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Mitleid mit dem HSV

Ruhe sanft, Dinosaurier

Text: Jens Kirschneck  Bild: Imago

Ruhe sanft, Dinosaurier

Mal angenommen, ein Autor wäre mit der Plotidee „Europäisch engagierter Fußballklub mit Meisterschaftsambitionen gerät durch abenteuerliche Verkettung von Umständen bis an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus“ vorstellig geworden und hätte sich bei der weiteren inhaltlichen Ausgestaltung all dessen bedient, was bei einem norddeutschen Bundesligisten tatsächlich stattgefunden hat, was hätte man dem armen Zeilenknecht wohl beschieden? „Nehmen Sie weniger Drogen, junger Mann, dann fangen Sie noch mal von vorne an und kommen wieder!“


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Doch sind solche Bedenken kleinkrämerischer Wahrscheinlichkeitsfetischisten der Wirklichkeit natürlich schnuppe, und so hat der Hamburger SV in den letzten Monaten das Unglück angezogen wie sonst in diesem Land allenfalls Edmund Stoiber. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich hat der HSV die Kettenreaktion selbst in Gang gesetzt, als er ohne Not das verscherbelte, was ihn in der letzten Saison mehr als alles andere auszeichnete: seine fest betonierte Abwehr. Doch wie (und wie heftig) sich das Desaster in der Folge entwickelte, wandelte die Gefühle des neutralen Betrachters von Verblüffung hin zu ehrlichem Mitgefühl. Und als am letzten Wochenende ein flatteriger Verzweiflungsschuss des neuen Berliner Brasilianers Mineiro in der letzten Minute der Nachspielzeit natürlich auch irgendwie im Hamburger Tor landete, war auch dem Letzten klar: Das wird nichts mehr. Das Klima stirbt - und mit ihm der Dino.

Derart schlecht geht es dem HSV, dass sich im Moment niemand traut, mit ihm zu schimpfen, weil alle Angst haben, dass er dann umfällt und nicht mehr aufsteht. Gestern erst kam eine Meldung über den Ticker, die Tore der Hamburger Arena seien zu klein. 2,39 Meter hoch statt 2,44 Meter, fehlen satte fünf Zentimeter. Also: So ziemlich jeder Lattenschuss dort hätte eigentlich im Tor landen müssen. Was bei Bochum oder Hannover mit Sicherheit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hätte, darüber ging man im Falle des Hamburger SV fast schamhaft hinweg, nach dem Motto: Denen geht es schon schlecht genug. Er rechne nicht mit Protesten, erklärte etwa DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus. Eine nachvollziehbare Position, schließlich hat in dieser Spielzeit ohnehin nur Bayer Leverkusen einmal gegen den HSV verloren, und das war nicht in Hamburg. Es würde überdies nicht dem Zeitgeist entsprechen, sollte sich herausstellen, die Hamburger hätten aus was auch immer einen Vorteil gezogen. Obwohl es ja immer noch schlimmer geht. Beim FC St. Pauli, dem Lokalrivalen aus der 3. Liga, sind die Tore noch zwei Zentimeter niedriger. Welch ein Trost.




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