Peter Neururer über Klinsmann und das tägliche Leiden
»Ich zähl' Fliegen an der Wand«
Text: Andreas Bock Bild: Imago
Nach wie vor hofft Peter Neururer auf den erlösenden Anruf. Und weil sonst nichts los ist, hält er sich fit mit Benefiz-Golfturnieren und tingelt durch die Stadien des Ruhrpotts. Wir blicken mit ihm auf die neue Saison.
Herr Neururer, heute startet die neue Saison. Wann steht bei Ihnen endlich wieder jemand vor der Tür und sagt: »Neururer, übernehmen Sie!«?
Hoffentlich noch in dieser Saison. Die Angebote die ich in den letzten Monaten bekommen habe, waren nicht so verlockend. Aber Sie können mir glauben: Ich leide, nein, ich durchleide eine wirklich schwere Zeit.

Richtig weg vom Fenster, wie einige vermuten, sind Sie aber noch lange nicht.
Ganz und gar nicht. Momentan können Sie mich zum Beispiel lesen und hören. Ich arbeite für den Bayerischen Rundfunk und schreibe eine Kolumne für die Hamburger Morgenpost. Ich finde medial also noch statt – und deswegen freue ich mich auch so über Ihren Anruf.
Freuen Sie sich auch auf die neue Saison?
Natürlich. Ich bin ja nicht nur arbeitserhoffender Trainer, ich bin auch Fan. Und kann einem Fan zum Beginn der neuen Saison etwas Schöneres geschenkt werden als der Klassiker FC Bayern gegen den HSV?
Haben Sie denn keine Lust, endlich mal die Füße hochzulegen?
Das mache ich ja gelegentlich. Es gibt Tage, da zähle ich die Fliegen an der Wand, die gar nicht da sind. Meine Frau ist dann richtig froh, wenn ich ihr sage: »Schatz ich fahr' zu einem Benefiz-Golfturnier« oder ähnliches. Dann gibt es aber auch Tage, an denen ich über die Fußballplätze der Region tingele.
Der Trainer Neururer ist heute der Kiebitz Neururer?
Ich bin da, wo der Fußball rollt – keine Frage! Doch Kiebitz würde ich das nicht nennen. Ich will als Trainer einfach auf dem neuesten Stand bleiben, dafür schaue ich mir eben so viele Spiele wie möglich an.
Haben Sie keine Angst, dass Gerüchte aufkeimen, sobald man Sie im Stadion sieht?
Zumeist bin ich nur bei Spielen von Mannschaften in der unmittelbaren Umgebung, in NRW. Oft kenne ich dort die Trainer, bin befreundet mit ihnen oder den Managern. Daher muss ich mir selten dumme Sprüche anhören. Und wenn ein Kollege tatsächlich mal in Schwierigkeiten gerät, habe ich immer noch so viel Anstand gehabt, am nächsten Spieltag nicht auf der Tribüne seines Vereins zu sitzen. Obwohl dieser Gedanke eh totaler Quatsch ist: Durch die Anwesenheit eines arbeitssuchenden Trainers, sprich eines Neururers oder eines Augenthalers, wird mit Sicherheit kein anderer Trainer beurlaubt. Ebenso wenig wird durch meine Abwesenheit ihre Vertragsverlängerung ausgesprochen.
Würden Sie heute auch einen ambitionierten Drittligisten – etwa ein zweites Hoffenheim – mit dem mittelfristigen Ausblick auf Erstligafußball übernehmen?
Ich denke nicht, dass Drittligisten, die die erste Liga anstreben, Probleme mit ihrem Trainer haben. Die Vereine, die solch hohen Ziele verfolgen, sind von vornherein so gut aufgestellt, dass die mich oder auch andere arbeitserhoffende Trainer gar nicht anrufen werden.
Was trauen Sie denn der TSG 1899 Hoffenheim zu?
Ich behaupte nicht, dass Hoffenheim am Ende auf einem internationalen Platz steht, wie einige andere Experten es prophezeien. Doch mit dem Abstieg wird die Mannschaft nichts zu tun haben. Wenn Schwierigkeiten auftreten sollten, dann wird man sie mit den Fachkenntnissen von Ralf Rangnick und der finanzkräftigen Unterstützung von Dietmar Hopp schnell beheben.
Glauben Sie, dass die Diskussion um den vermeintlich traditionslosen Retortenverein noch während der Saison abflachen wird?
Ja. Ich finde diese Diskussion sowieso total lächerlich. Man könnte in diesem Kontext auch über den VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen sprechen, zwei Vereine, die ebenfalls große Geldgeber im Rücken haben. Dietmar Hopp hat es geschafft eine Mannschaft aus seiner Region in die Bundesliga zu führen – mit Geld, aber auch mit einem tollen Unterbau.
Ein bisschen Traditionalist sind doch alle gerne.
Ich bisweilen ja auch. Ich würde mich durchaus freuen, wenn sich mal wieder einer dieser so genannten Traditionsklubs, die momentan in den unteren Ligen umher dümpeln, in der 1. Bundesliga etablieren würde. Was mich nervt, ist die Diskussion um die nicht vorhandene Tradition in Hoffenheim, denn der Verein hat ja eine Tradition – er wurde 1899 gegründet. Nur fußt alles im Dörflichen, in einer kleinen Region. Etwas Großes entstehen zu lassen, das ist die schwere Aufgabe, die nun vor den Hoffenheimern liegt.
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