Die Geschichte des Fangesangs
Schalalalalalalala!
Text: Jens Kirschneck und Matthias Paskowsky Bild: Imago
Wer behauptet, das Singen im Stadion sei so alt wie der Fußball, der irrt. Im Grunde begann alles erst 1963 in Liverpool. Heute ist der Fangesang der vielleicht letzte authentische Rülpser in einer immer sterileren Fußballwelt.
Novemberfußball in Deutschland, das ist Flutlicht, klamme Kälte und manchmal auch Nebel, der langsam über die Tribünen hinweg in die Stadionschüssel wabert. Auch in die Alte Försterei zu Berlin zogen an einem Abend Ende 2002 dicke herbstliche Dunstwolken, so dass das Zweitligaspiel zwischen Union und Eintracht Frankfurt zur Farce geriet. Auf den Rängen rumorte es. Kein Gesang, kein Klatschen oder Pfeifen war zu hören. Überall diskutierte man die Frage, ob und wann der Schiedsrichter dem undurchsichtigen Treiben ein Ende setzen würde. Dann passierte es, in die fast unheimliche Stille des Blocks H hinein begann eine kehlige Stimme zu fordern: »Wir woll’n die Mannschaft seh’n, wir woll’n die Mannschaft seh’n, wir woll’n, wir woll’n die Mannschaft seh’n!«
Der Rufer hatte die Lacher auf seiner Seite und blieb nicht lange allein. Allein und verloren ist nur der, der sich auf das Thema Fangesänge einlässt. Kaum ein Genre bietet mehr Facetten, Betrachtungswinkel, Fallstricke und Potenzial. Schnell umschlingt den Wissensdurstigen eine Hydra. Aber gibt es eine Essenz, auf die all die Kalauer, Klassiker und Sottisen am Ende zurückgeführt werden können? Kurz gesagt: Warum singst du, wenn du im Stadion bist? Zunächst stochert der Suchende in einem Nebel, der noch dichter ist als in der Alten Försterei, und wohl auch dichter als der im Stadion an der Anfield Road in Liverpool an jenem Samstag vor 40 Jahren. Doch weil der Schiedsrichter meinte, vom Anstoßpunkt aus beide Tore erkennen zu können, wurde auch dieses Spiel nicht abgepfiffen. Niemand im Stadion hatte wirklich einen Überblick, bis sich nach einem Angriff der Heimmannschaft langsam ein Raunen durch die Reihen fortpflanzte. Der Kop, die berühmte Hintertortribüne der Liverpooler, jubelte jedoch erst aus voller Kehle, als die eigene Mannschaft zurückgelaufen kam und der gegnerische Stürmer den Ball in den Mittelkreis trug. Der harte Kern der Liverpool-Fans wollte sich freilich nicht mit der bloßen Führung zufrieden geben und begann aus mehreren zehntausend Kehlen in den Nebel hinein zu skandieren: »Who scored the goal, who scored the goal?« Kurz darauf entfaltete sich vor den Zuschauern ein kleines Stück Magie, als es durch die weiße Wand dumpf zurückschallte: »Hateley scored the goal, Hateley scored the goal.«
Die Popkultur begann den Fußball zu unterwandern
»Aber auch damit waren wir nicht zufrieden«, erinnert sich Rogan Taylor an diesen Spieltag der Saison 1967/68. »Natürlich wollten wir auch wissen, ob Tony Hateley mit dem Fuß oder dem Kopf getroffen hatte. Und wir erfuhren es auf die gleiche Weise.« Rogan Taylor ist eine Institution im englischen Fußball. Gemeinsam mit ein paar Mitstreitern hat er nach dem Feuer von Bradford und der Heysel-Katastrophe im Jahr 1985 die unabhängige Football Supporters Association (FSA) gegründet, um den Fans eine Stimme zu geben. Seine Doktorarbeit hat er irgendwann einmal über primitive Religionen und Schamanismus geschrieben. Seit 46 Jahren geht er zum FC Liverpool.
Taylor hat die Evolution der Fangesänge aus der ersten Reihe erlebt: »Natürlich ist die Stimmung heute nicht so wie in den 60ern. Wie soll das auch gehen in den Sitzplatzstadien, in denen Leute nebeneinander hocken, die oft nicht zusammen passen und sich vielleicht noch nicht einmal besonders gut leiden können?« Wenn früher der Anwalt seine Tochter von der Privatschule abholte und dann auf einmal neben dem fluchenden Dockarbeiter mit dem Tourette-Syndrom und den drei Bäuchen stand, dann ging er einfach ein paar Meter weiter. Heute wird das Unterhaltungsprogramm von den Gralshütern des Lord Taylor Reports und den Marketingchefs der Klubs bestimmt. Jedermann hat zu sitzen, allein schon das ist nicht gut für den Sangesfreund. »Selbst in der Kirche steht man zum Singen auf, hebt den Kopf und weitet die Lungen«, befindet Taylor, dessen Namensgleichheit mit dem Verfasser des für die reinen englischen Sitzplatzstadien verantwortlichen Reports rein zufällig ist.
Gern denkt er an die chaotische Energie der frühen 60er Jahre zurück. Damals trat die Liverpooler Popgruppe The Beatles ihren Siegeszug um die Welt an und Bill Shanklys Arbeit begann an der Anfield Road Früchte zu tragen. Erstmals wurde eine WM im Fernsehen übertragen, und aus Chile wurden die rhythmischen »Bra-sil«-Rufe in die englischen Wohnstuben gefunkt. Das zeigte Wirkung. In den Stadien der Insel waren bis dahin alle Gesänge mit dem Anpfiff schlagartig abgeebbt und hatten ein akustisches Vakuum hinterlassen, das Pfiffe, Flüche und Applaus nicht wirklich ausfüllen konnten. Doch die Animation aus Südamerika und parallel der internationale Erfolg der Beatles wehte einen frischen Wind über den Mersey, die Popkultur begann den Fußball zu unterwandern. »Love me do« und »She loves you« schallte es aus dem Kop. Schließlich nahmen die Liverpudlians 1963 »You’ll never walk alone« für sich in Beschlag und machten die Musicalschnulze, die bis in die frühen 60er Jahre hinein bestenfalls auf Beerdigungen gespielt worden war, zur Fußballhymne schlechthin.
Aus Heft #71 10 / 2007







