Oliver Schmidtlein über modernes Trainings
»Wie in der Formel 1«
Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Wenn man Schwarzenbecks Waden mit Lahms vergleicht, drängt sich der Verdacht auf, dass heute anders trainiert wird als vor 30 Jahren. Wie und warum, das erklärt uns Oliver Schmidtlein, Fitnesstrainer des FC Bayern.
Herr Schmidtlein, hätte die Bayern-Mannschaft von 1979 mit ihren damaligen Fitnesswerten noch eine Chance im Jahre 2009?
Das ist schwer zu sagen. Was die Ausdauer anginge, vielleicht schon. Soviel ich weiß, gibt es bei den reinen Ausdauerwerten keine frappierenden Unterschiede zu damals. Es wäre interessant zu sehen, wie ein Vergleich aussähe.
Sind Paul Breitner und Kalle Rummenigge auf die gleiche Weise zu ihrer Ausdauer gekommen wie Franck Ribéry und Miroslav Klose?
Eher nicht. Wie erzählt wurde, hat man damals mehr zwischen Training mit Ball und Training ohne Ball getrennt. So waren z. B. reine Lauftrainingslager üblich, bevor man anfing, wirklich Fußball zu trainieren.
Mit welcher Konsequenz?
Mir fällt auf, dass die Spieler damals muskulöser, massiger und vielleicht ein bischen schwerer waren.
Hans Peter Briegel, die »Walz von der Pfalz«.
Zum Beispiel. Seinerzeit ging es um Kraftzuwachs um jeden Preis. Es galt das darwinistische Prinzip: »Only the fittest survive«. Heutzutage sind die Spieler zwar auch durchtrainiert, aber nicht mehr so massig. Es ist wie in der Formel 1: Ein bisschen weniger Gewicht bei gleich bleibender PS-Zahl. Ich führe das darauf zurück, dass die Trainingsmethoden effizienter geworden sind.
Ist es auch ein didaktischer Kniff, den Jungs immer einen Ball zum Spielen zu geben, um sie davon abzulenken, dass sie eigentlich Kondition bolzen?
Durchaus. Da gibt es etliche Möglichkeiten, das Training schmackhaft zu machen. Wenn wir zum Beispiel verschiedene Übungen machen, dann nennen wir das salopp einen »Shit-Sandwich«: Wir packen, das, was die Spieler nicht mögen, zwischen zwei Übungen, die sie mögen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass man die Gefahr der zentralen Ermüdung – der Ermüdung des zentralen Nervensystems durch Monotonie – vermeiden kann. Aber es ist auch eine Frage der Zeitökonomie. Fußball besteht aus je nachdem wie man es einteilt , etwa 15 verschiedenen Eigenschaften: Springen, Laufen, Ausdauer etc. Es empfiehlt sich, diese Eigenschaften in den Trainingseinheiten zu kombinieren, um sie gleichermaßen abdecken zu können. Und noch ein dritter Punkt fällt mir ein: Der Fitnesstrainer des FC Barcelona erzählte einmal, dass er ohne Ball zwar viel gezielter, einfacher und manchmal effizienter arbeiten könnte. Aber wenn er einen Haufen Südamerikaner in der Mannschaft hat und eine Revolution vermeiden will, gibt er ihnen eben den Ball und sagt: »Rennt hinterher!«
Gibt es eigentlich Übungen, bei denen das Aufstöhnen der Spieler vorprogrammiert ist? Hören Sie manchmal: »Och nö, Oliver, lass mal die Medizinbälle weg!«?
Eigentlich nie. Wir bemühen uns nach Kräften, das Training so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.
Aus Heft #87 02/2009
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München






