Club-Fan Endl zur Ultra-Diskussion
Der springende Funke
Text: Alexander Endl Bild: Imago
Die Ultras: Sind sie Fluch oder Segen? Unsere aktuelle Titelgeschichte »Ruhe bitte« hat heftige Diskussionen in der Fanszene ausgelöst. Hier legt Alexander Endl, Anhänger des 1. FC Nürnberg, seine Sicht der Dinge dar.
Es war so ein Tag, vor dem Fans sich grausen und zugleich beklagen, wenn sie solche Tage nie erleben. Der Club aus Nürnberg ist reich an solchen Tagen, daher ist vielleicht die innige Beziehung zwischen dem »Ruhmreichen« und seinen Fans zu begründen, die sich daher selbst als die »Leidensfähigen« bezeichnen.
Es war der 17. Mai 2008 und es war alles bereit. Nur ein Sieg war nötig, um den vielleicht unnötigsten Abstieg der an Abstiegen reichen Vereinsgeschichte zu vermeiden, ausgerechnet gegen Schalke – natürlich ausgerechnet. Gerade gegen die Fanfreunde aus Gelsenkirchen sollte ein Sieg die ganze Misere einer Saison noch mal umbiegen und dann alles in die Kiste, »Deckel drauf« und ab in den Schrank. Eine Saison, die schon viel gekostet hatte – an Nerven, an Sympathie, an Hoffnung, an Zukunft, vor allem aber auch einen Trainer, Hans Meyer, der wie keiner für eine kurze Wiederbelebung eines fast schon vergessen geglaubten Ruhmes stand.
Der Weg zum Stadion glich einer Prozession, je näher man dem »Frankenstadion« kam. Es war diese besondere Anspannung vor einem großen Ereignis, dessen Ausgang nicht vorherzusehen ist. Als Clubfan hatte ich selbst einen eher ungewöhnlichen Platz an diesem Tag: Mitten in der Schalker Gästekurve, denn ich begleitete einen Schalker Fan ¬– und neben mir mein Freund, ein Werder-Fan.
Die Stimmung im Stadion war äußerst angespannt, aber nicht aggressiv, eine Art positive Konzentration. Selbst der in dem Spiel nur indirekt betroffene Werder-Fan konnte sich dieser Stimmung nicht entziehen.
Dennoch: Irgendetwas stimmte nicht.
An die Vollbeschallung hatte man sich vor Spielbeginn ja bereits leidlich gewöhnt, der Aufruf der Spieler unter donnernden Klängen von AC/DCs »Thunderstruck« gehört auch schon irgendwie dazu, und die Einspielung des FCN-Hits »Die Legende lebt«, einem trotz der Pan-Flöten-Anleihen wirklich gelungenen Vereinsliedes, sorgte für nachhaltige Gänsehaut. Das alles war es nicht.
Es begann mit dem Anstoß, denn danach passierte… nichts. Der Funke, der so greifbar schien, sprang einfach nicht über.
Die Mannschaft stiefelte wie gewohnt und stets bemüht in dieser Saison über den Platz. Nach dem Auslassen einiger Chancen hüben wie drüben fiel dann das 0:1 für Schalke, danach macht die Mannschaft etwas auf, wie man das eben macht, und in der 63. Minute stand an der Anzeigentafel dann eben 0:2. Sicher eine schwere Situation, aber es ging ja noch um alles, den Abstieg, die Zukunft – St. Pauli statt HSV, 1860 statt Bayern München. Zeit, noch einmal alles zu mobilisieren. Doch die Spieler schienen einfach nicht in der Lage zu sein, eine Schippe draufzulegen, diesen berühmten Schalter umzulegen.
Und was machte in dieser Phase der so genannte 12. Mann?
In der Fankurve der Ultras schwenkte man weiße Taschentücher – 30 Minuten vor Spielende. Eine Bankrotterklärung in Richtung der Mannschaft und für die Zweckgemeinschaft zwischen Fan und Verein/Mannschaft ein Offenbarungseid. Und - was der Sache eine besondere Note gibt - eine wohl vorweg choreographierte Aktion.
Ergänzung zu Heft #85 12/2008
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