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Bielefeld: Zeuge musste Fotos löschen

»Ham wir uns da verstanden?«

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Am vergangenen Samstag wurde ein Bielefelder Ordner von Bochumer Fans angegriffen und schwer verletzt. Fotograf Gerrit Starczewski war Zeuge – musste belastendes Fotomaterial jedoch löschen. Wir sprachen mit ihm.

Bielefeld: Zeuge musste Fotos löschen - »Ham wir uns da verstanden?«


Herr Starczewski, beim brutalen Angriff auf einen Ordner im Gästeblock des Bielefelder Stadions waren Sie in unmittelbarer Nähe.

Ja. Beim Einlaufen der Mannschaften stand ich, als offiziell akkreditierter Fotograf und damit Bildberichterstatter, in unmittelbarer Nähe des Gästeblockes, um Eindrücke der Gästefans des VfL Bochums zu fotografieren und zu dokumentieren.

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Es wurde kein Tag wie jeder andere.

Bei Weitem nicht. Unmittelbar nach Spielbeginn öffnete sich, nach Abrennen einer mittelgroßen Rauchwolke, das Tor, und zwei Ordner trugen einen sichtlich schwer verletzen Ordner aus dem Block. Dieses Vorgehen habe ich fotografisch dokumentiert, da sich dies unmittelbar vor mir ereignete. So wurde ich direkter Zeuge und war im direkten Angesicht des nicht ansprechbaren Ordners, der starke Blessuren in der Gesichtsgegend aufwies und meinem ersten Eindruck nach bewusstlos wirkte. Es eilten Sanitäter hinzu, weitere Ordner und Polizeibeamte in Zivil und Uniform seitens der Hundertschaft.

Wie weit waren Sie vom Geschehen entfernt?

Bei meinen Bildern habe ich immer eine Distanz zum verletzen Ordner gewahrt, da ich mich zu diesem Zeitpunkt stehend auf der anliegenden Sitzplatztribüne befand.

Was war auf Ihren Bildern zu sehen?

Viele Bilder sind in Serienaufnahmen, also in schnell aufeinander folgenden Bildern entstanden, so dass auch das Gesicht des schwer gezeichneten Ordners auf einigen Bildern zu sehen gewesen ist. Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, diese Bilder zu veröffentlichen.

Dennoch forderten die Bielefelder Ordner Sie auf, Ihre Arbeit einzustellen.

So ist es. Nach wenigen Momenten machte mich ein Ordner im gelben Leibchen - und somit von Arminia Bielefeld -, dessen Leibchen die Bezeichnung »Bereichsleiter« aufwies, von unten lautstark aufmerksam und forderte mich auf, das Fotografieren zu unterlassen. »Keine Bilder von Verletzten. Das wollen wir nicht, dass will der Verein nicht.« Als ich ihm entgegenbrachte, dass ich als Fotograf und somit Bildberichterstatter diesem Spiel beiwohne, und ich ihn an mein damit verbundenes Recht der Pressefreiheit erinnerte und weitere Bilder machen wollte - keine Nahaufnahmen des Verletzten, sondern von dem Geschehnis allgemein - platzte dem Ordner der Kragen.

Wie können wir uns das vorstellen?

Er kam zu mir und forderte mich im Namen von Arminia Bielefeld auf, mich hinzusetzen und keine weiteren Aufnahmen mehr zu machen. Ich suchte das Gespräch mit ihm und fragte ihn zunächst nach seinem Namen, welchen er mir nicht nennen wollte. »Ich bin nicht dazu verpflichtet, hier meinen Namen zu nennen. Noch ein Foto, und wir machen vom Hausrecht Gebrauch, und Sie fliegen hier ruckzuck raus.« Ich versuchte ihm in einem stets höflichen Ton deutlich zu machen, dass auch diese traurigen Szenen zum Spiel und der damit verbundenen Berichterstattung gehörten und ich daher weiter fotografieren würde. Und versicherte ihm, keine Gesichtsbilder zu machen, weil ich ja kein Sensationsjournalist bin.

Das half nicht. Im Gegenteil: Man forderte Sie auf, Ihre Aufnahmen zu löschen.

Unmittelbar danach kam ein weiterer Ordner hinzu, mit Kopfhörer im Ohr, und sagte: »Wir haben die Anweisung von Arminia Bielefeld, dass Sie alle Bilder des Verletzten zu löschen haben. Wir wollen nicht, dass solche Bilder veröffentlicht werden und nach außen kommen. Sollten diese Bilder irgendwo auftauchen, hat das ernsthafte Folgen und rechtliche Konsequenzen. Ham wir uns da verstanden?« Ich bat ihn darum, mir seinen Namen zu nennen und mir den angeblichen Vertreter von Arminia Bielefeld zu nennen. Auch er nannte seinen Namen nicht. Stattdessen drohte er mir mit der Polizei und einer Anzeige, wenn ich nicht das tue, was er sage. »Gern«, sagte ich. »Ziehen wir die Polizei hinzu, diese wird Ihnen mit Sicherheit bestätigen, dass wir in einem Rechtstaat leben!«

Wie verhielt sich die Polizei?

Der Polizeibeamte war in Zivil und sagte zu mir: »Den Anweisungen ist Folge zu leisten« - sonst mache er vom Hausrecht Gebrauch, und ich würde wegen Hausfriedensbruch angezeigt. Auch er nannte mir seinen Namen nicht.

Wie ging das Löschen der Aufnahmen vonstatten?


Ich wurde gebeten, mich zu setzen. Einer der Bereichsleiter schaute sich mit mir die Bilder an und nötigte mich, über ein Dutzend Bilder zu löschen. Nochmals verwies ich darauf, die Gesichtsbilder nicht zu veröffentlichen, und ich es nicht einsehe, dass mir die Ordner und Polizisten Befehle geben und mit ernsthaften Konsequenzen drohen. Zudem ist mir nicht die Möglichkeit gegeben worden mit anderen Fotografen Rücksprache zu halten, da diese fast allesamt auf der anderen Seite fotografierten.

Schließlich kam die Polizei noch einmal auf Sie zurück.

Ja. Kurz vor Spielende kam der genannte Zivilpolizist auf mich zu, der mir zuvor seinen Namen verweigert hatte, und wollte nun meine Personalien aufnehmen, da ich ggf. als Zeuge hinzugezogen würde. Ein Zeuge, der zuvor Bilder des Ereignisses löschen musste.




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Kommentare

  • User
  • 06.05.2008 15:00:56 spreekicker

    naja lieber dirk, mit a bissl zeitabstand wirst auch du das vorgehen der polizei als den besten weg betrachten. tut mir aber leid um dein dutzend bilder, welches du eh nicht veröfentlicht hättest.

  • User
  • 06.05.2008 16:22:23 damoose

    Was ist denn das für eine Aussage? Hier verhalten sich Ordner/ Polizisten als Zensoren und das ist ok?

    Sie weigern sich sogar ihren Namen/ Dienstnummer zu nennen?

    Dafür habe ich kein Verständniss.

  • User
  • 06.05.2008 16:24:26 Stinkbaer

    Aber für Menschen, die blutende andere Menschen auf Tragen für Privatzwecke fotografieren schon, oder?

  • User
  • 06.05.2008 16:36:40 damoose

    Ich zitiere aus dem Text: "Beim Einlaufen der Mannschaften stand ich, als offiziell akkreditierter Fotograf und damit Bildberichterstatter, in unmittelbarer Nähe des Gästeblockes..."

    Fotografieren für Privatzwecke? Als akkreditierter Fotograf?

  • User
  • 06.05.2008 16:37:45 Stinkbaer

    Irgendwie schon, wenn er die Fotos doch nie zu veröffentlichen gedachte, oder?

  • User
  • 06.05.2008 16:38:43 damoose

    Muss noch was ergänzen, weil mich solche Aussagen wirklich ärgern: Ist es Ok das Reporter aus Tibet ausgewiesen wurden? Die sind doch alle nur sensationsgeil!

    Aber das ist ja wahrscheinlich was komplett anderes....

  • User
  • 06.05.2008 16:42:58 Stinkbaer

    "Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, diese Bilder zu veröffentlichen." Das ist jetzt auch aus dem Text zitiert.
    Der letzte Satz ist auch klasse: "Ein Zeuge, der zuvor Bilder des Ereignisses löschen musste." Bilder von einem Blutenden Menschen Menschen auf der Trage. Da war das "Ereignis" doch eher schon vorbei, oder?
    Ein ziemlich blödes Interview, wie ich meine.

  • User
  • 06.05.2008 16:44:44 annasonne

    stinki, ich bin voll deiner meinung. das interview ist schmierig.

  • User
  • 06.05.2008 16:54:21 Haensgen vom Deich

    Naja, irgendwie muss man es doch schaffen Polizei und Ordner einmal mehr als Schuldige hinzustellen.

  • User
  • 06.05.2008 18:01:51 gygax

    Bleibt aber festzuhalten, dass das mit dem Namen und Dienstnummer zumindest vom Zivilpolizisten nicht korrekt war oder irre ich?

  • User
  • 06.05.2008 18:42:55 Stinkbaer

    Dann soll er doch gegen den eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen, der Herr Unschuldslamm. Der wird bestimmt zu ermitteln sein, der Polizist. Und fotografiert wird er den sicher auch haben. Schließlich haben sie ihm ja nicht die Kamera abgenommen. So wie das Interview aber da geschrieben steht, hege ich ein paar kleinere Zweifel, ob das mit dem Namen wirklich so war. Irgendwie hat das alles ein Gschmäckle. Es wirkt alles sehr bemüht, den Herrn Fotografen in blütenweißer Weste darzustellen und da werde ich misstrauisch.

  • User
  • 06.05.2008 23:38:44 EJF

    wie kann man das denn als besten weg bezeichnen? wenn die polizei die bilder für die beweisaufnahme gesichert hätte und anschliessend wegen einer möglichen veröffentlichung gelöscht hätte, würde ich das verhalten evtl. noch verstehen. - ich denke hier wird am falschen ende kritisiert.

  • User
  • 07.05.2008 07:45:32 Stinkbaer

    Als Beweis für was denn? Für die Verletzungen, die dann im Krankenhaus festgestellt wurden? Es wurden ja laut Interview die Bilder gelöscht, in denen das Gesicht des Verletzten zu sehen war. 12 seiner unendlich vielen Serienaufnahmen. Und wer solche von der Kamera gelöschten Bilder nicht selbst wieder herstellen kann, dem ist sowieso nicht zu helfen. 2 Minuten Internetrecherche und ein kleines Programm reichen um das zu bewerkstelligen...

  • User
  • 07.05.2008 07:56:52 gelsenkirchen

    als professioneller pressefotograf wird er doch sicherlich über ein gutes recovery-tool verfügen um vermeintlich gelöschte daten wiederherstellen zu können.

  • User
  • 07.05.2008 10:24:36 Haensgen vom Deich

    Gelse, du solltest dir angewöhnen vorherige Beiträge zumindest mal zu überfliegen...

  • User
  • 07.05.2008 16:33:01 die12

    na sorry,
    aber da wunder ich mich doch sehr, über die leute, die dem fotografen hier verschiedenstes unterstellen.
    genausowenig, wie faschos und andere idioten das stadion missbrauchen dürfen, um ihre verachtung menschlicher grundwerte auf kosten anderer auszuleben, kann es akzeptiert werden, dass ordner oder polizisten oder wer auch immer, sich über das gesetz stellt und versucht in feldherrenmanier leute zu disziplinieren.
    und das verweigern von namen, dienstnummern, legitimation steht weissgott in übelster tradition.

  • User
  • 07.05.2008 18:34:29 annasonne

    "verachtung menschlicher grundwerte auf kosten anderer auszuleben"
    du meinst sowas wie blutende ordner weiterfotografieren wollen?

  • User
  • 08.05.2008 12:45:54 Haensgen vom Deich

    Niemand bestreitet doch, dass so wie es beschrieben wurde, sich Ordner und Polizist falsch verhalten haben. Moralisch verwerflicher ist allerdings eine Bilderserie von Schwerverletzten zu machen. Um den Tenor mal zusammenzufassen!

  • User
  • 08.05.2008 16:05:44 El Buitre

    Ich verstehe den Lärm darum nich. So eine Vorgehensweise (also das nicht nennen der Dienstnummer und undiplomatisches Verhalten der grünen Männer) hat man doch selbst schon hundertausendmal erlebt. Das kümmert doch keine Sau mehr.
    Und das er versucht sich als Engel hinzustellen, ist wohl mehr als auffälig.
    Ein Ordner erleidet einen Schädelbruch und die Leute regen sich über den ruppigen Umgang mit nem sensationsgeilen Pressefuzzi auf, verstichnich..

  • User
  • 08.05.2008 18:42:14 gelsenkirchen

    es gibt bundesländer wo die polizisten das gar nicht müssen, wederdienstnummer noch namen. ob nrw dazugehört weiss ich nicht, mir entgegnete mal ein polizist auf die frage nach dienstnumer und name "1-2-3-4 weihnachtsmann".

  • User
  • 08.05.2008 19:19:50 gygax

    gilt ja wohl aber nicht fuer Zivile, sonst koennte man damit allerhand Unfug anstellen

  • User
  • 08.05.2008 19:22:28 gelsenkirchen

    der hatte aber eine nette "herr wachtmeister"-uniform an.

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