Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community

Best of 2009: Sebastian Deisler im Interview

»Ich führte Krieg«

Interview: Michael Rosentritt  Bild: Imago

Sebastian Deisler galt als das deutsche Mega-Talent. Sein Weg führte über Gladbach und Berlin zum FC Bayern – bis er ausstieg. »Der Fußball, der mir fehlt«, sagt er nun, »ist ein anderer als der, den ich verließ.«

Best of 2009: Sebastian Deisler im Interview - »Ich führte Krieg«


Herr Deisler, Sie haben Ihre Karriere beendet und seitdem nichts mehr in der Öffentlichkeit gesagt. Warum, und wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es gut. Ich habe erst einmal Abstand gebraucht und die Ruhe genossen. Daran möchte ich auch nichts ändern. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte kein neues Thema werden. Ich möchte jetzt ein Leben führen, das ich allein bestimme. Aber ich kann mich öffnen und Ihnen einen kleinen Einblick geben, was mich dazu bewogen hat, meine Karriere zu beenden.

Anzeige



Sie taten das mit 27, im besten Fußballeralter. Fehlt Ihnen nicht der Fußball?

Der Fußball, der mir fehlt, ist ein anderer als der, den ich verlassen habe. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich so, wie alles gelaufen ist, nicht geschaffen war für dieses Geschäft. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.

Lassen Sie uns das ein wenig ordnen. Sie haben Ihren Entschluss zum Ausstieg Anfang des Jahres in Dubai, im Trainingslager des FC Bayern, getroffen.

Ich habe für mich keine andere Lösung mehr gesehen. Ich war verbittert, auch über mich selbst. Ich kann auch nicht verlangen, dass mich jeder versteht. Langsam finde ich zu mir zurück und möchte mir fernab der Öffentlichkeit etwas Neues aufbauen. Ich bitte nur, dass man dies respektiert.

Wie verliefen die Tage nach Ihrer Entscheidung?

Ich war froh, ich habe Erleichterung empfunden. Ich hatte mich nach Verletzungen so oft herangekämpft, aber am Ende ist mir die Kraft ausgegangen. Ich brauchte ein paar Monate, um einen neuen Rhythmus zu finden. Das war nicht einfach. Mittlerweile komme ich damit gut zurecht.

Uli Hoeneß sagte damals: Wir haben den Kampf um Sebastian Deisler verloren. Empfanden Sie das auch so: Haben Sie den Kampf um sich verloren?

Nein, ich sehe das anders. Wissen Sie, ich habe so lange gekämpft gegen mich, ich habe Krieg geführt gegen mich, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe. Deswegen habe ich einen Schlussstrich gezogen. Uli Hoeneß bin ich dankbar dafür, dass er mir zugehört hat, dass er mich verstanden hat. Aber im Januar war ich an einen Punkt gekommen, an dem ich mich maßlos überfordert hatte mit all meinen Problemen, meinen Schmerzen und mit meinem Träumen. Im letzten Testspiel in Dubai, gegen Marseille, hätte ich mich fast wieder verletzt, es war kurz davor. Ich hatte mich noch gerade über Wasser halten können.

Was ist diese Entscheidung heute?

Ein Sieg, aber einer, der in seiner Tragweite auch bitter war. Ich habe mich lange und intensiv mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Für mich ist heute vieles klarer. Ich kann mir erklären, warum es so gelaufen ist, ja, warum es am Ende einfach nicht funktionieren konnte.

Lassen Sie uns an Ihren Erkenntnissen teilhaben? Wie konnte es dazu kommen?

Da muss ich weit zurück in meinem Leben. Ich kann Ihnen davon erzählen, weil ich heute glaube, dass in meiner Vergangenheit Gründe liegen. Ich bin ja praktisch nur mit einem Bein aus dem Haus gelaufen. In meiner Heimat Lörrach waren wir damals mehrere Jungs, die im Hof Fußball spielten. Ich war immer der Kleinste. Wir waren damals 14 oder 15. Ich war nicht mal einssechzig groß. Ich spielte viel besser Fußball als die anderen. Irgendwann fingen meine Freunde an, mich auszulachen. Sie machten sich lustig über mich wegen meiner Körpergröße. Im Kampf um die neuesten Markenartikel konnte ich auch nicht mithalten, da meine Eltern andere Werte gesetzt haben. Heute bin ich ihnen dafür sehr dankbar, damals war es eine Qual. Ich litt sehr darunter.

Aber das waren doch Kinder.

Ja, aber ich war ja auch noch eins. Die Sache nahm für mich ungeheure Ausmaße an. Zum Teil Kinderkram, ich weiß, aber damals traf es mich sehr.

Was sagten Ihre Eltern damals?

Ich hatte ein gutes Elternhaus, aber meine Eltern konnten mir damals nicht so helfen. Sie hatten eigene Probleme, Probleme, die es in vielen Familien gibt. Mein Zuhause war damals für mich nicht der Ort, an dem ich mich hätte zurückziehen können. Meine Mutter wollte nicht, dass ich gehe. Aber ich sah für mich nur noch darin eine Chance. Diese Dinge haben mich von zu Hause weggehen lassen. Heute weiß ich, dass es viel zu früh war. Ich wollte es damals auf Teufel komm raus meinen Freunden und mir zeigen.

Und mit diesem Schmerz und Druck zogen Sie los.

Ja, mit diesem Ballast. Und dann kamen mein Ehrgeiz und mein Talent dazu. Ich ging ab wie eine Rakete. Das war Ende der neunziger Jahre. Heute weiß ich, dass das alles viel zu schnell ging und viel zu viel war. Die Welle, die über mich kam, war nicht mehr aufzuhalten.



Tagesspiegel@11Freunde


weiterlesen [1] [2] [3]



---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC


Kommentare

  • User
  • 01.10.2007 14:52:29 kigger

    Meinen tiefsten Respekt und meine besten Wünsche!

  • User
  • 01.10.2007 17:24:16 unionchemiker

    den hätte ich mir als tainer für meinen sohn gewünscht. einer, der werte vermitteln kann, spaß, freude.
    er erwischte nen alten faschisten und hat (zum glück?) den spaß am fußball IM VEREIN verloren....

    yep herr deisler, wie schon vor ewigkeiten hier im forum mit hitzigster diskussion als rattenschwanz: alles jute, kopp hoch und frei, und ganz vielleicht kannste ja ein paar kleinen knirpsen irgendwann dein wissen, deine erfahrung und vor allem freude am fußball im training als trainer vermitteln...

  • User
  • 01.10.2007 19:07:00 svw_meister

    Endlich mal einer mit Tiefgang. Es gibt noch ein Leben neben dem Fußball. Hut ab und alles Gute.

  • User
  • 01.10.2007 23:44:35 Chuck Noris

    Ich wette, so mancher Psychoanalytiker hätte seine rechte Gehirnhälfte dafür gegeben, dieses Interview führen zu dürfen!

  • User
  • 02.10.2007 00:49:58 Gandalf

    So, nu habter mich so weit, ich werd es jetzt auch mal lesen!

  • User
  • 02.10.2007 00:53:34 Jörg Stiel

    Fand das Interview auch interessant,allerdings machte Herr Deisler bei einigen Antworten den Eindruck auf mich,als sei er einer Gehirnwäsche unterzogen. Wirkte auf mich alles ein wenig zu demütig und "ich bin anders,und war es immer schon"-mäßig.Trotzdem:alles Gute Herr Deisler!

  • User
  • 02.10.2007 01:37:07 Gandalf

    Gute promotion für sein demnächst erscheinendes Buch, hehe.
    "Gehirnwäsche", Jörg? Fragt sich nur von wem und warum.
    Es gibt drei punkte, die meines Erachtens nach sehr für diesen Menschen sprechen, der in diesem harten Fussballgeschäft eigentlich nur hätte funktionieren müssen (Tore, Autogramme, Bravo-Star-Schnitte, Home-Stories, Werbe-Verträge, lukrative Transfers, Skandal-geschichten in bunten Blättern): das öffentliche Eingeständnis einer Depression, dieser MUT dazu (in dieser "Männer"-Welt nich grade einfach...stellt euch mal vor, inne kabine eures vereins zu kommen und zu sagen: "Ey, kann heut nich, muss zum Psycho-Doc...");
    dann dieser MUT zu sagen, dass man aufhört, mit 28, so ganz, ohne irgendwie auf Trainer-Posten, Manager etc zu machen, sehr klasse.
    Und als drittes dieses Interview.

    Und irgendwie is da wieder dieses Häkchen, was mich auch wieder zu dieser "Gehirnwäsche" von Jörg bringt: irgendwas is da faul.
    Warum meldet er sich überhaupt zurück? Wollte er nicht etwas ganz anderes?
    Ich klammere mal jetzt ganz bewusst monetäre Interessen aus: will er wirklich aufrütteln, Defizite (wie Uschi es ansprach und ich selber noch erleben durfte) in der Jugendarbeit bzw -förderung ansprechen?
    Mir ganz persönlich kommt es vor wie ein Hilfeschrei; und ich würde mich nicht wundern, wenn hier ein Kurt Cobain des Fussballs ein Interview gegeben hätte.
    Verflucht mich dafür! Ich hoffe, dass meine Einschätzung falsch ist.
    Und ich wünsche dem Herrn Deisler natürlich immer nur das beste.

  • User
  • 02.10.2007 06:59:14 sgu07

    die beweggründe für solch ein interview sind eigentlich sekundär. er hats ja nicht der bild-zeitung oder der bunte gegeben.
    ich bin froh (ja froh), dass er es mir erklärt hat, warum man ihn nicht mehr spielen sieht. denn sein rücktritt hat mich schwer getroffen tief in meiner fußballseele.

  • User
  • 02.10.2007 09:27:02 Lefteris13

    Vor allem die letzten beiden Antworten haben mich sehr beeindruckt. Wer gibt schon glaubwürdig zu mit Schülern das unbeschwerte dasein gegen jenes eines beliebten Fußballstars eintauschen zu wollen...

    Mir bleibt in Erinnerung, dass ein österreichischer Globetrotter und in der Versenkung verschwundene Fußballer ihn im Freundschaftsspiel in Leverkusen vor der WM schwer verletzt hat....

  • User
  • 02.10.2007 13:01:24 Lefteris13

    Rolf Landerl heißt der Mann.

  • User
  • 02.10.2007 13:54:50 Jannemann

    Wieso steht eigentlich nirgendwo, dass das Interview vom Tagesspiegel war?

  • User
  • 11.07.2009 09:52:59 ibanez605

    Gute Frage! Man hat sich bei 11freunde ja seit einiger Zeit auch abgewöhnt das Datum des Artikels anzugeben, sodass man nicht erkennen kann ob er brandneu oder 1 Jahr alt ist.

    Gibt es dafür irgendeinen Grund?

  • User
  • 11.07.2009 13:35:53 RawJah

    Rolf Landerl war das? Oo Der spielt seit Juli hier in Lübeck beim VfB..

  • User
  • 11.07.2009 14:47:54 MarcRamone

    Das meiste ist im Thread schon gesagt worden.

    Es gefällt mir gut, dass er vieles so offen und frei ausspricht. Er ist definitiv keiner der sich verstellen mag und das auch nicht mehr will. Das finde ich gut. Bemerkenswert sich von der Menschenfressmaschine Profifussball schlussendlich doch nicht kaputtmachen zu lassen.

    Sehr gut fand ich auch, dass er im ganzen Wust zwei positive Beispiele nannte: Uli Hoeneß und Roque Santa Cruz.

    Endlich mal etwas ehrliches, wahrhaftiges und natürliches. Jemand der auf bestimmte Werte achtet und sie sich nicht nehmen lassen möchte. Danke Sebastian Deisler!

    Unten links steht Tagesspiegel@11Freunde und das Logo vom Tagesspiegel. Also seit ich den Artikel las war der Hinweis vorhanden.

  • User
  • 11.07.2009 16:11:56 AntiMöller

    ...und ich möchte anmerken, dass das Interview Asbach ist. Warum das jetzt wieder hervorgekramt wird, kann man sich denken.

  • User
  • 11.07.2009 16:13:39 El Buitre

    Wegen Ulis Glanz?

  • User
  • 11.07.2009 16:17:42 AntiMöller

    Quatsch! Buchveröffentlichung, heisst das, glaube ich.

  • User
  • 11.07.2009 16:18:33 El Buitre

    Vom Uli jetzte oder vom Sebastian?

  • User
  • 11.07.2009 16:25:42 AntiMöller

    Na, ich meine gehört zu haben, dass Deislers Biographie ansteht.

  • User
  • 11.07.2009 17:49:29 EckeTor 61

    Ach ,mein Gott, der arme ,arme, von Kindheit an gequälte Sebastian Deissler. Mit Talent gestrahft, gezwungen Millionen zu kassieren und dann diese böse, böse Welt! Das ist Jammern auf sehr hohem Niveau! Wenn bei mir der Scheck uber die genannte Summe eingeht, kauf ich ein Päckchen Mitleid für den Herrn!

  • User
  • 12.07.2009 17:59:11 EckeTor 61

    Verstehe den Link jetzt nicht so ganz.

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



Uwe Leifeld über seine Karriere


Wen Jogi Löw so alles im Freiburger Münsterturm einsperren will

  • Torsten Frings
  • Jens Lehmann
  • Matthias Sammer
  • Kevin Kuranyi
  • Jermaine Jones
  • Maradona
  • Den Nutella-Fluch
  • Klaus Allofs
  • Louis van Gaal
  • Sepp Maier
  • Winfried Schäfer
  • Menschen ohne Schal
  • Dreckige Hemdkragen
  • Naseninhalte
  • Achselschweiß
  • Versagensangst
  • Seinen Vertrag

Das Tagesticker-Archiv

Partner von 11 FREUNDE

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER