das ist keine 48 Stunden her, und kaum mehr Zeit bleibt bis zum Spiel gegen Hertha BSC, der Chance, es wieder gutzumachen. Also gibt jeder alles im klaustrophobischen Rechteck: Frings frisst Gras, seine Lieblingsspeise, Merte schnauzt Tošić an, blöder Fehlpass, was soll das, spiel doch einfacher, Vranjes grätscht Boenisch um, das kommt vor, aufstehen, Diego sprintet sogar zur Ausführung der Ecke. Derweil steht Schaaf stoisch im Scheißwetter und betrachtet das Geschehen mit der ihm eigenen Ledermiene. Zwischendurch ruft er die Spieler zu sich und verschiebt unsichtbare Blöcke so entschlossen durch die Luft, dass es tatsächlich nach Kraftanstrengung aussieht. Alles klar? Weiter geht’s!
Einer hat besonders konzentriert zugehört, ganz dicht beim Trainer. Nun steht er an der Außenlinie und trippelt von einem Bein aufs andere. Zu gern würde er sich ins Getümmel stürzen, sich den Ball schnappen und dieses Trainingsspiel, ja sogar das Match gegen Hertha entscheiden. »Es juckt immer noch«, sagt Wolfgang Rolff, und man glaubt es ihm schon angesichts seines Nackenspoilers, der viel mehr nach Fußball aussieht als die Feuchtfrisuren der neuen Generation. Doch nächstes Jahr wird er 50, die Achillessehne zickt rum, und sowieso: »Im Endeffekt bin ich ja kein Spieler mehr, sondern Co-Trainer.«
Die Natur des Spielers und des Trainers
»Bouba! Bouba! Bouba!«, ruft Rolff nun, da es weitergeht, und immer wieder: »Bouba!« Der zur Melancholie neigende Stürmer Boubacar Sanogo ist gemeint, er hängt auf halb acht, weiß nicht so recht, wohin mit sich. Rolff sagt es ihm, er verschiebt das, was bei Schaaf vorhin noch unsichtbar war. Seit 2004 arbeitet er als sein Assistent. Vor 30 Jahren kreuzten sich in einer Bremer Jugendauswahl erstmals ihre Wege und danach immer wieder bei unzähligen Bundesligapartien. Doch im Gegensatz zu Schaaf, dem kaum jemand eine Karriere als Chefcoach zugetraut hätte und bei dem selbst alte Wegbegleiter sich noch immer wundern, mit welcher Souveränität er seine Position ausfüllt, waren in Rolff beide Naturen von Anfang an angelegt, die des Spielers und die des Trainers. Er war ein Kämpfer wie wenige sonst, abgehärtet schon als 17-Jähriger beim OSC Bremerhaven vom Schleifer Egon Coordes. Als der Hamburger SV 1983 im Endspiel des Europapokals der Landesmeister triumphierte, stellte er Juves Spielmacher Michel Platini kalt. Mit Bayer Leverkusen bog er 1988 ein 0:3 gegen Espanyol Barcelona um wie eine Eisenstange und holte den UEFA-Cup. Und wer trieb 1994 den Karlsruher SC zum historischen 7:0 gegen den FC Valencia? Einmal dürft ihr raten.
Andere – Felix Magath beim HSV, Tita bei Bayer oder »Euro-Eddy« Schmidt beim KSC – glänzten, Rolff ermöglichte es ihnen. Das war schon der Trainer in ihm: diese taktische Selbstlosigkeit, der Meter mehr für den Nebenmann, die Abstraktionsleistung, sich als Teil eines Gefüges zu begreifen. Und das galt auch im Zwischenmenschlichen. Rolff war fast überall Kapitän, wenn er die Binde überhaupt brauchte. Denn Leitfigur war er ohnehin, Stabilisator, Kitt einer Mannschaft, gerade wenn sie aus vielen Einzelkönnern bestand und im Misserfolg auseinander zu fallen drohte. »Die Begegnung mit Wolfgang hat mich geprägt«, erinnert sich Jens Nowotny, der ihn als Jungspund beim KSC erlebte. »Er war der Mannschaftsspieler schlechthin. Er hat mir beigebracht, was ich als Individualsportler nie gelernt hätte: Dass andere auch Fehler machen dürfen – und man sich trotzdem auf sie verlassen kann.« Dass so einer es nach dem Karriereende 1996 – bis auf drei Partien als Interimslösung beim VfB Stuttgart – nicht zum Cheftrainer in der Bundesliga gebracht hat, mag zunächst einmal verblüffen. Er, der geborene Anführer, als Adlatus?
Aus Heft #85 12/2008
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