Grabesstimmung in Fröttmaning
Die Süd schweigt
Text: Fabian Jonas Bild: Imago

Als der FC Bayern den Fankatalog zur eben abgelaufenen Saison ausliefern ließ, lag jedem Exemplar ein Aufkleber bei, der wie schon so oft an die frühen Musikversuche Franz Beckenbauers erinnerte: Gute Freunde kann niemand trennen!

Rund anderthalb Jahre zuvor hatte der Verein es mit dem Slogan allerdings nicht so genau genommen. Es galt damals, die Jahreskartenbesitzer aus der »Süd«, der Fankurve des alten Olympiastadions, im neuen Stadion in Fröttmaning unterzubringen. Die Bayern-Führung entschied sich zur Verteilung der Anhängerschaft auf Nord- und Südkurve. Die clevere Idee: Bei damals rund 100?000 Mitgliedern und über 2000 Fanklubs sollte es doch möglich sein, den neuen Fußballtempel in einen Hexenkessel zu verwandeln, mit Fangesängen, wenn schon nicht in Dolby Surround, so doch zumindest in Stereo.
Die eingefleischte Anhängerschaft der Bayern registrierte die Pläne zur Umsetzung früh mit großem Unbehagen. Weiß man doch um das erstaunliche Phänomen, dass sich zwar republikweit Millionen zu den Bayern bekennen, es aber an tatsächlich aktiven Gefolgsleuten in München nicht mehr gibt als an anderen großen Fußballstandorten auch. Und wie bei vielen anderen Vereinen schwelte schon damals auch bei den Bayern ein sich verschärfender Konflikt zwischen alteingesessenen Fans, die in den 80er und 90er Jahren für die Stimmung verantwortlich waren, und den meist jungen Mitgliedern der »Schickeria München«, die seit 2002 versuchen, den »Ultragedanken« in der Südkurve zu etablieren.
Solche Streitigkeiten sind in Fankurven keine Seltenheit, zumal der an italienischen Vorbildern ausgerichtete Ultra-Support mit seinen Vorsängern, den spielunabhängigen Gesängen, der hierarchischen Capo-Struktur und dem Selbstbewusstsein, eine Art Fan-Elite zu bilden, vielen älteren Anhängern immer noch suspekt ist. Nun wurde dieser Generationenkonflikt in anderen Stadien zumeist zugunsten der Ultras entschieden, die schiere Masse der Anhänger gab stets den Ausschlag. In München jedoch eskalierte der Streit und hatte fatale Folgen für den gesamten Fanblock.
»Bayern« – »Scheiße«
Dabei hatte es mit der Stimmung in der neuen Arena vor Beginn der internen Auseinandersetzungen zunächst gut begonnen. Als die Münchner zu ihrem ersten Spiel im neuen Stadion gegen die Nationalmannschaft aufliefen, ertönte zum ersten Mal das Bayernecho. »Bayern« skandierte die Südkurve, »Bayern« antwortete die Gegenseite in einer Lautstärke, die im Olympiastadion schlicht unmöglich gewesen war. Die Premiere glückte, der Stereoeffekt trat ein und nachdem Jens Lehmann Bastian Schweinsteiger per Bodycheck in eine Werbebande befördert hatte, echauffierte sich zwar Oliver Bierhoff über das einsetzende Pfeifkonzert, in München indes schwärmen sie bis heute von dessen Lautstärke. Hinterher waren Vereinsbosse und die meisten Fans glücklich und sicher, dass alles noch viel besser werden würde. Doch die Euphorie legte sich schnell. Denn so schön das Echo gegen die Nationalmannschaft auch funktioniert hatte, so schnell erwies es sich im Alltag als untauglich. Von Beginn an machten sich die gegnerischen Fans im Oberrang der Nordkurve einen Spaß daraus, den Ruf »Bayern« auf ihre Art zu beantworten: »Scheiße« – was nicht im Sinne des Erfinders ist. Einkalkuliert wurde auch nicht, dass die Gästefans unter dem Dach akustisch deutlich im Vorteil sind, schon vergleichsweise wenige laute Stimmen reichen oft aus, um die unkoordinierten Münchner Fanblöcke zu übertönen. Das Problem ist dabei nicht allein die Teilung der Fans an sich, sondern auch ihre Folgen. Denn die Aufteilung auf zwei Kurven führte auch dazu, dass in der Südkurve Plätze für Zuschauer frei wurden, die nur mit sehr viel Phantasie dem harten Kern der Fanszene zugerechnet werden können und zwar eine fantastische Atmosphäre erwarten, nicht jedoch erzeugen. Und die bei Missfallen des Unterhaltungsprogramms pfeifen. Zu Dutzenden finden sich im Internetforum des Vereins verzweifelte Berichte von Fans, die von Familienvätern oder Rentnern in der Fankurve aufgefordert wurden, sich endlich hinzusetzen, dafür seien die Sitze da.
Aus Heft #67 06 / 2007
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München









