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5 Dinge über 1899 Hoffenheim
Text: Andreas Bock Bild: Imago
In Hoffenheim schweben sie auf »auf Wolke sieben, nein auf Wolke 1899«, jauchzt Oberbürgermeister Geinert. Doch eilig hat es niemand, nur ein Neuzugang konnte bisher vermeldet werden: Andreas Beck, die Leseratte aus Stuttgart.
1. TEMPO, TEMPO
In den Eckspelunken schlugen sie mit ihren Fäusten auf die Stammtische, dass die Wimpel zu Boden und die Bronzeteller aus den Wandregalen fielen, die Korngläser zitterten und die Könige des Kartenhauses durch den Raum wehten. Die Stammplatzhalter, die unentwegt Besorgten, die Kulturpessimisten, die Fahnenhochhalter, die, die bereits vor 18 Jahren hier saßen, als die gesamtdeutsche Bundesliga in ihre erste Saison ging und die TSG 1899 Hoffenheim gerade von der Kreisliga mit einem Team aus Landwirten, Studenten, Auszubildenden und Angestellten in die Bezirksliga aufgestiegen war, pöbelten lautstark in den blauen Dunst hinein. An jenem Nachmittag, am 16. März 2008, als der Dorfklub aus dem Städtchen Sinsheim nach einem 1:0-Heimsieg gegen Erzgebirge Aue zum ersten Mal auf einem Aufstiegsplatz in der 2. Liga stand, brach ihre stabile Welt zusammen. Wieder einmal.
Und inmitten der Nebelschwaden malten sie ihr apokalyptisches Szenario hinein: Fans gewinnen in einer 3.000-Seelen-Dorf, Emotionen kaufen, einen Verein über Nacht zum Glänzen bringen – wie soll das denn bitte funktionieren? Und sowieso: Ist diese TSG 1899 Hoffenheim überhaupt ein Verein?
Rangnick und sein spannendes Projekt
Ein Verein im eigentlichen Sinne, in dieser konventionellen Fußball-Dialektik, die seit jeher auf diesen schwammigen Terminus Tradition gründet, ist die TSG tatsächlich nicht. Und die Stammesväter sollten mit ihrer Meinung nicht alleine bleiben. Erst kürzlich sagte Jürgen Klinsmann in einem Interview, dass er die TSG 1899 Hoffenheim als ein »Projekt« versteht – wenngleich ein gänzlich anderer Unterton mitschwang, denn ein Wort wie »Projekt« ist in der klinsmannschen Rhetorik niemals negativ konnotiert. Selbst Hoffenheims Coach Ralf Rangnick spricht in Bezug auf seinen Arbeitgeber seltener von einem Fußballverein, häufiger aber von einem »Modell«, eines, das es bis dato im Profifußball nicht gegeben habe. Rangnick erklärt in diesem Zusammenhang gerne, dass er dieses »Modell« mit Spannung und Interesse verfolgt, dabei spricht der vermeintliche Fußballprofessor nicht wie ein Habilitierter, vielmehr wie ein Außenstehender, wie ein Student, der rein interessehalber und fast zufällig zu einem Teilnehmer eines Experimentes wurde, der aus Versehen in ein Seminar stolperte, das nun plötzlich ein etabliertes Gefüge zum Wanken bringt, das sich aber zugleich so prototypisch definiert, dass niemand weiß, ob es überhaupt jemals Erfolg haben wird.
Projekte. Modelle. Konzepte. Einher gehen fixierte Startpunkte, klare Zielvorgaben. Doch Dietmar Hopp schüttelte diesen planwirtschaftlichen Rattenschwanz stets ab. Nein, eilig habe man es nicht, aufzusteigen, warum auch, die Bundesliga laufe schließlich nicht davon. Fünf Jahre hatte der SAP-Gründer, der Milliardär aus Hoffenheim, der vermeintliche Dorf-Abramowitsch und wahrhaftige Klub-Mäzen, für den Weg von der Regionalliga in die höchste deutsche Spielklasse eingeplant. Wer glaubte, auf diesem skizzierten Weg ausschließlich strikte Vorgaben und starre Systeme entdecken zu können, der blickte plötzlich enttäuscht in ein Zeitfenster, das nur vage umrissen war, in ein Projekt, das von innen heraus wachsen sollte, das von einem Milliardär die Zeit zugestanden wurde, die es brauchte.
Zwischen Kuhscheiße, Auswärtsfahrten und Heimstammtisch
Es war 1989, da stand Hopps Heimatklub vor dem erneuten Abstieg in die Kreisliga A. Das entscheidende Relegationsspiel ging in der Verlängerung verloren. Schon am nächsten Tag klopfte Dietmar Klopp beim Verein an – er wollte der TSG fortan finanziell unter die Arme greifen. Hopp, Sohn des Dorfes, spielte in seiner Jugend selbst als Stürmer für den Verein, Hopp, das wusste jeder im Dorf, war einer, der sich mit der TSG Hoffenheim identifiziert, der dem Verein schon immer verbunden war – ein Milliardär zwischen Kreisliga, Kuhscheiße, Auswärtsfahrten und Wimpelstammtisch in der Eckkneipe. Zunächst überwies Hopp 10.000 Mark, davon wurden Bälle gekauft, Trikots, Hosen, Trainingskleidung. Später ermöglichte Hopp den Bau eines Nachwuchszentrums. Doch mit dem SAP-Gründer kam der Erfolg nicht über Nacht, ganz behutsam pirschte sich die TSG 1899 Hoffenheim in Richtung Profifußball. Jeweils vier Jahre dümpelte der Verein noch in Landes- und Verbandsligen herum, erst im Jahr 2001 stieg die TSG von der Ober- in die Regionalliga auf – und erstmals kamen über 3.000 Fans ins Stadion.
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