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Die Legende vom FC St. Pauli

Die Kinder der Revolution

Text: Tim Jürgens und Jens Kirschneck  Bild: Imago

Die Kinder der Revolution

Und es war Sommer ... Über den Dächern der Hafenstraße flatterte die
Totenkopffahne im Nordseewind, der die Elbe hinunter blies. Die Auseinandersetzungen zwischen Ordnungskräften und Hausbesetzern erreichten ihren Höhepunkt. Der junge Torwart Volker Ippig solidarisierte sich mit den Hafenstraßenbewohnern, zog aus der Blankeneser Villa des Vereinspräsidenten Otto Paulick aus und verbrachte die sonnigen Monate an der umkämpften Bernhard Nocht-Straße. Und seine Mannschaft, der FC St. Pauli, stieg unter ihrem juvenilen Trainer Michael Lorkowski zum zweiten Mal in die 2. Liga auf. Es war der Sommer 1986, als die Geschichte begann.

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Der Stadtteil hatte in den Jahren zuvor abgewirtschaftet. Dem Arbeiterbezirk war der Glamour abhanden gekommen. Große Unternehmen hatten St. Pauli verlassen, viele Rotlichtbars mussten schließen, die Angst vor Aids killte das Geschäft mit der Erotik, der Hafen hatte seine Bedeutung für das Viertel verloren. Zitat des früheren Innensenators der Hansestadt, Helmut Schmidt, von 1986: »Hamburger gehen kaum auf die Reeperbahn. St. Pauli gehört nicht zu den Attraktionen der Stadt.«

Folglich war Wohnraum günstig, und in der zweiten Hälfte der 80er Jahre begannen sich verstärkt Studenten und junge Künstler anzusiedeln. In diesem kulturellen Milieu regte sich ganz allmählich auch eine neue Zuneigung zu dem Fußballklub des Stadtteils. Zumal es der Hamburger SV seinen Anhängern immer schwerer machte, guten Gewissens die Spiele draußen in Stellingen zu besuchen. Die gewaltbereiten Hooligans aus dem berüchtigten Block E des Volksparkstadions hatten mit ihren rechtsradikalen, rassistischen Parolen viele Zuschauer vom HSV entfremdet.

Der FC St. Pauli war nach dem Krieg, abgesehen von einer kurzen Erfolgsphas zwischen 1948 und ’51, als der Klub jedes Jahr um die Deutsche Meisterschaft mitspielte, sportlich nie großartig in Erscheinung getreten. In den 60er und 70er Jahren scheiterte das Team, dessen Fans weitgehend aus dem bürgerlichen Spektrum stammten, sechsmal in der Bundesliga- Aufstiegsrunde. 1977 gelang für ein Jahr der Aufstieg ins Oberhaus, doch der gewonnene Kredit bei den Anhängern wurde durch die unvergleichliche Chancenlosigkeit in der Eliteliga verspielt. Auch dass der FC St. Pauli in diesem Jahr nur fünf Spiele am Millerntor bestritt und aus finanziellen Erwägungen die restliche Zeit ins Volksparkstadion umzog, nahmen die Fans dem Klub übel. Die Bundesliga geriet nicht nur sportlich, sondern auch finanziell zum Fiasko. Der Zuschauerschnitt in den 70er Jahren lag selten über 3500 Zahlenden. Genaue Zahlen sind rückblickend nur schwer zu ermitteln. Der ehemalige Verteidigungsminister Hans Apel, Mitglied des FC St. Pauli seit 1947 und langjähriges Vorstandsmitglied, berichtet: »Viele Präsidenten waren Schlitzohren. In den 60ern wurden vor Kassenschluss oft die Eintrittsgelder eingesammelt, so dass die Buchhaltung kaum Umsätze vermerken konnte.«

Draußen der »Hamburger Kessel«, drinnen steigt St. Pauli auf.

Diese Mentalität führte den Klub aus dem Rotlichtbezirk 1979 an den Rande des Ruins: Präsident Ernst Schacht und sein Getreuer Max Uhlig hatten einen Schuldenberg von 2,7 Millionen Mark angehäuft. Der DFB entzog St. Pauli die Lizenz, Gerüchte von Insolvenzverschleppung machten die Runde.

So wie sich der Stadtteil Anfang der 80er zu verjüngen und modernisieren begann, tat es auch der Verein. In der Finanznot blieb ihm nichts anderes übrig. Die Attraktion des Pleite-Klubs war die A Jugend, die im April 1981 vor 25 000 Zuschauern am Millerntor gegen Jupp Derwalls Nationalmannschaft spielte. Die neue sportliche Leitung rekrutierte Spieler aus der eigenen Jugend und aus dem Umland der Hansestadt. Jürgen Gronau, Stefan Studer und André Golke wurden nach 1982 zu den jungen Wilden, den Erfolgsgaranten und Identifikationsfiguren der nun folgenden Ära.



Aus Heft #74 01 / 2008


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