Nach dem Platzverweis von Frankfurt
Schützt niemanden!
Text: Andreas Bock Bild: Imago

Die Rote Karte gegen Diego macht nachdenklich. Nicht weil, wie Kollege Bastian Henrichs schreibt, darüber nachgedacht werden sollte, wie mit einer solchen Aktion umzugehen ist. Sie macht nachdenklich, weil sie wieder eine Diskussion entstehen lässt, die immer nur dann vom Zaun gebrochen wird, wenn ein Spieler, der außerhalb des Platzes als smart und auf jenem als technisch versiert gilt, mit Sanktionen zu rechnen hat.
Einem solchen Spieler möchte der gemeine TV-Fan nur allzu gerne verzeihen und tut es in der Regel auch noch im Moment, in dem die Zeitlupe über den Bildschirm flimmert. Regelrecht in Rage gerät dieser Zuschauer, wenn dann der Trainer mit zerfurchtem Gesicht, die Arme wie Messer wetzend, an der Seitenlinie gezeigt wird und in schnellen Zusammenschnitten die wiederkehrenden Fouls an dem ach so malträtierten kleinen Wirbler noch einmal in sein Bewusstsein gepresst werden. In Windeseile werden die stereotypisierten Schubladen geöffnet. In einer – sie ist überfüllt mit vermeintlichen Rumpelfußballern und solchen, die es werden wollen – befinden sich Spieler wie Andreas Wolf, Maik Franz oder Sotirios Kyrgiakos.
Der Grieche hat schon aufgrund seines Äußeren verloren: Wer will schon einem dreitagebärtigen und langhaarigen 1,93-Meter-Hünen dabei zusehen, wie er das elegante Spiel von possierlichen Ballliebhabern zerstört?
Diese Ballliebhaber, die in einer anderen Schublade Schutz genießen wie sonst nur das großväterliche Briefmarkenalbum, haben Raritätenstatus. Und die Angst der TV-Fans ist groß, dass diese Virtuosen, deren gewiefte Tricks ihnen noch Wochen später ein entzücktes Lächeln in die Mundwinkel zaubern, bald, wenn Kolosse wie Kyrgiakos weiter wüten, die Lust am Fußball verlieren.
In dieser exquisiten Schublade finden eigentlich nur zwei Bundesliga-Spieler Platz: Franck Ribéry und Diego. Der HSV-Spieler Rafael van der Vaart könnte mit seiner Raffinesse, die ihre Gemüter ebenso in Wallung bringt, auch zu dieser exklusiven Riege gehören, doch er versperrt sich durch seine eigene Unbeherrschtheit selbst den Weg. Zudem gilt er – im Gegensatz zu Diego – als alles andere als integer. Einer wie Diego würde sich niemals mit einem Trikot von Juventus Turin ablichten lassen. So lautet zumindest der Tenor in der Bremer Ostkurve.
Doch nun über eine Amnestie von Diego nachzudenken, weil dieser sich doch stets gentlemanlike gibt, ist absolut hanebüchen. Wieso sollte Diego ein anderes Urteil ereilen als all die anderen Spieler, bei denen in der Vergangenheit die Sicherungen durchbrannten: Weil er bisher immer seine Contenance bewahrt hat? Weil er sich abseits des Platzes immer charmant gibt? Weil er eigentlich kein Hitzkopf ist?
Das sind an den Haaren herbeigezogene Kausalitäten. Niemand kann bemessen, wie viele und welche Art von Beleidigungen Diego von Spieltag zu Spieltag über sich ergehen lassen muss, und – hier ist die Crux – niemand kann diese in Relation dazu setzen, wie viel andere Spieler ertragen müssen. Genauso ist es obsolet, darüber nachzudenken, ob der 88 Kilogramm schwere Kyrgiakos durch Diegos Stoß wie ein nasser Sack hätte zu Boden fallen müssen. Zumal Diegos Attacke weit mehr als ein leichter Rempler war, wie vielerorts zu lesen ist.
Wenn man diese Rote Karte nun in Frage stellt, kommt man in Zukunft nicht mehr umhin, psychologische Persönlichkeitsprofile von Spielern zu entwerfen und en detail die Motivation hinter Fouls und Verbalentgleisungen zu analysieren. Dass das in einem Fußballstadion, in der vielleicht letzten Bastion, wo wirklich alle – Fans, Friedhelm Funkel, Sotirios Kyrgiakos und auch Diego – ihre guten Manieren zu Hause lassen, unmöglich ist, dürfte auf der Hand liegen. Beleidigungen hat es immer gegeben und wird es in Zukunft geben.
Ganz platt: So ist Fußball. Leider und auch.
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