Die Geschichte der Fußballfans

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Marcel Koller im Interview

„Ich bin noch nicht satt“

Interview: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

„Ich bin noch nicht satt“

Herr Koller, ich habe Ihr Team am 9. Spieltag zu Hause gegen Wolfsburg gesehen. Nach diesem Spiel stufte ich Bochum und Wolfsburg als Absteiger ein – und dabei hatte Wolfsburg noch mit 1:0 gewonnen. Wie war es zu diesem Zeitpunkt um Ihr Vertrauen in das Team bestellt?

Wir haben speziell in der Hinserie viele Nackenschläge einstecken müssen, oft gut gespielt, aber dann die Punkte nicht geholt. Durch solche Niederlagen kommt natürlich Unruhe im Umfeld auf. Das hat es schwieriger gemacht, und es war wichtig, die Ruhe zu bewahren. Als Trainer ist man dann abhängig vom Chef, in meinem Fall der Aufsichtsratsvorsitzende Altegoer. Er muss nah dran sein und sehen, dass gut gearbeitet wird. Er hat langen Atem gezeigt, und jetzt kann er diesen Erfolg verbuchen.



Jetzt mal ehrlich: Waren Sie nach einem Spiel wie dem 0:6 zu Hause gegen Bremen nicht verzweifelt?

Nein, weil ich wusste, dass wir in nicht das gezeigt hatten, was wir können. Da war bei uns sehr viel Zurückhaltung im Spiel, und wir waren ein bisschen ängstlich, weil wir vorher schon dachten: „Das wird schwierig gegen die“. Dann zeigst du eben nicht, was du kannst. In der Folge haben wir uns jedoch mental gestärkt. Da war das Spiel in der Rückrunde gegen Bayern München entscheidend, denn vorher hat der ein oder andere gedacht, dass wir das gar nicht gewinnen können. Als ich das in der Zeitung gelesen hatte, erschrak ich erstmal, konnte dann aber reagieren und dementsprechend dagegen arbeiten, indem ich den Spielern einbläute, dass gegen jeden Gegner etwas möglich ist. Entscheidend ist, dass wir unsere Leistung bringen und nicht ängstlich, sondern aggressiv, laufbereit und mit Leidenschaft auf den Platz gehen.

Ein Trainer muss stets souverän wirken und vermitteln, dass er immer noch ein Erfolgsrezept in der Tasche hat, egal wie hoffnungslos die Lage ist. Sie haben das geschafft, viele andere nicht, z. B. Ihr Kollege Thomas Hörster bei Bayer Leverkusen, der regelrecht ausgelacht wurde, als er 2003 bekannte, er habe keine Hoffnung mehr auf den Klassenerhalt. Muss ein guter Trainer in Krisenzeiten auch ein guter Schauspieler sein?

Nein, das denke ich nicht. Wichtig ist, dass man immer authentisch ist. Dass man auf die Situationen eingeht, dass man gradlinig und korrekt ist und seinen Weg geht. Wichtig ist auch, immer wieder aufzustehen und der Erste zu sein, der vorneweg geht. (überlegt) Man kann natürlich keine Ziele ausgeben, die nicht realistisch sind, das wäre lächerlich.

Haben Sie im Herbst letzen Jahres gespürt, dass viele Blicke Hilfe suchend auf Sie gerichtet waren wie auf einen Steuermann im Orkan?

Im Falle des Misserfolgs gucken alle auf den Trainer. Und natürlich ist man als Trainer der Erste – und muss der Erste sein –, der nach Lösungen, nach einem Weg aus der Krise sucht.

Abstiegskampf bedeutet ungeheuren Stress. Wie haben Sie ihn kompensiert?

Relativ leicht, weil ich den Fußball kenne und liebe. Na klar ist man auch mal niedergeschlagen und flucht, hat viele Gedanken im Kopf. Aber es ist ja nicht so, dass alle richtigen Lösungen von mir kommen. Man muss gemeinsam einen Weg suchen – und diesen Weg dann auch gemeinsam gehen.

Sie haben aber doch nicht 24 Stunden am Tag über den VfL gegrübelt.

Wie gesagt, ich liebe den Fußball und muss deshalb nicht völlig abschalten. Man macht sich Gedanken, was man machen könnte, damit es gut geht, welche Entscheidungen die richtigen sind. Um von Zeit zu Zeit doch mal auf andere Gedanken zu kommen, hilft mir mein Zuhause, meine Frau, gutes Essen, oder ich lese ein Buch.

War das Spiel gegen den FC Bayern, dem Sie auswärts ein 0:0 abrangen, der entscheidende Moment für den Klassenerhalt?

Da haben wir gesehen, dass wir auch gegen die Mannschaften bestehen können, die in der Tabelle oben stehen, wenn das Engagement, die Laufbereitschaft, die Aggressivität und die Kompaktheit stimmen. Schlussendlich war der entscheidende Schritt aber das Spiel in Leverkusen, das wir 4:1 gewannen. Da haben die Spieler eins zu eins umgesetzt, was wir besprochen hatten. Du brauchst die Überzeugung und musst am richtigen Ort stehen, um die Tore zu machen. Das haben wir geschafft, und es gab uns das nötige Selbstvertrauen, um die nächsten Siege einzufahren.

Der VfL hat sich mit ehrlichem Fußball den Klassenerhalt erkämpft und dabei viele Sympathien gewonnen. Ist dieser Zuspruch aus Ihrer Sicht ein Zeichen für die Abkehr vom Eventfußball, wie er in den großen Arenen Ihrer Nachbarn dargeboten wird?

Das kann ich nur schwer beurteilen. Was heißt Eventfußball? Wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie Schalke oder Dortmund. Für mich ist entscheidend, was auf dem Platz geschieht. Wenn da die Post abgeht und die richtigen Ergebnisse eingefahren werden, dann ist alles locker, dann hat man Freude und Spaß, dann sieht man das nicht so verbissen, als hätte man Existenzängste.

Könnte es denn eine Perspektive für den Verein zu sein, sich als Symbol für den Ruhrpott-Fußball zu positionieren, als Verkörperung einer Mentalität, die Schalke und Dortmund offenbar abhanden gekommen ist?

Im Ruhrgebiet wollen die Leute sehen, dass man kämpft und nicht einfach nur stehen bleibt. Sie wollen sehen, dass man etwas für die Punkte tut. Wenn dabei auch noch das ein oder andere Schmankerl dazu kommt, ein schönes Tor, technische Feinheiten oder ein Salto von Epalle – umso besser! Grundsätzlich besteht die Basis jedoch aus Laufen und Kämpfen. Vielleicht macht es uns manchen Menschen sympathisch, dass wir das begriffen haben.


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