Erinnerungen von Gerhard Clement
»Herne war wie Hoffenheim«
Text: Peter Müller Bild: Imago
Ende der fünfziger Jahre, als der Fußball im Ruhrgebiet noch unter Fördertürmen gespielt wurde, schoss der junge Gerhard Clement Westfalia Herne zur Meisterschaft in der legendären Oberliga West.
Vor einiger Zeit kam Gerhard Clement mit einem Bekannten ins Gespräch. Man tauschte ein paar Nettigkeiten aus, und als der heute in Recklinghausen lebende Gerhard Clement erzählte, er komme aus dem Ruhrgebiet, sei gebürtiger Herner, gab sich der andere sofort als Fußball-Liebhaber zu erkennen: »Westfalia Herne!« Und dann schwärmte der Mann von der großartigen Herner Fußballmannschaft, die 1959 sensationell Meister der legendären Oberliga West wurde – vor Köln, Düsseldorf, Bochum, Dortmund, Schalke. »Die Herner hatten eine tolle Achse«, wusste der Kenner und zählte auf: »Tilkowski im Tor, Pyka in der Abwehr, Benthaus als Läufer. Und ganz vorne der lange Clement.«
Heute wurmt es Gerhard Clement ein wenig, dass er sich daraufhin nicht den Spaß erlaubte, sich diesen Stürmer mal genauer beschreiben zu lassen. Stattdessen reagierte er seinem Charakter entsprechend und sagte nur grinsend: »Clement, das bin ich.«
Ein Star war er nie
Als noch im Schlagschatten der Fördertürme gespielt wurde, war er einer der Protagonisten des Revierfußballs. Ein Star aber war Gerhard Clement nie. Er ist froh darüber, die Großverdiener von heute beneidet er nicht: »Dieser ganze Trouble«, sagt er, »das wäre für mich nichts gewesen.«
Runde 70 wird er an diesem Dienstag. In der heutigen Zeit hätte sich einer wie er dem Rummel nicht entziehen können. Denn Gerhard Clement schoss als 20-Jähriger die Herner Wundermannschaft zur Westdeutschen Meisterschaft, in jener Saison 58/59 gelangen ihm sage und schreibe 28 Treffer. Den Goldenen Schuh für den besten Torjäger Deutschlands bekam dennoch ein anderer: Ein gewisser Uwe Seeler aus Hamburg hatte genau ein Törchen mehr erzielt.
Uwe Seeler war es auch, der Gerhard Clement den Weg in die Nationalelf verbaute. Auch dies macht ihn im Rückblick nicht wehmütig. »An Uwe Seeler kam doch keiner vorbei«, sagt Gerhard Clement in einer gesunden Mischung aus Realismus und Respekt. »Was der über so viele Jahre geleistet hat!« Manchmal hört oder liest Gerhard Clement, er sei »der Uwe Seeler des Reviers« gewesen, das weist er weit von sich: »Mit diesem Mann kann ich mich nicht messen.«
»Wir waren das Hoffenheim der Oberliga«
Immerhin: In zwei Endrunden um die Deutsche Meisterschaft begegneten die Herner den Hamburgern auf Augenhöhe. Die Westfalia galt als »graue Maus« des Westens, Essen, Dortmund und Schalke hatten zuvor als Deutsche Meister Maßstäbe gesetzt. »Uns nahm keiner ernst«, erzählt Gerhard Clement. »Im Vergleich zu heute waren wir das Hoffenheim der Oberliga.«
Doch während Hoffenheims Erfolg hochprofessionell geplant und mit Millionen unterfüttert wird, basierte der Herner Aufstieg auf Maloche – eine typische Wirtschaftswunderlandstory. »Wir haben die Trainingstasche schon morgens mit zur Arbeit genommen«, erinnert sich Gerhard Clement. »Unser Trainer Langner wurde nicht umsonst der Eiserne Fritz genannt.«
Ins Saarland wollte er nicht
Der Herner Traum endete, als 1963 die Bundesliga gegründet wurde, in der die Westfalia keinen Platz fand. Gerhard Clement hatte Angebote aus Duisburg und Saarbrücken, »aber Duisburg nahm dann lieber den Helmut Rahn, und ins Saarland umziehen wollte ich auf keinen Fall.« Er sei eben bodenständig, betont er. 41 Jahre arbeitete er als Industriekaufmann für die Ruhrkohle. 15 Jahre trug er das Trikot von Westfalia Herne.
Der Klub spielt mittlerweile eine gute Rolle in der NRW-Liga, in der fünften Klasse. Gerhard Clement verfolgt den Weg seines Vereins genau, als Einziger aus der Meistermannschaft von '59 lässt er sich noch regelmäßig bei den Spielen im alten Stadion am Schloss Strünkede blicken.
»Ich bin da doch groß geworden"
Selbst dort ist er aber kein denkmalgeschütztes Idol, im vergangenen Jahr gab es reichlich Ärger mit jüngeren Westfalia-Fans. Nach einer Kritik am Trainer wurden Gerhard Clement und seine beiden Brüder wochenlang im Internet verunglimpft, bis es ihnen zu bunt wurde und sie klagten. Der Drahtzieher muss wegen Rufschädigung dreimal 500 Euro zahlen, das Geld will Gerhard Clement einem guten Zweck zukommen lassen.
Seinem Klub kehrt er trotzdem nicht den Rücken zu. »Meine Frau hat gesagt: Dass du da noch hingehst«, erzählt Gerhard Clement. »Aber ich bin da doch groß geworden.«






