Manni Breuckmann über den modernen Fußball
Woran wir uns gewöhnt haben
Text: Manfred Breuckmann Bild: Imago
Dass die Kommerzialisierung des Fußballs voranschreitet, ist eine Binsenweisheit. Neu ist die Gleichgültigkeit, mit der Tabubrüche hingenommen werden. Wer regt sich schon noch auf? Manni Breuckmann unternimmt einen neuen Versuch.
Mein schönstes Karnevalserlebnis dieses Jahr hatte ich ausgerechnet im schönen Ruhrgebiet. Dort, an der Essener Hafenstraße, schenkte RWE den großmäuligen Kölnern am Karnevalssonntag fünf Dinger ein, was im Revier Rio-ähnliche Zustände hervorrief. Während ich so dasaß und staunte, telefonierte hinter mir einer aus der Führungsriege der Rot-Weißen, offensichtlich mit einem RWE-Werbepartner. Und der hatte angesichts der Sensation, des Unbegreiflichen, nichts Besseres zu tun, als sich zu beschweren: Seine schöne Werbebande sei durch eine große FC-Fahne verdeckt. Sieht Scheiße aus. Ein Skandal!
Tja, so isser, unser moderner Fußball. Aber es gibt noch üblere Geschichten, zum Beispiel jene haarsträubende aus der Premier League: Die lieben Kleinen, die dort an der Hand der Fußballstars auf den Rasen marschieren, mit Onkel Ballack und Vetter Wayne, müssen – in Gestalt ihrer Eltern – britische Pfund für die große Ehre abdrücken, bis zu 1500 pro Kind. Alles Petitessen? Skurrile Auswüchse, kleine hässliche Pflanzen am Rande des wunderschönen Fußball-Biotops? Nicht zu vergleichen mit den vielen bunt blühenden Blumen und Glitzerdingen im Profi-Business des dritten Jahrtausends?
Betrachten wir unser schwarz-rot-goldenes Fußball-Heimatland: tolle Stadien, Riesenstimmung, Zuschauerboom, hochprofessionelle TV-Übertragungen, umfassende Medienbegleitung der Fußballereignisse, Gewalt nicht mehr als Regel, sondern nur noch als Ausnahme, und bei günstigem Saisonverlauf, wie in diesem Jahr, eine kaum auszuhaltende Spannung kurz vor der Beta-Blocker-Grenze. Und hatten wir nicht 2006 eine hypergeile Weltmeisterschaft?
Starke Schübe nationaler Besoffenheit
Ein klein wenig genervt war ich allerdings von diesen frisch akquirierten Neu-Fans mit dem überirdischen Glanz in den Augen und der Deutschland-Flagge an der Vespa. Die bis Anfang Juni noch geglaubt hatten, der Ball springt, weil da ein Frosch drinsitzt. Die mir erzählen wollten, was für ein großer Fußballer David Odonkor doch sei. Da konnte schon mal ein Gefühl fachlicher Überlegenheit aufkommen (aber okay, die Fußball-Häuptlinge von Betis Sevilla haben es ja auch so gesehen und sechs Millionen für jenen Flügelgiganten abgedrückt).
Ich habe den Fanmeilen-Besuchern ihren Spaß gegönnt, ehrlich, aber eine für vier Wochen aufflackernde Party-Seligkeit, dazu starke Schübe nationaler Besoffenheit, muss ich doch wohl nicht unbedingt mit Fußball-Begeisterung verwechseln, oder? Das bedeutet, erste Erkenntnis, zum modernen Fußball gehören mehr denn je die Wanderer zwischen den Events, denen ein wirkliches Interesse am Spiel und an den Akteuren fehlt, es sei denn, Letztere taugen zu Popstars. Im Falle David Beckhams war das ja tatsächlich ein Argument für die Macher von Real Madrid, doch sie haben die Sache irgendwie nicht zu Ende gedacht: Was hat Real von einem Popstar, der zwar den Trikotverkauf ankurbelt, der aber auf dem Platz nicht mehr als ein paar brauchbare Flanken und Freistöße anzubieten hat? Mittlerweile ist der Fehler korrigiert, Hollywood lechzt nach Beckham und seiner charmanten Gattin, und der Friseur aus London wird auch mit eingeflogen.
Dürfen wir uns bei der Suche nach dem modernen Fußball auf die Wahrheit auf’m Platz beschränken? Das wäre viel zu kurz gesprungen. Obwohl: Es gibt eine »moderne« Art Fußball zu spielen, ohne die der Weg zur Spitze verbaut ist. Stark auf Systeme und Konzepte fixiert, sehr schnell (speziell beim Umschalten von Abwehr auf Angriff), sehr athletisch, mit einer perfekt aufeinander abgestimmten Abwehr als Basis, aber durchaus nicht auf die Defensive fixiert, mit einem mitspielenden Torwart. Kurzum: eine komplizierte, effiziente Maschine, bei der die Spieler die flexiblen, gut geölten Rädchen sind. Wer so spielen will, muss es auch trainieren und darf sich beispielsweise nicht beschweren, wenn bestimmte Spielzüge 20-mal geübt werden. Der deutsche Profi spricht dann gerne von einem »langweiligen« Training. Er möchte Spaß haben und mittags im Internet pokern. Die Ergebnisse dieses Denkens und Handelns sind immer noch in der international zweitrangigen Bundesliga zu bewundern, wo Spannung bei hohen Zuschauerzahlen mit Qualität verwechselt wird.
Aber: Die Traditionalisten, die sich der modernen Trainingslehre verweigern, sind auf dem Rückzug. Ein Beitrag dazu war die kurze Ära Klinsmann. Unvergessen der absurde Mäuseaufstand, als der starrköpfige Schwabe den (pfui Deibel!) Hockey-Trainer Bernhard Peters in seinen Trainerstab aufnehmen wollte. Da benahmen sich einige, als sollte der Leibhaftige persönlich an die Spitze der vatikanischen Glaubens-Kongregation gesetzt werden. Peters darf sich jetzt in der millionärsgesteuerten Provinz-Gemeinde Hoffenheim austoben, und die Bundesliga ist dabei, im präzisen, systemorientierten Fußball aufzuholen. Und gegen die Verbesserung des Spiels und der Fähigkeiten des einzelnen Spielers haben die Fans garantiert nichts einzuwenden, wenn sie gegen den »modernen Fußball« auf die Zäune gehen.
Aus Heft #67 06 / 2007







