Haifischbecken Bundesliga
Wer hat die Macht?
Text: Tim Jürgens Bild: Imago

Fußball ist immer Hypothese. Es ist einfach zu behaupten, wenn der ginge und jener käme, liefe es besser. »Beweisen lässt sich das nie« schlussfolgerte schon Gerhard Mayer-Vorfelder. Wer also der Frage auf den Grund gehen will, wer in der Bundesliga die Strippen zieht und wahre Macht ausübt, übernimmt eine Sisyphos-Arbeit. Denn eine umfassend richtige Antwort auf diese Frage kann es nicht geben. Zu vielfältig sind die
Möglichkeiten, im Zirkus des Profifußballs Einfluss zu nehmen, zu verzweigt die Pfade derer, die an der Bundesliga, in welcher Form auch immer, partizipieren. Kein Wunder also, dass Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt und bis 2003 Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), auf die Fragestellung dieser Reportage fast mitleidig ulkte: »Sowas können sich auch nur Journalisten ausdenken.«

Die »Bild« hat es da leichter. Das Blatt lebt – laut Sportchef Matthias Brügelmann – wie alle Boulevardzeitungen »von Übertreibung und Zuspitzung«. Für ihn und seine Kollegen gibt es deshalb auch keinen Zweifel, wer im Ranking der 50 Wichtigsten im deutschen Fußball nach wie vor die Spitzenposition innehat: Franz Beckenbauer.
Auch wenn sich der leutselige Fußball-Kaiser längst ebenso wenig ernst nimmt, wie die geistige Elite dies tut. Die »Bild«-Kolumne des Münchner Selfmademans geht wöchentlich als Agenturmeldung über die Ticker, und so besitzt auch ein achtlos dahin geworfener Halbsatz des Bayern-Präsidenten – der anschließend von »Bild«-Redakteuren kunstvoll polemisiert und korrigiert wird – mitunter mehr öffentliche Tragweite als manch investigative Hintergrundreportage. Beckenbauer ist der beliebteste Deutsche der Welt – und der erfolgreichste. Im Gegensatz zum Mann auf der Straße lupft er nicht nur Bälle vom Weißbierglas durch die Torwand, sondern holt auch mit bajuwarischer Lässigkeit Weltmeisterschaften ins Land. Die Fußballbranche lebt von den Zitaten des Kaisers, auch wenn selbst das Fußvolk unter den Funktionären längst nur noch nachsichtig schmunzelt, wenn er wieder einen raus haut. »Bild« ernennt den Kaiser natürlich auch deshalb zum Regenten über den deutschen Fußball, weil er seine Deklarationen allwöchentlich in Springers Massenblatt druckt und nicht irgendwo anders. Die Medien brauchen Beckenbauer, aber er braucht sie auch. Ohne die Öffentlichkeit wäre es ihm wohl nie gelungen, inzwischen für den vierten Telekommunikationskonzern und den zweiten Stromlieferanten als Werbetestimonial zu dienen. Beckenbauer ist der Inbegriff des Siegertypen. International kann er als Repräsentant des deutschen Fußballs seinen Einfluss bei Entscheidungen geltend machen. Aber, mal ehrlich, würde die Liga anders laufen, wenn es ihn nicht gäbe?
Vor allem der Resonanzboden von täglich über 12 Millionen »Bild«-Lesern ist es, der Beckenbauers Bundesliga-Kolumne Wahrnehmung verschafft. Im Gegensatz zu Konkurrenzblättern wie der »Abendzeitung« in München, dem »Express« in Köln oder der »Morgenpost« in Hamburg, besitzt die Berichterstattung in der »Bild« und »Bild am Sonntag« republikweit Durchschlagskraft. Thomas Helmer, vom Top-Spieler zum DSF-Medienmann avanciert, sagt: »Wenn ein Medium großen Einfluss hat, dann die ›Bild-Zeitung‹.« Die Noten, die »Bild am Sonntag« nach dem Spieltag an die Profi s vergibt, sind trotz aller Subjektivität ein Gradmesser für die Verfassung eines Spielers. Helmer: »Wenn die ›BamS‹-Zensur am Sonntag schlecht ist, melden sich plötzlich Verwandte und fragen, ob alles in Ordnung ist.«
Wie stark die Benotung Auswirkungen auf den deutschen Fußball nimmt, zeigt beispielhaft die Nationalmannschaftskarriere von Lothar Matthäus. Dessen enge Bindung zum damaligen »Bild«-Korrespondenten Wolfgang Ruiner war in München allgemein bekannt. Im Vorfeld der Euro 2000 schnitt Matthäus wochenlang in fast jedem Heimspiel auffällig gut in der Benotung ab. Jeder neue Spieltag, jede weitere gute Note brachte schließlich auch die Öffentlichkeit zu der Überzeugung: Dieser Matthäus ist in der Form seines Lebens. Bundestrainer Ribbeck nahm den alternden Star schließlich mit zur EM nach Belgien und Holland. Inwieweit »Bild« diese Entscheidung beeinflusst hat und sie aufgrund öffentlichen Drucks erfolgte, weiß niemand. Matthäus’ Nominierung jedenfalls wurde ein Fiasko für den Teamgeist, das Turnier zum Tiefpunkt in der Geschichte des DFB. Podolski-Berater Kon Schramm erklärt dazu: »Das Perverse ist, dass Präsidenten oder Trainer sich unter Druck der Medien mehr den Kopf darüber zerbrechen, was sie Journalisten nach Niederlagen erzählen, als über die eigentlichen Probleme des Spiels.«
Eine »Bild«-Zeitung ohne den FC Bayern ist keine »Bild«-Zeitung
Zugegeben, die Machtposition von »Bild« fußt auf akribischer Recherche und zuverlässiger Informantenpflege durch die Reporter. Matthäus bedankte sich für das Entgegenkommen auf seine Art. Ruiner: »In München haben sich alle Kollegen darüber aufgeregt, dass die Geschichten von Lothar Matthäus immer in »Bild« stünden. Da hat der Lothar gesagt: Der Wolfgang ruft mich am Tag drei-, viermal an, würdest du so oft anrufen, hättest du genauso die Geschichten.« 100 fest angestellte Redakteure beliefern täglich den Sportteil der »Bild« mit Informationen. Bei jedem Training eines Bundesligisten ist ein Reporter vor Ort. Die Kollegen haben ihr Handy rund um die Uhr auf Empfang. Sportchef Brügelmann: »Ein Bildreporter hat nie Feierabend.« Allein drei Berichterstatter beobachten die Aktivitäten des FC Bayern. Der Klub von der Isar polarisiert. Sein Star-Ensemble produziert Nachrichten am Fließband. Die Geschichten entstehen nicht nur an der Säbener Straße, sondern auch nach Dienstschluss am Tresen der Nobeldisko P1. Brügelmann: »Eine ›Bild‹ ohne eine Meldung über den FC Bayern ist keine ›Bild‹.« Kaum ein Journalist kennt die Top-Stars der Liga länger und genauer als Alfred Draxler, der langjährige Sportchef und jetzige Stellvertreter des »Bild«-Chefredakteurs.
Aus Heft #69 Sonderheft 2007/08
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