Die Wiedergeburt des KSC
...und Frau Schmider lag daneben
Text: Boris Herrmann Bild: Imago

Schütterle beginnt verhalten. So steht es auf Seite 18 der »Badischen Neuesten Nachrichten« vom 4. November 1993. Wenn nicht alles täuscht, ist das die am häufigsten ausgerissene Zeitungsseite im Raum Karlsruhe. In der Innenstadt-Kneipe »Titanic«, wo die Fans nach Heimspielen die Siege ihres KSC begießen, hängt sie natürlich auch an der Wand. Dort steht jetzt Rainer Schütterle und liest, was damals über ihn geschrieben wurde. Er muss lachen und krümmt sich ein wenig. Dabei hat die Zeitung ja recht gehabt. »Die hatten am Anfang echt gute Chancen. Der Kahn hat ein paar Mal richtig gut gehalten. Wir hätten auch locker 3:0 hinten liegen können.« Am Ende lagen die Karlsruher aber 7:0 vorne. Mittelfeldspieler Schütterle, der verhalten begonnen hatte, wurde in der 37. Minute vom Rausch ergriffen und lupfte den Ball über José Manuel Sempere im Tor des FC Valencia zum 3:0. Der KSC wurde übermütig. »Ab da hat man geglaubt, man kann bei den Großen mit schwimmen«, sagt Schütterle.

Dieser Glaube hat alsbald einen Namen bekommen: KSC 2000. Präsident Roland Schmider, seit 1974 Alleinherrscher in Karlsruhe, hatte vor, den Klub in ganz neue Sphären zu führen. Ein monumentales neues Stadion war in Planung, besser gesagt: ein Bürokomplex mit angeschlossener Rasenfläche. Über Nacht ließ er das traditionell schlichte blau-weiße Vereinswappen mit einer gelb-roten Pyramide unterlegen. Alles musste bunter, greller, verkaufsfördernder werden. Dem neuen Selbstverständnis entsprechend, wurde in Thomas Häßler der erste Weltmeister verpflichtet. Trainer Winfried Schäfer kündigte passend dazu den Gewinn der Deutsche Meisterschaft an. Im Jahr 2000 sollte es soweit sein. Am 26. Mai 2000 stieg der Karlsruher SC in die Regionalliga ab.
»Ich habe die ganze Achterbahnfahrt einmal mitgemacht«
Natürlich ist das Spiel gegen Valencia der Fixpunkt im kollektiven Gedächtnis der Karlsruher. Es wird aber keineswegs nur positiv reflektiert und das macht den Abend vom November 1993 bis heute so interessant. Wer die Vereinsseele dieses Klubs finden will, muss hier anfangen zu suchen. Kaum irgendwo im deutschen Profifußball liegen Erfolg und Niedergang, Aufstieg und Abgrund, Euphorie und Depression so nahe beieinander wie beim Karlsruher SC. Und kaum einer hat das so intensiv miterlebt wie Rainer Schütterle. Er hat den KSC 1987 in seinem ersten Profijahr in die 1. Liga geschossen und ist mit ihm 2000, in seinem letzten Profijahr, in die 3. Liga abgestiegen. Er hat 1993 im UEFA-Pokal gegen die europäischen Spitzenteams Valencia, Eindhoven und Bordeaux gewonnen, um dann im Halbfinale gegen das österreichische Team Casino Salzburg auszuscheiden. Inzwischen ist Schütterle Vizepräsident des KSC, und wenn nicht vorher noch die Welt untergeht, kehrt er zur kommenden Saison mit diesem Klub in die Bundesliga zurück. Er sagt: »Ich habe die ganze Achterbahnfahrt einmal mitgemacht. Deshalb bin ich auch jetzt nicht so euphorisch wie andere.«
Man muss in diesen Tagen in Karlsruhe nicht lange suchen nach den anderen, den Euphorischen. Die Stadt hat sich blau-weiß eingekleidet. Zu Heimspielen gegen Essen oder Braunschweig kommen weit über 20.000 Zuschauer. Im VIP-Raum, sagt Schütterle, seien Leute, die man hier seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Erfolg macht verführerisch. Und erfolgreich sind sie wieder. Das junge Team des KSC dominiert die 2. Liga in dieser Saison nach Belieben. Es spielt begeisternden Offensivfußball und steht seit Saisonbeginn an der Tabellenspitze. Seine Torjäger Giovanni Federico und Edmond Kapllani haben gemeinsam mehr Treffer erzielt als Paderborn, Unterhaching oder Braunschweig. An manchen Tagen hat es den Anschein, als würde diese Mannschaft die Geschichte ihres Klubs nachspielen. Vom Rausch zum Wahnsinn sind es manchmal nur ein paar Spielminuten, am Ende steht es dann 4:4. Gerade deshalb bleibt einer wie Schütterle vorsichtig. »In der Euphorie wurden in diesem Klub schon sehr viele falsche Entscheidungen getroffen«, sagt er. »Und das ist auch das, was bei uns jetzt gefährlich wird. Da bin ich mir jetzt schon sicher. Weil wir eben auch alle Menschen sind.«
Die Glückseligkeit der 90er Jahre hat die meisten falschen Entscheidungen überblendet. Der KSC hat ja nicht nur gegen Valencia gewonnen. Er hat sechs Spielzeiten hintereinander unter den ersten Acht der Bundesliga beendet, stand dreimal im UEFA-Cup. Auch der AS Rom und Girondins Bordeaux mit Zinedine Zidane haben im Wildpark 3:0 verloren. Karlsruhe erlebte, vordergründig betrachtet, die erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte.
»Der KSC hat sich sehr verändert«
Einer, der die Geschichte dieses Klubs auswendig kennt, ist Willi Reimold. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Reichenbach und kramt in einem Stapel Schwarzweiß-Fotos. Es sind schöne Fotos. Man sieht, wie Reimold dem abgekämpften Verteidiger Rolf Dohmen nach einem Spiel eine Picknickdecke über die Schulter legt. Man sieht auch, wie Mittelfeldspieler Edmund Becker in Unterhosen auf seinem Bett sitzt und mit den Kollegen Karten spielt. Dohmen ist heute Manager beim KSC, Becker Trainer. Sie leben wie Schütterle mit diesem Verein in einer Schicksalsgemeinschaft. »Der KSC hat sich sehr verändert. Er hat jetzt einen guten Präsidenten. Auch das Management und der Trainer sind in Ordnung. Das war nicht immer so«, sagt Reimold.
Ab 1974 war er Mannschaftsbetreuer, später Leiter der Lizenzspielerabteilung. Er hat im Kontext seiner Zeit jenen Job gemacht, der heute Manager heißt. Unter der Woche hat Reimold die Busfahrt und das Hotel zu den Auswärtsspielen organisiert. Vor Heimspielen ist er zur Bank gefahren und hat Wechselgeld für die Kassenhäuschen geholt. »Wenn der VfB oder Bayern München kam, hatte ich manchmal 86.000 Mark im Kofferraum«, sagt Reimold. Manchmal. Und manchmal hat er auch gar kein Geld mehr bekommen. Der KSC war noch nie ein reicher Klub. »Ich bin überzeugt davon, dass der Schmider manche Nacht nicht geschlafen hat, wo es dem Verein saudreckig ging«, sagt Reimold. In den Nächten vor dem Bundesligaaufstieg 1980, zum Beispiel. »Damals ging es wie so oft um die Existenz des KSC.« Neben dem 7:0 gegen Valencia gehören die beiden Aufstiegsspiele gegen Rot-Weiss Essen zu den wichtigsten Erinnerungen des Vereins. Der KSC hatte das Hinspiel im Wildpark 5:1 gewonnen und hätte diesen komfortablen Vorsprung beim Rückspiel in Essen beinahe verspielt. Unter Mitwirkung von Dohmen und Becker verloren sie mit Glück 1:3, laut Augenzeugenberichten hätte es eigentlich 2:12 ausgehen müssen. Reimold sagt: »Da lag meine Frau nachher ohnmächtig im Gras vor lauter Aufregung. Und die Frau Schmider lag daneben.«
Aus Heft #66 05 / 2007
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