Nürnberg steigt ab
Die grausame Gegenwart
Text: Thomas Hummel Bild: Imago
Durch eine 0:2-Niederlage gegen Schalke 04 steigt eine zaudernde Nürnberger Mannschaft nur ein Jahr nach dem Pokalsieg aus der Fußball-Bundesliga ab. Wie konnte es dazu kommen?
Nicht einmal die Schalker konnten an diesem Tag für Nürnberg Tore schießen. Selbst wenn sie sich ziemlich viel Mühe gaben. Nach knapp 70 Minuten flog eine Flanke in den Schalker Strafraum, Linksverteidiger Christian Pander visierte den Ball an, ließ schulmäßig den Oberkörper nach vorne fallen und köpfte - an die eigene Latte. Von dort aus sprang der Ball ins Feld zurück, ein Kollege Panders klärte. Es war der Moment, an dem bei den meisten der 47.000 Zuschauer im Nürnberger Stadion die letzte Hoffnung versiegte.
Da stand es bereits 0:2, die Gastgeber benötigten noch drei Tore, um den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga noch zu verhindern. Es gelang nicht mehr, es gelang nichts mehr. Der Pokalsieger des Jahres 2007 spielt in der kommenden Saison in der zweiten Liga.
Am liebsten taub und blind
Schon vor dem Anpfiff waberte eine Mischung aus trotzigem Optimismus und Abstiegsangst durch Nürnberg. Und Angst kann man vielfältig bekämpfen. Es gibt Menschen, die sich zurückziehen, am liebsten taub und blind wären, um das Unheil zu überstehen. Die Fans des 1. FC Nürnberg wählten vor dem Anpfiff dieses Letzte-Hoffnung-Spiels gegen den Abstieg einen anderen Weg. Die jungen Brüller in der Nordkurve schrieen sich bereits eine halbe Stunde vor Spielbeginn derart in Fahrt, dass man Angst um Stimmbänder und Lungen haben musste. Bald war auch der Rest der Nürnberger Zuschauer dabei, Das Zittern um den Ligaverbleib mit rhythmischem Klatschen zu vertreiben.
Um sich noch mehr Mut zu machen, belebten der Verein seine Mythen wieder, die es beim traditionsreichen Club ja zuhauf gibt. Auf der Leinwand liefen Szenen aus seligen Schwarz-Weiß-Zeiten, als der Club noch Meisterschaften gewann. Und natürlich liefen Bilder aus der Vorsaison, mit den bejubelten Siegen im DFB-Pokal, die an diesem Tag ungefähr so weit in der Vergangenheit zu liegen schienen, wie die seligen Schwarz-Weiß-Zeiten.
Doch dann sah man auf dem Platz in den rot-schwarzen Trikots mehrheitlich die gleichen Spieler, die zuvor auf der Leinwand so schön gejubelt hatten. Das brachte einem noch einmal nahe, dass dieser Verein vor einem Jahr Tabellenfünfter in der Liga und Sieger um Pokal war. Dass dieser Pokalsieger bis auf den Torwart keinen Spieler verlor, und sogar noch renommiertes Personal dazugewann (Misimovic, Koller, Charisteas, Abardonado). Und dennoch ging es für den 1. FC Nürnberg an diesem Nachmittag um alles. Der Club musste gegen den Tabellendritten Schalke 04 gewinnen, Bielefeld durfte gleichzeitig in Stuttgart keinen Punkt ergattern, dann konnte hier die große Nicht-Abstiegs-Party steigen.
In den Tagen davor hatte Trainer Thomas von Heesen noch einmal Optimismus verbreiten wollen »Ich nehme das Wort vom worst case gar nicht in den Mund«, sagt er, »Nürnberg steigt nicht ab.« Seine Mannschaft glaubte offenbar zu Beginn an die Rettung. Und an sich selbst. Wie so oft in dieser Saison begann Nürnberg ein Spiel mit Elan, mit Selbstvertrauen, mit individueller Klasse. Angelos Charisteas (8.) und Marek Mintal (9.) hatten die ersten guten Möglichkeiten. Es folgte ein Kopfball von Andreas Wolf, den Schalkes Torwart Manuel Neuer mit einem kaum sichtbaren Reflex über das Tor lenkte (12.).
Schon zu diesem frühen Zeitpunkt machte sich allerdings erstes Unbehagen breit im Stadion. Denn obwohl keine Ergebnisse aus den anderen Stadien auf der Leinwand eingeblendet wurde, wussten schnell ziemlich viele Leute, dass Bielefeld in Stuttgart führte. Zweitens haben die Fans ihre Mannschaft in dieser Saison oft genug gesehen - sie wussten, dass häufig einer furiosen Anfangsphase ein schneller Absturz folgte. Auch diesmal.
Gerald Asamoah hatte schon zweimal aussichtsreich für die Gäste vergeben, ehe der wirkungsvollste Schalker Spielzug zum Erfolg führte: Ecke Christian Pander, Kopfball Marcelo Bordon - 0:1 (19.).
Schlimmer allerdings als das 0:1 war die Art und Weise, wie die Nürnberger danach zum Anstoßpunkt schlichen. Kein Anfeuern, kein Aufrütteln, keine Energie. Die Angst übermannte nun merklich die Nürnberger Mannschaft und im Gegensatz zu ihren Zuschauern reagierten viele Spieler darauf mit Apathie, Charisteas, Galasek zum Beispiel. Auch der sonst so aggressive Verteidiger Andreas Wolf wirkte plötzlich zaghaft und zaudernd. Andere wie Mintal oder Engelhardt verkrampften völlig.
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