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Unterschichtendebatte

"Mein Herz tik tak FOR YOU"

Text: Ayla Kiran und Philipp Köster  Bild: Imago

"Mein Herz tik tak FOR YOU"

Einfach mal ein kleines Licht setzen in den dunklen Zeiten unserer Ellbogengesellschaft: Was gibt es besinnlicheres, als guten Freunden ein paar herzerwärmende Zeilen zum Fest der Liebe zu schicken? Dem wackeren Zeugwart seines Vereins einen stillen Gruß? Dem Trainer ein paar konstruktive Taktikänderungen? Oder dem Idol auf dem Platz ein aufmunterndes Schulterklopfen? Internet sei Dank: Das alles gestaltet sich heute so einfach wie noch nie.

Doch nicht jeder Kiebitz und Stadiongänger fühlt sich didaktisch zu Hause im schnelllebigen Fussballerjetset. Und wie kann man sicherstellen, dass die wohlgemeinte Botschaft auch vom Adressaten gelesen wird? Deshalb zeigen wir Euch exklusiv anhand von ausgewählten Beispielen, wie man mit möglichst wenig Aufwand einen möglichst bleibenden Eindruck hinterlässt.

Option 1: I know a friend who knows a friend who knows...
Nichts ist effektiver, als direkt zu Beginn des Schriftverkehrs eine persönliche Verbindung darzulegen – egal, wie abwegig sie auch sein mag. "Kristof" zum Beispiel ist mit seinem Betrag, den er mit Intimdetails zu Torsten Frings spicken konnte, auf der sicheren Seite:

Hallo Torsten! Ich weiss nicht, ob Du dich noch so genau an mich erinnern kannst. Also wir haben uns damals als Du anfangs in der ersten Mannschaft der Alemannia spieltest bei einem Testspiel beim belgischen Verein RW Eynatten kennengelernt. Danach hat sich ein sehr gutes Verhältnis zwischen uns entwickelt. Hast mir damals, als Du zu Werder wechseltest auch Deine damaligen Glücksbringer bei der Alemannia, 2 Schweissbänder, geschenkt und mir damals ein Trikot des SVW versprochen. Ich will jetzt nicht das Versprechen eingelöst haben, sondern lediglich einmal eine schöne Erinnerung aufbereiten! Gruß, Kristof P.S. Dein alter roter E-Kadett war der absoluter Kracher!


Besonders liebevoll gestaltete sich die Anfrage Dörthe H.s, die mit Tim Borowski Kindheitserinnerungen der besonderen Art teilt:

Hallo Tim! Hier schreibt dir Dörthe aus Neubrandenburg. Ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Ich bin die Tochter von F.H. aus nb. Wir waren damals mit dir und deiner Familie im Skiurlaub. Vielleicht hilft Dir das ein wenig. Bin seit ein paar Jahren grosser Werder fan und du hast mir Dein Trikot geschenkt mit Autogramm. Würd mich gern bei dir persönlich bedanken, wenn das geht.


Dörthe, Du röhrender Schneehase! Vielleicht klappt es ja mal. Als mit allen Wassern gewaschener Gästebuchfuchs präsentiert sich User Timo K. Innerhalb eines Absatzes schafft er es, bei Tim Wiese sämtliche emotionale Register zu ziehen:

Na Tim, schade das Dürscheid heute 6:2 verloren hat ne? Bin der kleine Bruder vom Marco Kellner, keine Ahnung, ob du den kennst. Schreib ma zurück, wäre nett. Mach demnächst Probetraining bei Bayer Leverkusen. Vielleicht spielen wir mal in paar Jährchen gegeneinander.


Ja, nett wäre das, in ein paar Jährchen. Nadine aus Münster hingegen fordert Verballgott Christoph Metzelder zeitnah in den direkten Zweikampf, weiß aber um ihre eigene Unzulänglichkeit: Sie ist nur eine von sechs Milliarden. Bei der Klassensprecherwahl war sie auch immer nur Vierte, also warum sollte es nun klappen? Eben: gar nicht.

Hallo Christoph, frage mich ob Du Deine Einträge überhaupt alle liest, oder übernimmt das nur Dein Web-Team? Habe Dich am Samstag mit Deinem Bruder im Heaven (MS) gesehen. Habe etwas mit "Hoschi" an der Tanzfläche geplaudert, wollte nicht so auf Dich "zugehen", weil ich dachte, dass bestimmt viele Frauen auf Dich reagieren. Hätte gern mit Dir gesprochen oder etwas getrunken.

Option 2: Liebesbekundungen.
Der Klassiker. Doch merke: Wer hier nichts wagt, der nicht gewinnt. Denn in diesem Bereich wurde wirklich schon alles gesagt, um nicht zu sagen: getan. Ein drastisches Bekenntnis dessen findet sich unter anderem im Gästebuch von Tim Borowski:

Hallo Tim, ich heiße Nicole, wohne in Bochum und bin in der 37 Woche schwanger. Unser Sohn wird Tim heißen - rate mal wie wir auf den Namen gekommen sind :-).

Wer vorerst nicht zu derartigen Schritten greifen möchte, der bediene sich eines Dreizeilers im Eigenbau. Kann sich gern reimen, wie Gustav auf Gasthof, was zählt, ist der Gedanke. So zur Vollendung gebracht von LukasFan19W. Voller Symbolismus, als hätte Rimbaud ihre Maus geführt, widmet sie ihrem bilingualen Verbalhelden Podolski folgendes Gedicht:

Hey Lukas!
Ich Liebe YOUR EYES, weil sie sind VERY NICE,
Nur einmal LOOK AT ME, und bitte nicht FORGET ME,
mein Herz tik tak FOR YOU, weil I LOVE YOU!


Und ist der Zug ins ganz große Glück schon abgefahren: Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Terrain sondieren, Interesse bekunden, sich unverbindlich auf der Warteliste eintragen. Borowski-Fan Vivien machts vor:

Hallo Tim, seit der WM find ich dich einfach göttlich und ich wundere mich immernoch, warum du mir nie vorher aufgefallen bist! Ich könnte dich den ganzen Tag anschauen! Ich selber habe am Tag nach dem Eröffnungsspiel geheiratet - fand es aber doch ein wenig traurig als du dann auch geheiratet hast.

Fußball führt auch mehr als Herzen zusammen. Er ist vor allem immer noch wichtig als Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Dieser Bayernfan sorgt sich auf ganz hohem Niveau um den Geburtenrückgang und Generationenvertrag. Dabei ist er eindeutig bereit, sein Scherflein beizutragen... aber was tun, wenn einem die Stimulanzien verwährt werden?

Hallo Olli Kahn, ich kann den Ligerpokal leider nicht verfolgen, weil ich mir Premiere nicht leisten kann. Aber so werden wir keinen Nachwuchs bekommen, wens keiner sehen kann.



Aus Heft #61 12 / 2006


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