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Dr. Theo Zwanziger im Interview

»Als wäre Fußball ein Musical...«

Interview: Tim Jürgens und Philipp Köster  Bild: Imago

Der Verbandschef zieht Bilanz: Dr. Theo Zwanziger spricht sich für den Fortbestand der »Sportschau« aus und gegen die Premier League als Vorbild für die Bundesliga. Und der DFB ist für ihn alles andere als eine Insel der Seligen.

Dr. Theo Zwanziger im Interview - »Als wäre Fußball ein Musical...«


Dr. Theo Zwanziger, Sie sind seit 2004 Präsident des weltgrößten Sportverbandes. Ein schwieriger Job?

Jedenfalls nicht immer ganz einfach. In dieser Intensität bin ich vorher im öffentlichen Leben nicht in Erscheinung getreten. Ich habe seither einiges dazugelernt.

Zum Beispiel?


Dass man diesem Amt einen gewissen Bekanntheitsgrad benötigt, um zu repräsentieren. Dabei hat mir der Wett- und Manipulations-Skandal um Robert Hoyzer sehr geholfen, im Zuge dieser bedauerlichen Affäre war ich ständig in den Medien präsent.

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Die Medien sind bisweilen aber auch gnadenlos.

Ich habe als Mensch, der stets sehr offen und ehrlich seine Ansichten vertritt, die unschöne Erfahrung gemacht, dass Aussagen bisweilen durch Verkürzungen in ein falsches Licht gestellt wurden. Das ist manchmal arg enttäuschend.

Fällt Ihnen hier auch ein Beispiel ein?


Kurz vor Ende der vergangenen Saison war ich zu Gast bei der Eröffnung eines Leistungszentrums in Gelsenkirchen. Alle Vorredner, unter ihnen der Oberbürgermeister, betonten ausdrücklich, wie ungerecht es wäre, würde der FC Schalke 04 wieder nicht Meister. Ich sagte dann schlicht: »Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diejenigen, die hier sind, in ihrer Liebe zu den »Königsblauen« meinen, es sei ungerecht, wenn Schalke nicht Meister wird. Nur, was der liebe Gott dazu sagt, wissen wir noch lange nicht.« Ein anwesender Journalist fasste das zusammen: »Zwanziger hält es für ungerecht, wenn Schalke nicht Meister wird.« Und damit nicht genug. Bei einer Pressekonferenz wurde wenig später der Stuttgarter Trainer Armin Veh mit dieser Aussage konfrontiert, der darauf entsprechend verärgert reagierte. Wir haben das aber hinterher am Telefon sehr schnell aufgeklärt und aus der Welt geschafft.

Vom DFB-Präsidenten wird Fachkenntnis erwartet. Trauen Sie sich zu, mit großen Spielern und Trainern über Fußball zu diskutieren?

Mit meiner Stammtischqualifikation kann ich und will ich sicher nicht mit einem großen Fußballlehrer konkurrieren. Aber wie bei allen Fußballinteressierten, die den Sport selbst ausgeübt haben, gilt auch für mich: Der Stammtisch ist in seiner Meinung manchmal klüger als die großen Fachleute.

Dann erklären Sie uns doch mal einen taktischen Fehler in der Struktur der Nationalmannschaft.

Erlauben Sie mir, dass ich ein Beispiel aus meiner aktive Zeit nenne: Ich war immer ein Gegner der Variante, dass Netzer und Overath zusammenspielen. Beide waren in ihrer Glanzrolle als Regisseure eine Klasse für sich. In Verbindung mit einem zweiten Spielmacher kamen aber die Stärken des Einzelnen nicht zum Tragen: Overath brauchte seinen Simmet, Netzer seinen Wimmer. So habe ich aus meiner Stammtischqualität den Fußball beobachtet – und lag mit meiner Meinung nicht immer schlecht.

Den Bundestrainer nerven Sie aber nicht mit allzu häufigen sportlichen Ratschlägen?


Ein Präsident ist nicht der sportliche Übervater, sondern hat eine ausgleichende Funktion. Ich halte Distanz, weil die meisten Fans eben doch eher auf die hören, die Fußball mal auf der großen Bühne gespielt haben. Wenn beispielsweise Matthias Sammer das Gleiche wie ich sagt, kann es trotzdem eine andere Bedeutung haben.

Begeben wir uns an den Stammtisch. Was muss sich im Nationalteam bis zur EM noch ändern?

Der Bundestrainer und ich sind uns einig, dass die Mannschaft über individuelle Qualität verfügt. Die müssen die Spieler allerdings auch abrufen. Mir ist klar, dass sich in den wenigen Tagen der Vorbereitung auf ein großes Turnier die individuelle Stärke einer Mannschaft aufbauen lässt – wenn die Leitfiguren fit sind und konsequent gearbeitet wird.

Die letzten Spiele ließen diese Stärke allenfalls erahnen.

Das traumwandlerische Spiel, das wir bei der WM und in den ersten Spielen danach gezeigt haben, ist eine Frage der Übung. Wir werden das also erst im EM-Trainingslager üben und hoffentlich auch schnell wieder umsetzen können. Denn bis dahin kommen die Spieler nur noch dreimal in der Nationalmannschaft zusammen, fast alle spielen in ihren Teams eine andere Rolle. Was dort richtig ist, kann im System der Nationalmannschaft falsch sein. Wir stellen uns auf den 8. Juni ein – und nicht auf irgendwelche Vorbereitungsspiele.

Wer ist für das Team unverzichtbar?

Jeder hat seine Rolle.

Natürlich, aber wer gefällt Ihnen besonders?

Bastian Schweinsteiger imponiert mir besonders, weil er unbekümmert spielen kann und oft versucht, im Eins-zu-Eins-Spiel Räume für die anderen zu schaffen.

Was ist mit Michael Ballack?


Natürlich ist er für diese Mannschaft unersetzlich. Überhaupt ist das Mittelfeld, das wir bei der WM auf dem Platz hatten, ein Garant des Erfolgs: Wenn Schneider, Ballack, Frings und Schweinsteiger in guter individueller Verfassung sind und Zeit haben, sich wieder an das schnelle Passspiel zu gewöhnen, haben wir eine gute Chance, bei der EM sehr weit zu kommen.

Im deutschen Mittelfeld entscheidet sich also, ob das Team Europameister wird.


Es wird entscheidend sein, ob der Bundestrainer dort Veränderungen vornehmen muss. Bei den Stürmern mache ich mir wenig Sorgen: Miro Klose ist immer ein Weltklassemann. Wenn er mit Vorlagen gefüttert wird, wird er seine Tore machen. Mit Kuranyi, Podolski und Gomez haben wir zudem gute Nebenleute für ihn.

Und die Abwehr?

Da sind wir mit Lahm, Jansen, Friedrich, Fritz und anderen Kandidaten auf den Außenpositionen gut besetzt und können variabel spielen. Das einzige und große Fragezeichen steht hinter Christoph Metzelder – bei ihm muss man abwarten, ob er noch rechtzeitig fit wird.



Aus Heft #77 04 / 2008


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Kommentare

  • User
  • 15.04.2008 11:05:42 franzferdl

    2 punkte halte ich in diesem interview für sehr interessant, weil sie zeigen, dass 20er zwischen differenzierten meinungen und klischees oszilliert:
    1. 20ers ausgewogenes urteil zu den sog. ultras. insbesondere sein hinweis auf das tatsächliche gewaltproblem des deutschen fussballs: die kriminelle okkupierung insbesondere ostdeutscher clubs durch nazis. gleichwohl muss man konzedieren, dass gerade in kleinbürgerlichen kreisen, woraus sich insbesondere die mitglieder vieler amateurclubs rekrutieren, faschistoide und chauvinistische ideologien verbreitet sind und sozusagen das fundament bilden für die empfänglichkeit von nazi-parolen.
    2. sein platte, aber in den gegenwärtigen dramatisierungsdiskurs passende aussage, gewalt würde gesamtgesellschaftlich ansteigen. das ist schlichtweg falsch & zeigt nur das klischierte spiel mit der angst an. das gegenteil ist sogar richtig, obwohl gerade aktuell immer mehr scheinbar alltägliche handlungsweisen als gewaltdelikte eingeordnet werden. wir leben in deutschland, zusammenfassend, sogar in so friedlichen zeiten wie niemals zuvor, allerdings mit einem konstanten gewaltniveau, das v.a. von rechtsaussen ausgeht.

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