Wohin des Weges, FC St. Pauli?
Das Biotop verändert sich
Text: Andreas Bock Bild: Imago
Auch am Millerntor ist Fußball ein Stück weit zum Event mit prolligen und mitunter homophoben Auswüchsen geworden. Wie viel ist noch übrig vom politisch korrekten Bewusstsein des Pauli-Anhangs?
An dem Tag, als Björn Pahrmann zum letzten Mal ins Stadion ging, blieben sie stumm. Sie hielten einfach ihre Fahnen in den Wind. Dort, wo Pahrmann stand, im Block F, am äußersten Rand der Westkurve des Hamburger Volksparkstadions, dort, wo die hart gesottenen HSV-Ultras Woche für Woche auf ihre angestammten Plätze marschierten wie Mallorca-Urlauber zu ihren Handtüchern am Badestrand, dort, wo er immer schon gestanden hatte, war er an jenem lauen Spätwintertag im Februar 1990 mit einem Mal ganz alleine. »Ich hörte hinter mir lautes Gepöbel«, erinnert er sich, »und als ich mich umdrehte, sah ich, wie Neonazis einen jungen Türken aufs Krasseste beschimpften«. Kurz bevor die Fäuste flogen, ging er dazwischen – und kurz danach verließ er mit zerbeulter Nase die Westkurve. Für immer.

Ein paar Monate später stand Pahrmann zum ersten Mal in der Gegengerade am Millerntor, ergriffen davon, wie selbstverständlich die Anfeuerungen durch das Stadion hallten. »Ich fand eine neue Welt: old-schooliger englischer Support, politisch interessierte Menschen«, sagt er. »Und dann stand ich noch direkt neben dem Idol meiner Jugend, neben dem Sänger von Slime.« Schlüsselerlebnisse.
»Das romantische Bild des St.-Pauli-Fans stimmt sicherlich nicht mehr«
Seitdem hat sich nicht alles geändert, doch einiges. Dirk »Dicken« Jora, jener Frontmann der Punkband Slime, sitzt mittlerweile auf der Haupttribüne. In der Nordkurve und der Gegengerade stehen die Werber von Jung von Matt und Springer & Jacoby, die sich hier am Wochenende ihre Ration »Anarchie light« abholen und am Montag durch das aufgehübschte Schanzenviertel in ihre Agenturen flanieren. Das mögen Klischees sein, das weiß auch Pahrmann, doch wenn man genau hinschaut, wenn der Blick über die rissigen Treppenstufen des Millerntors streift, dann bewahrheiten sie sich. Jedes Wochenende von neuem. Sven Brux, ehemals Schreiber des Fanzines »Millerntor Roar« und heute Organisationschef des Vereins, wertet diese Entwicklung aber nicht per se als negativ: »Das romantische Bild des St.-Pauli-Fans, der irgendwie immer noch im Hafenstraßen-Punk verwurzelt ist, stimmt sicherlich nicht mehr. Doch ist das wirklich so schlimm?« Schlimm findet das auch Fan Pahrmann nicht. Was zählt, sei die Haltung und die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren. Und warum sollte man diese Eigenschaft den Modefans, den Werbern, die in der linken Rhetorik zu einer Art Symbol der ungewünschten Gentrifizierung auf St. Pauli geworden sind, von vornherein absprechen. Zumindest kann man nicht alle unschönen Randerscheinungen auf diesen Fantypus abwälzen.
So hat es etwa homophobe oder sexistische Sprüche am Millerntor immer gegeben, wenngleich auch nie so ausgeprägt wie in anderen Stadien. Stefan Schatz, der seit dem Rücktritt von Heiko Schlesselmann Leiter im St.-Pauli-Fanladen ist, meint: »Wir leben auch nicht in einem abgeschlossenen Kosmos, in den von außen nichts eindringt, wo es keine Überschreitungen von Grenzen gibt.« Björn Pahrmann kennt dieses unliebsame Außen, er kennt die Geschichten von den Auswärtsfahrten, auch die aus der letzten Saison, als junge St.-Pauli-Fans älteren Osnabrück-Anhängern die Schals klauten und mit dumpfen Sprüchen Ärger provozierten. Fast resignierend sagt er: »Letztlich ist Fußball immer noch ein Proletensport.« Heiko Schlesselmann trat auch aufgrund dieser Vorkommnisse von seinem Amt als Fanladen-Vorsitzender zurück. In einem Interview mit dem Fanzine »Der Übersteiger« beklagte er jüngst die größer werdende Fraktion jener Fans, für die kein Widerspruch mehr besteht zwischen einem linken Selbstverständnis auf der einen Seite und unreflektiertem Handeln oder homophobem Gestus auf der anderen.
Aus Heft #81 Sonderheft 2008/09
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