Günter Hetzer
Uns Uwes Ehrentag
Text: Philipp Köster Bild: Sascha Dreier

Um das linke Auge hatte der Mann die große blaue Triangel. „Na, wieder versucht, den Klitschkos das Tiramisu wegzufuttern?“, frotzelte Delle. „Von wegen“, knurrte der Sportreporter, „hatte gestern bei der Porsche-Nacht eine Braut vom Vorstand in der Schleuse. Kamen die Jungs aus Zuffenhausen leider gar nicht drauf klar! Aber Ehrensache, hab natürlich als erster zugelangt.“ Delle musste grinsen: „Sieht man, Waldi. Immer mit der Nase auf die Faust!“ Waldi ließ sich nicht beirren: „Jedenfalls hat mich der René vom ZDF rausgehauen. Paffpaff, ordentlich Backenfutter für die Brüder. Sonst hätte ich heute die Schnabeltasse am Hals.“ Wir musterten unseren demolierten Reporter: „Bist du denn einsatzbereit?“, fragte ich besorgt. „Aber klar doch“, gab Waldi unwirsch zurück, „Für Uwes Siebzigsten reicht es allemal. Da ist doch ohnehin nur Seniorentanz mit Butterkuchen angesagt.“ Recht hatte er, letztes Jahr waren wir nichts ahnend bereits um acht Uhr bei Uwe aufgerockt. Klarer taktischer Fehler, ausschließlich Perücken und dritte Zähne, obendrein hatte uns Ilka gleich an der Tür mit ihren gefürchteten Schokokeksen abgepasst: hart wie Kieselsteine. Heribert hatten sie letztes Jahr glatt eine Brücke gesprengt, Arnheim im Unterkiefer, für Bert war der Abend gelaufen gewesen. Sollte uns dieses Jahr nicht passieren, der Ehrenspielführer hatte fest versprochen, auch ein paar Damen aus der HSV-Hostessenabteilung einzuladen und nicht nur die Nerzfraktion aus Frankfurt.
Und in der Tat, nachdem wir Waldi in den Anzug geschüttelt hatten, stießen wir zu den Kollegen vom Deutschen Sex-Fernsehen, die schon seit dem Nachmittag in der Hotelbar löteten. Einen hatte es bereits geschrägt, Mr. Viererkette war nicht mehr zu gebrauchen, Fernet auf Spesen. Mit dem Rest schlugen wir eine halbe Stunde später im Festzelt am Volkspark auf. Was wir dort sahen, bestätigte allerdings schlimmste Befürchtungen. Die DFB-Spitze komplett angetreten, Durchschnittsalter 85. „Geordneter Rückzug in Zweierreihen“, zischte Waldi und wir schoben uns langsam von Stehtisch zu Stehtisch wieder in Richtung Ausgang. Doch zu spät, der Jubilar hatte uns schon entdeckt, war schwerstens gerührt: „Dass ihr gekommen seid! Und gerade rechtzeitig, meine Rede beginnt gleich.“ Wir warfen uns panische Blicke zu. Uwes berüchtigte Endlosschleife, letztes Mal hatte Kaiser Franz einen Schwächeanfall simuliert. Wurde herausgetragen. Alle neidisch, Franz, der Fuchs, dem machte keiner was vor. Während Uwe nun zum Podium drängelte, schlugen wir am Buffet auf. Gleich mal die Pole sichern, hinterher standen die Jungs vom DFB nämlich wieder stundenlang vor der Käseplatte und stierten den Tortenbrie an. Rummelfliege hatte die gleiche Idee gehabt und blockte den Startplatz am großen Topf. „Kalle, alter Nippelzwicker, auch hier?“ Unser Mann aus München gab die Fünf und prustete gleich los: „Jungs, ihr habt das Beste verpasst. Eben haben sie den Uwe im Golfwagen reingefahren. Ausgerechnet Uwe! Der hält das Neuner-Eisen doch immer noch wie ’nen Tennisschläger!“ Wir bückten uns ab, konnten uns schließlich auch noch bestens daran erinnern, wie Uwe beim Charity-Golf vom Kaiser zwei Nester aus der Baumkrone geschossen hatte. Beim Putten, wohlgemerkt! Geschenkt, war schließlich Uwes Ehrentag heute. Wir orderten eine Magnum- Flasche Möt, besser als das Pennerglück, das die Bedienungen ansonsten herumreichten.
Während Uwe vorne wieder das Raum-Zeit-Kontinuum sprengte, mopperte hinter uns eine ganze Kombo extrem schlecht gelaunter Kollegen. „Hinsetzen, man sieht nichts!“ Wir blickten uns indigniert um. „Was ist denn das hier? Die Hansi-Felder-Lounge?“, frotzelte Waldi. Dann erkannten wir die Posse, der HSV-Kader vollständig angetreten. „Na, in Wolfsburg drei Punkte geholt?“, lachte das Urviech. Hätte er mal besser nicht gesagt, die Lizenzspieler gingen sofort drauf. Delle und ich machten den langen Schuh. Waldi hatten sie allerdings gleich im Schwitzkasten. Kein Zweifel, der Kollege war verloren, wir mussten ihn zurücklassen, Eigensicherung ging vor. Armer Waldi! Und kein René vom ZDF weit und breit, der ihn hätte raushauen können.
Aus Heft #61 12 / 2006










