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26.06.2007

Manni Breuckmann über den modernen Fußball

Woran wir uns gewöhnt haben

Text: Manfred Breuckmann  Bild: Imago

Dass die Kommerzialisierung des Fußballs voranschreitet, ist eine Binsenweisheit. Neu ist die Gleichgültigkeit, mit der Tabubrüche hingenommen werden. Wer regt sich schon noch auf? Manni Breuckmann unternimmt einen neuen Versuch.

Manni Breuckmann über den modernen Fußball - Woran wir uns gewöhnt haben


Mein schönstes Karnevalserlebnis dieses Jahr hatte ich ausgerechnet im schönen Ruhrgebiet. Dort, an der Essener Hafenstraße, schenkte RWE den großmäuligen Kölnern am Karnevalssonntag fünf Dinger ein, was im Revier Rio-ähnliche Zustände hervorrief. Während ich so dasaß und staunte, telefonierte hinter mir einer aus der Führungsriege der Rot-Weißen, offensichtlich mit einem RWE-Werbepartner. Und der hatte angesichts der Sensation, des Unbegreiflichen, nichts Besseres zu tun, als sich zu beschweren: Seine schöne Werbebande sei durch eine große FC-Fahne verdeckt. Sieht Scheiße aus. Ein Skandal!



Tja, so isser, unser moderner Fußball. Aber es gibt noch üblere Geschichten, zum Beispiel jene haarsträubende aus der Premier League: Die lieben Kleinen, die dort an der Hand der Fußballstars auf den Rasen marschieren, mit Onkel Ballack und Vetter Wayne, müssen – in Gestalt ihrer Eltern – britische Pfund für die große Ehre abdrücken, bis zu 1500 pro Kind. Alles Petitessen? Skurrile Auswüchse, kleine hässliche Pflanzen am Rande des wunderschönen Fußball-Biotops? Nicht zu vergleichen mit den vielen bunt blühenden Blumen und Glitzerdingen im Profi-Business des dritten Jahrtausends?

Betrachten wir unser schwarz-rot-goldenes Fußball-Heimatland: tolle Stadien, Riesenstimmung, Zuschauerboom, hochprofessionelle TV-Übertragungen, umfassende Medienbegleitung der Fußballereignisse, Gewalt nicht mehr als Regel, sondern nur noch als Ausnahme, und bei günstigem Saisonverlauf, wie in diesem Jahr, eine kaum auszuhaltende Spannung kurz vor der Beta-Blocker-Grenze. Und hatten wir nicht 2006 eine hypergeile Weltmeisterschaft?

Starke Schübe nationaler Besoffenheit

Ein klein wenig genervt war ich allerdings von diesen frisch akquirierten Neu-Fans mit dem überirdischen Glanz in den Augen und der Deutschland-Flagge an der Vespa. Die bis Anfang Juni noch geglaubt hatten, der Ball springt, weil da ein Frosch drinsitzt. Die mir erzählen wollten, was für ein großer Fußballer David Odonkor doch sei. Da konnte schon mal ein Gefühl fachlicher Überlegenheit aufkommen (aber okay, die Fußball-Häuptlinge von Betis Sevilla haben es ja auch so gesehen und sechs Millionen für jenen Flügelgiganten abgedrückt).

Ich habe den Fanmeilen-Besuchern ihren Spaß gegönnt, ehrlich, aber eine für vier Wochen aufflackernde Party-Seligkeit, dazu starke Schübe nationaler Besoffenheit, muss ich doch wohl nicht unbedingt mit Fußball-Begeisterung verwechseln, oder? Das bedeutet, erste Erkenntnis, zum modernen Fußball gehören mehr denn je die Wanderer zwischen den Events, denen ein wirkliches Interesse am Spiel und an den Akteuren fehlt, es sei denn, Letztere taugen zu Popstars. Im Falle David Beckhams war das ja tatsächlich ein Argument für die Macher von Real Madrid, doch sie haben die Sache irgendwie nicht zu Ende gedacht: Was hat Real von einem Popstar, der zwar den Trikotverkauf ankurbelt, der aber auf dem Platz nicht mehr als ein paar brauchbare Flanken und Freistöße anzubieten hat? Mittlerweile ist der Fehler korrigiert, Hollywood lechzt nach Beckham und seiner charmanten Gattin, und der Friseur aus London wird auch mit eingeflogen.

Dürfen wir uns bei der Suche nach dem modernen Fußball auf die Wahrheit auf’m Platz beschränken? Das wäre viel zu kurz gesprungen. Obwohl: Es gibt eine »moderne« Art Fußball zu spielen, ohne die der Weg zur Spitze verbaut ist. Stark auf Systeme und Konzepte fixiert, sehr schnell (speziell beim Umschalten von Abwehr auf Angriff), sehr athletisch, mit einer perfekt aufeinander abgestimmten Abwehr als Basis, aber durchaus nicht auf die Defensive fixiert, mit einem mitspielenden Torwart. Kurzum: eine komplizierte, effiziente Maschine, bei der die Spieler die flexiblen, gut geölten Rädchen sind. Wer so spielen will, muss es auch trainieren und darf sich beispielsweise nicht beschweren, wenn bestimmte Spielzüge 20-mal geübt werden. Der deutsche Profi spricht dann gerne von einem »langweiligen« Training. Er möchte Spaß haben und mittags im Internet pokern. Die Ergebnisse dieses Denkens und Handelns sind immer noch in der international zweitrangigen Bundesliga zu bewundern, wo Spannung bei hohen Zuschauerzahlen mit Qualität verwechselt wird.

Aber: Die Traditionalisten, die sich der modernen Trainingslehre verweigern, sind auf dem Rückzug. Ein Beitrag dazu war die kurze Ära Klinsmann. Unvergessen der absurde Mäuseaufstand, als der starrköpfige Schwabe den (pfui Deibel!) Hockey-Trainer Bernhard Peters in seinen Trainerstab aufnehmen wollte. Da benahmen sich einige, als sollte der Leibhaftige persönlich an die Spitze der vatikanischen Glaubens-Kongregation gesetzt werden. Peters darf sich jetzt in der millionärsgesteuerten Provinz-Gemeinde Hoffenheim austoben, und die Bundesliga ist dabei, im präzisen, systemorientierten Fußball aufzuholen. Und gegen die Verbesserung des Spiels und der Fähigkeiten des einzelnen Spielers haben die Fans garantiert nichts einzuwenden, wenn sie gegen den »modernen Fußball« auf die Zäune gehen.



Aus Heft #67 06 / 2007


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Kommentare

  • User
  • 26.06.2007 09:32:33 martin avis

    Herr Breuckmann spricht mir aus der Seele... :-/

  • User
  • 26.06.2007 12:22:46 gelsenkirchen

    ja, aber auch nichts neues...

  • User
  • 26.06.2007 13:19:01 stevevand2001

    Herr Breuckmann stand beim MSV neben meinem Bruder Andy aufem Klo beim Pinkeln.
    Ich habe das Gefühl das wird mir mit JBK nicht passieren. Sicherlich Fußballerisch fühle ich mich dem Westen angetan und trotz Schalke und Dortmund habe ich das Gefühl das Fußball dort ehrlicher ist als woanders. Ich weiß auch nicht ob man das drum herum beim BFC oder Dynamo Dresden als wirklich ehrlich ansehen kann und wenn ja dann graut es mir als denkender Mensch vor soviel agressiver gewaltbereitschaft.
    Und die Ehrlichkeit bei Vereinen wie St.Pauli , die mir sympatisch sind, aber auch von vielen Modefans (moderzuschauern Herr Münterfering) unterwandert werden , ich habe meine Zweifel ob bei all denen der Fußball im Vordergrund steht.
    Ich denk mir immer das ich das darf. Ich darf zu nem CL spielen von Bayern München gegen Helsingborg fahren und in der Halbzeit gehen. Und beim Spiel fc Motherwell gegen Inverness CT auf der Tribühne kurz mal betrunken einschlafen genauso wie bei Altona 93 gegen FT Eider Büdelsdorf... ich habe mir meinen Schmerz und seelisches LEiden abgeholt. Ich bin in der Tat auch ein Fan des Spiels und ein Fan der Deutschen Nationalmannschaft als Aushängeschild desFußballs den ich von klien auf Kenne. Ich kann mir auch nicht mit den Karnevalsjecken anfreunden die sich Farben ins Gesicht schmieren und ole wie in Holland umta tätärä alles großartig finden was der event bringt aber außer Kahn ;Lehman , Ballack und Schweinei und Polid keinen Spieler kennen. Ich kenne se alle (nichts großes) und mein Bruder (ja der) kennt se alle und die LEute mit denen ich zum Fußball gehen kennen se alle und auch alle die hätten dabei sein können und nicht dabei waren und und und. Und ja es tat mir weh wieder mal nicht Weltmeister zu werden , aber für mich geht es beim ersten Anpfiff zur Bundesliga , zweiten Liga ,Regionalliga , Oberliga auch weiter. Fußball ist nicht nur alle vier Jahre für 4 Wochen. Fußball ist immer . Nennt von mir aus alles stadien um... ich geh dann immer noch in die Grotenburgkampfbahn (also nur mal als Beipspiel) oder in Müngersdorfer Stadion oder in den Volkspark.
    Das die Kommerzialisierung immer schlimmer wird und das der Fußball nicht mehr so ist wie es mal war weiß jeder , ist mir auch egal-
    Der Ball ist rund , 11 gegen 11 und der Rasen ist grün und ihr wißt schon.
    Was mir immer gefällt ist wenn jemand auch mal Kontra spricht und nicht auf jede Welle abfährt dann aber da ist wenn sonst keiner mehr da ist und in diesem Fall zum Fußball hält !
    Denn ja, Fußball ist für mich Lebensinhalt.
    Es gibt kaum estwas was mir wichtiger ist und das wird wohl immer so bleiben. Auch wenn dann wieder bei einem Spiel zwischen Köln und Homburg nur 8000 Menschen kommen und nicht 41000 Menschen. Wenn ich dann in Köln bin stehe ich da und guck mir das an .
    Ich brauch das drum herum nicht , aber es stört mich auch nicht so sehr das ich dem Fußball den Rücken kehren würde.
    Was ich habe , habe ich auch zum Teil für mich und für mich erworben !
    Das kann mir auch kein Vereinsboss ,oder Funktionär oder sonstwer wegnehmen .
    Und das ich Manni Breuckmann sympatisch finde und ihm im Prinzip recht geben und Schalke trotzdem nicht gutes gönne gehört dazu !
    (offizielle Version !)

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