Gladbach in der Stadt
Wir fahren weit, wir fahren viel
Text: paul_linke Bild: Imago

Auf die miese Laune folgte ein ungutes Gefühl, als das Telefon bereits zum dritten Mal an diesem Morgen klingelte. Ein unbekannter Teilnehmer – was nicht viel bedeuten muss – und hartnäckig obendrein. Habe ich womöglich irgendwas oder irgendjemanden vergessen? Geburtstag? Jubiläum? Silberhochzeit? Gibt es am Wochenende einen Grund zum Feiern? Was wird von mir erwartet und was soll ich tun?
Ich drehte mich erstmal zur Seite und beschloss, noch eine kuschelige Stunde darüber nachzudenken. Lautlos. Doch schon vibrierte und summte es wieder. Vielleicht ist was passiert? Ich handelte.
„Ja?“
„Na endlich, dachte du schläfst noch.“
„Ja.“
„Nee, mein Lieber, nicht heute.“
„Was ist?“
„Weißt du das nicht? Heute vor 35 Jahren?“
Oh Mann, das Achtelfinale im Europapokal der Landesmeister am 20. Oktober 1971. Wie konnte ich das nur vergessen? Borussia Mönchengladbach, die echten Fohlen, mit Netzer, Heynckes, Bonhof und Vogts gegen Beton-Facchetti und Inter Mailand. 7:1 gewonnen. Zweimal Heynckes, zweimal Netzer, zweimal Le Fevre und zum Schluss der Elfer von Klaus-Dieter Sieloff.
„Wurde das Spiel nicht annulliert?“
„Darum geht es nicht.“
Eine echt bittere Sache: In der 29. Spielminute wurde der Inter-Spieler Boninsegna von einer Cola-Dose am Kopf getroffen. Zu Boden sank er allerdings, als hätte ihn eine ganze Abfüllanlage getroffen, und dann wurde er angeblich auch noch bewusstlos – für fünfzehn Minuten. Ein junger Gabelstaplerfahrer wurde des bösen Büchsenwurfs verdächtigt und spektakulär über das Spielfeld abgeführt. Später vor Gericht wurde er aber freigesprochen. Zwar sagten einige Zeugen, die Dose sei aus dem Inter-Block abgefeuert worden. Die UEFA annullierte das Spiel dennoch. Das Rückspiel in Mailand ging mit 2:4 verloren. Das später wiederholte Heimspiel endete 0:0 - in der Addition war Gladbach ausgeschieden.
„Und worum geht es dann?“
„Wir bekommen eine Kneipe in Kreuzberg.“
„Ist das so.“
Eigentlich ist diese Meldung, dieses epochale Ereignis, ein wenig verfrüht. Noch ist nämlich alles Baustelle, noch gibt es Diebels nur in Flaschen. Erst nach der Winterpause wird der Laden ausgebaut, in dem man Gladbach-Spiele live und über die volle Distanz sehen kann. Eine echte Marktlücke.
„Und da willst du hin.“
„Erst nach dem Spiel.“
„Welchem Spiel?“
Da war es wieder, das ungute Gefühl. Samstag um halb vier ist es wieder so weit. Gladbach ist zu Besuch in der Stadt. Und ich kann es schon hören: „Wir fahren weit, wir fahren viel - und wir verlieren jedes Spiel“. Na ja, letztes Jahr haben sie immerhin 2:0 geführt. Ich muss also wieder ins geliebte Olympiastadion. Das wollte mir einer morgens unbedingt mitteilen.









