Die geheimnisvolle Sprache der Trainer
Gut aufgestellt, kompakt stehen
Text: Arnd Zeigler Bild: Imago

Wenn es nach den Fußballfachleuten des Landes ginge, dann müsste ich zu Beginn dieser Kolumne vor allem eines sicherstellen: Dass mein Text gut aufgestellt ist. Schon aufgefallen? Neuerdings muss immer alles gut aufgestellt sein.
Wenn ein phrasenbegabter Fußballtrainer, nennen wir ihn mal spaßeshalber »Thomas Do.«, vor einem Spiel nach seiner Marschroute gefragt wird, kommt reflexartig die Ansage: »Wir werden am Samstag gut aufgestellt in die Partie gehen.« Was der Phraseur aus Dortmund (Mist, verplappert…!) nicht verrät, ist, ob das nur für manche Spiele gilt oder weshalb erst ab einem bestimmten Spiel damit begonnen wird. Positiv ist aber, dass besagter Trainer das Gutaufgestelltsein mittlerweile extrem verinnerlicht hat. Das äußert sich darin, dass er hin und wieder Dinge sagt wie »Ich bin gut aufgestellt.«
Kommen wir nun zur Taktik. Eine gut aufgestellte Mannschaft muss neuerdings drei Dinge tun, von denen alle Fußball-Koryphäen dieser Welt vor zehn Jahren noch keine Ahnung hatten. Ding 1 ist: »Kompakt stehen«. Ein Schlagwort, das für alles Übel dieser Fußballwelt herhalten muss. Wann immer sich eine Heimelf gegen eine gnadenlos mauernde Gästeelf aus, sagen wir mal: Cottbus (keine Ahnung wieso ich gerade auf DIE komme…) einen abbricht, hat der Gegner hinterher einfach zu kompakt gestanden. Auch »Thomas Do.« versucht beim Gutaufstellen seiner Mannschaft dafür zu sorgen, dass vor allem die Hintermannschaft kompakt steht. Früher hieß das anders. Bis ca. 1995 sagte man: »Du schnappst dir den Zehner von denen und folgst ihm notfalls bis aufs Klo!« Und auch heute meint »kompakt stehen« eigentlich nur den dringenden Wunsch des Trainers, dass bitte kein Spieler der Viererkette während des Spiels ins Kino gehen möge. Nicht einmal kurz aufs Klo – da geht ja schon der gegnerische Zehner hin.
Gegen-den-Ball-Arbeiten – Was ist das?
Zweite wichtige Neuerung im Weltfußball ist »der zweite Ball«. Wer immer sich den Anstrich geben will, taktisch hochgradig ausgebufft rüberzukommen, der lässt in Fachgesprächen mit Kollegen, Freunden oder Udo Lattek möglichst häufig beiläufig fallen, wie wichtig es sei, den zweiten Ball zu erobern. Ich habe dieses Phänomen inhaltlich einmal ganz kurz verstanden (Anfang April 2007) und versucht, es meinem Sohn (Werder Bremen, 2. G-Jugend) näher zu bringen. Seine Reaktion: »Ich hole mir lieber schon den ersten Ball, Papa!« Irgendwie hat er Recht. Kommen wir dann zum letzten Schrei der neumodischen Fachausdrücke. Wenn man nämlich gut aufgestellt kompakt den zweiten Ball unter Dach und Fach gebracht hat… da fällt mir auf: Man bringt eine Sache übrigens nie nur »unter Dach«, und auch nie nur »unter Fach«, sondern immer nur simultan unter beides. Komisch, oder? Das ist wie mit Daryl Hall und John Oates in den 70ern. Die beiden US-Sänger waren nur gemeinsam gut aufgestellt. Wahrscheinlich, weil sie sich alleine nicht kompakt genug gefühlt haben. Aber ich komme vom Thema ab. Also: was jetzt noch fehlt im Reigen der wichtigen, Schlaumeier-Fachbegriffe ist das sogenannte »gegen den Ball arbeiten«.
Das bedeutet in etwas verständlicheren Worten, dass man auf dem Spielfeld nicht nach Gänseblümchen suchen oder Autoquartett spielen, sondern sich auf den Ball konzentrieren sollte. Und wenn der zufällig gerade in der Nähe ist, sollte man als Fußballspieler umgehend in Erwägung ziehen, etwas Zweckmäßiges mit dem Ball anzustellen: wegpöhlen, fummeln, sich draufsetzen – alles kann zu seiner Zeit richtig sein und ist ein wichtiger Bestandteil des Gegen-den-Ball-Arbeitens. Ungern gesehen wird es, sich völlig auf das kompakte Stehen zu konzentrieren und den Ball Ball sein zu lassen. Etwas Gutes hat das »gegen den Ball arbeiten«: Es ist das, was ich Zeit meines Lebens mit der Kugel getan habe. Hat mir im Endeffekt nicht viel genützt, weil es mir andersrum an der engen Zusammenarbeit mit dem Ball gefehlt hat. Noch heute reden wir manchmal wochenlang kein Wort miteinander, ich und mein Ball.
Aus Heft #67 06 / 2007








