Notengebung im Fußball
Montag ist Zeugnistag
Text: Philipp Köster Bild: Archiv
Beckenbauer stand drüber, Matthäus las sie frühmorgens nach der Disco, Gaudino ärgerte sich über sie: die allwöchentlichen Kopfnoten von »Bild« und »Kicker« sind ein Topthema unter den Spielern. Aber keiner redet darüber.
(4) Als Dieter Schatzschneider 1983 zum Hamburger SV wechselte, kam er mit besten Referenzen. 197 Tore hatte der bullige Mittelstürmer in der 2. Liga für Hannover 96 und Fortuna Köln geschossen und galt als legitimer Nachfolger von Horst Hrubesch. Doch Schatzschneider kam in Hamburg nicht zurecht, spielte mäßig und dann war da auch noch diese Sache mit der Bild-Zeitung und ihrem Reporter Jürgen Schnitgerhans. »Mit der ›Bild‹ hatte ich immer Zoff«, sagt Schatzschneider heute. »Da hat der Schnitgerhans einmal zu mir gesagt: ›Egal, was du machst, Schatzschneider, wenn du aufläufst unter den ersten Elf, hast du automatisch ‘ne 6!‹ Und so war es dann auch. Ich konnte machen, was ich wollte, ich habe immer eine 6 bekommen.« Immer eine 6. Wie Dieter Schatzschneider könnte wohl jeder Profi, ob aktiv oder ehemalig, eine ähnliche kleine Geschichte erzählen. Über eine ungerechte Note im »Kicker«, eine schlechte Beurteilung in der Bild-Zeitung. Aber nur wenige wollen überhaupt über die Noten reden. Wer sich in Spielerkreisen umhört, erlebt stets die gleiche Reaktion. Nicht wichtig seien die Noten, völlig subjektiv und nur eine Spielerei. Oder wie es Thorsten Legat sieht: »Ob das jetzt der ›Kicker‹ ist oder die ›Bild‹ oder ›Reviersport‹ bei uns im Ruhrgebiet – ich weiß nicht, was die Redakteure sich bei diesen Noten denken. Vielleicht würfeln sie ja! Ich habe mich lieber darauf berufen, wie der Trainer mich beurteilt hat.« Die Realität sieht jedoch anders aus: »Die Noten sind absolutes Top-Thema bei den Spielern – auch wenn das kaum jemand zugibt«, sagt Matthias Müller aus der Hamburger Bild-Zentrale. Allenfalls zu erahnen durch Andeutungen, Boykottdrohungen wie der von St. Pauli-Profi Daniel Scheinhardt und gelegentlichen Interviews wie jenem in der »Süddeutschen Zeitung«, in dem Nationalverteidiger Marcell Jansen ein bisschen zu ausführlich sein Leid über die Notengebung klagt: »Spielt der Außenverteidiger normal, kriegt er die Note 3, und wenn er eine einzige Flanke reinhaut und der Stürmer hat zufällig einen guten Tag und trifft, kriegt der Außenverteidiger eine 2. Wenn du aber die gleiche gute Flanke fünfmal schlägst und der Stürmer semmelt den Ball fünfmal drüber, kriegst du wieder eine 3. Weil’s kein Assist war!«
(1) Ganz so einfach entstehen die Noten nicht, glaubt man Bild-Mann Müller. Er schildert im Gegenteil einen durchaus komplexen Schaffensprozess. »In die Note fließt die komplette Leistung ein, also Faktoren wie Tore, Vorlagen, gewonnene und verlorene Zweikämpfe«, sagt Müller, schränkt aber ein: »Spielt ein Profi unterirdisch und verliert 99 Prozent seiner Zweikämpfe, schießt aber zwei Tore, bekommt er eine gute Note. Andersrum: Schießt er zwei Tore, fliegt aber wegen einer miesen Aktion wie Spucken vom Platz, bewegt er sich im Bereich Note 5 oder 6.« Beim »Kicker« wird, zumindest offiziell, ebenfalls sehr komplex addiert und gewichtet. Es gibt eiserne Regeln. So werden Spieler nur bewertet, wenn sie mindestens 30 Minuten auf dem Platz gestanden haben, und ein beschäftigungsloser Keeper erhält notgedrungen die Nichtnote 3. Eines ist allerdings überall gleich, bei »Kicker«, »Bild« und den lokalen Zeitungen, die ebenfalls Noten vergeben. Müller: »Die Noten werden ausschließlich von den jeweiligen Klub-Reportern in den Stadien gemacht. Anders ist eine gerechte Notengebung gar nicht möglich.«
(2) Die Frage der Gerechtigkeit ist so alt wie die Noten selbst. Seit am ersten Spieltag der neu gegründeten Bundesliga das »Sportmagazin« erstmals Kopfnoten an die Spieler verteilte, wurde über die Kriterien und Maßstäbe gestritten. Zunächst aber nur mit gebremstem Schaum, denn in der Zeitschrift, die später mit dem »Kicker» fusionierte, wurden die Fußballer nur auf einer Skala von 1 bis 4 bewertet, zudem wurde äußerst milde benotet. »Selbst wenn die Reporter das Spiel selbst als sehr mäßig beschrieben, mit guten Noten für die Spieler wurde damals nicht gegeizt«, sagt Sporthistoriker Ulrich Merk. Die öffentliche Wahrnehmung der Noten änderte sich erst, als auch die »Bild am Sonntag« am ersten Spieltag der Saison 1968/‘69 die Rubrik »Bundesliga auf einen Blick« einführte, mit Bewertungen für jeden Spieler, damals allerdings noch mit der Höchstnote 6 für eine herausragende Leistung. Die Noten auf dem Boulevard sorgten fortan für Diskussionsstoff, auch weil »Bild« die schlechteste Note bald mit dem erklärenden Zusatz »Hat das Geld nicht verdient« versah. »Unsportlich« fand das manch einer.
(6) Seither und bis heute gilt der erste Blick vieler Spieler am Montag morgen den Noten. Maurizio Gaudino: »Eigentlich hat jeder Spieler für sich alleine die Noten betrachtet, das war kein Mannschaftsevent und gefrotzelt wurde diesbezüglich nur selten. Man konnte aber oft an den Gesichtsausdrücken der Spieler erkennen, welche Note sie für das letzte Spiel bekommen hatten.« Eine Faszination, die sich Rainer Kalb, langjähriger Reporter beim Sportinformationsdienst (sid), mit frühen Traumata erklärt: »Die Sehnsucht nach Noten ist ein Reflex auf Schulnoten-Debatten in der Kindheit. Nun kann man sich erneut über Ungerechtigkeiten aufregen.« Geradezu zwangsläufig also, dass die Bewertungen vor allem auf junge Spieler eine magische Anziehungskraft ausüben. In den Kategorien finden sie Orientierung, die Noten ersetzen gerade nach mäßigen Spielen oftmals das Gespräch mit dem Trainer. Lothar Matthäus etwa fuhr in seinen Mönchengladbacher Jahren jeden Samstag abend direkt von der Disco zum Bahnhof, weil dort die »Bild am Sonntag« früher als anderswo verkauft wurde: »Schließlich musste ich vorm Einschlafen wissen, welche Note ich bekommen hatte. Die Noten in der ›BamS‹ waren für mich am Anfang meiner Karrie-re das Maß aller Dinge.« Maurizio Gaudino erinnert sich: »Gerade in meiner Anfangszeit in Stuttgart habe ich sehr auf die Noten geachtet und mich auch oft geärgert.« Nur wenige sind so abgeklärt wie einst Franz Beckenbauer. »Der hat sich auch über schlechte Noten nicht aufgeregt«, erinnert sich Wolfgang Rothenburger, der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des »Kicker«. »Der Franz stand schon damals über den Dingen.«
(5) Beliebt sind in Kickerkreisen gewagte Theorien zur Entstehung der Noten. Befeuert von allzu freimütigen Geständnissen etwa des früheren Bild-Reporters Wolfgang Ruiner, der ausplauderte, mit seinem damaligen Spezi Lothar Matthäus schon mal die Noten der Bayern-Spieler festgelegt zu haben, gilt heute als ausgemacht, dass nur bienenfleißige Informanten für ihr Wohlverhalten dauerhaft gut benotet werden. Schatzschneider: »Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn du Interna aus der Mannschaft erzählst, bekommst du auch eine gute Note dafür, obwohl du sie gar nicht verdient hast.« Die Konsequenz: »Ein Spieler wie Lothar Matthäus war natürlich immer Weltklasse – auch wenn er gar nicht gespielt hat!« Gaudino sagt: »Irgendwann habe ich kapiert, wie die Noten zustande kommen. Bei den Abendspielen, zum Beispiel, müssen sie weit vor Abpfiff abgegeben werden oder es wird schlicht nach der Sympathie des Redakteurs bewertet. Das bekommt man mit der Zeit als Profi mit, im Kreise der Nationalmannschaft oder durch Journalisten, zu denen man ein gutes Verhältnis hat.« Die Noten als Instrument, um Spieler gefügig zu machen? Rainer Klusmeyer von der Bielefelder »Neuen Westfälischen«, die seit sieben Jahren Noten für die Arminia vergibt, hält das für wenig wahrscheinlich. »Natürlich gibt es in jeder Mannschaft ein paar Sensibelchen. Ansonsten werden wir nur selten auf Noten angesprochen.« Reporter Kalb vom sid glaubt zumindest nicht an umfassende Objektivität: »Am schlimmsten waren die Kollegen, die Fans waren. Die fühlten sich manchmal persönlich beleidigt und hauten mit einem ›Ungenügend‹ um sich, wo es ein ›Mangelhaft‹ auch getan hätte«. Es sei, findet Kalb, deshalb eine weise Entscheidung des sid, lediglich die besten Spieler herauszuheben: »Das lässt sich noch bewerkstelligen und ist ein fairer Kompromiss.«
Aus Heft #77 04 / 2008






