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Christoph Schickhardt

Text: Robert Mucha  Bild: Imago

Christoph Schickhardt

Christoph Schickhardt ist der gefragteste Jurist im deutschen Fußballgeschäft. Gut die Hälfte aller Profivereine sowie viele Spieler und Trainer vertrauen auf die Dienste des Anwalts aus Ludwigsburg. Ein Gespräch über Lizenzierungsdramen, den Fall Hoyzer und die Strahlkraft des Fußballs.

Schon der Verlauf des Gesprächstermins mit Christoph Schickhardt sagt einiges über den Arbeitsalltag des „Fußballanwaltes“ aus. Der 50-jährige Schwabe kommt ins Besprechungszimmer, dreht sich in der Tür noch einmal um die eigene Achse und ruft seiner Chefsekretärin Kathrin Reinl zu: „Wenn der Wolfgang Wolf anruft, bitte durchstellen!“ Schnell haben wir begriffen, dass der kurz zuvor in Nürnberg entlassene Trainer Wolf in eben jenen Minuten offenbar einen neuen Arbeitgeber gefunden hat. Das ist Fußball-Business live. Dann tritt Schickhardt an den Tisch. Über drei Monate haben wir auf diesen Termin warten müssen.



Christoph Schickhardt: Beinahe hätte ich wieder absagen müssen, das ist mir richtig peinlich. Aber noch nie hatten so viele meiner guten Bekannten und Klienten Probleme wie in den vergangenen vier Monaten. Jetzt ziehen wir das Interview aber durch.

11 Freunde: Gerne.

Schickhardt: Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich zwischendurch mal zum Telefonieren raus muss. Der Wolfgang Wolf…

11 Freunde: Kein Problem. In Zeiten wie diesen unterstützen wir Arbeit vermittelnde Tätigkeiten gerne.

Schickhardt: Das ist nett.

11 Freunde: Wissen Sie am Samstag meist schon während der Premiere-Konferenz, was danach auf Sie zukommt?

Schickhardt: Ich schaue in der Regel samstags gar kein Premiere. Eigentlich ist das meine ruhigste Zeit, wo ich gerne mal spazieren oder schwimmen gehe, weil mich während der Spiele ausnahmsweise niemand anruft. Wenn etwas Besonderes passiert ist, melden sich die Trainer oder Manager ohnehin spätestens um halb sechs.

11 Freunde: Was muss geschehen, damit „etwas Besonderes passiert“?

Schickhardt: Rote Karten sind das Tagesgeschäft. Und natürlich von der Kamera aufgezeichnete, nicht geahndete Tätlichkeiten. Trainer und Manager brauchen dann eine schnelle und konzeptionelle Beratung mit einigen wenigen Worten, schon bevor sie solche umstrittenen Situationen für die Medien kommentieren müssen. Trainerentlassungen sind eine schwere Last. Vor allem in den letzten Monaten hat mir das eine Menge Arbeit beschert, da einige meiner Mandanten und Freunde in Schwierigkeiten geraten sind. Diese intensiven Zeiten sind geprägt von vielen Kontakten, Telefonaten und einigem Zittern.

11 Freunde: Hoffen Sie eigentlich auf Arbeitsgerichtsprozesse?

Schickhardt: Für einen guten Anwalt und Berater ist jeder Prozess eine Niederlage.

11 Freunde: Wann sind Sie eigentlich von der soliden Juristerei ins Fußballgeschäft geraten?

Schickhardt: Das war vor über 20 Jahren. Wolfgang Wolf beispielsweise betreue ich seit 1985. Ihm habe ich schon als Spieler geholfen und später bei seinen Vertragsangelegenheiten als Trainer.

11 Freunde: Ab wann hatten Sie den Titel eines Fußballanwaltes sicher?

Schickhardt: Das ist ja eigentlich ein falscher Begriff. Was wir können müssen, ist keine juristische Hexerei. Wenn es etwa um Rote Karten geht, müssen wir uns gerade mal auf zwei Seiten in der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB auskennen. Es geht bei meinem Job auch darum, ein gutes Gespür für die Besonderheiten des Fußballs zu entwickeln. Wenn am Wochenende zehn Millionen Menschen eine Rote Karte zum vierzigsten Mal im Fernsehen sehen und ganz Deutschland das diskutiert, dann spielt es auch eine Rolle, wenn überall eine harte Strafe und drakonische Maßnahmen gefordert werden. Wer im Fußball nur Normen anwenden will, der wird scheitern.

11 Freunde: Sehen Sie denn mehr als der Stammtisch oder der Sportreporter?

Schickhardt: Wir sehen auch nur die Bilder, die jeder sieht. Wir ziehen aber aufgrund unseres Erfahrungsschatzes die richtigen Schlüsse daraus. Es ist gerade im schnelllebigen Profisport wichtig, dass die Verhandlungen schnell und unkompliziert verlaufen. Das Sportgericht und der Kontrollausschuss wissen sehr gut, wie weit sie gehen können. Ich weiß sehr gut, wie weit ich gehen kann. Dadurch sparen wir Zeit, das meiste wird in einem Telefonat oder kurzen Schriftsätzen geregelt.

11 Freunde: Was unterscheidet den Fußball von anderen Lebensbereichen?

Schickhardt: Dass alles viel schneller gehen muss, weil der nächste Spieltag bevorsteht. Bei 90 Prozent der Roten Karten liegt am Montagabend das rechtskräftige Urteil vor. Nur bei grundsätzlichen Streitigkeiten und besonders wichtigen Fällen geht man durch die Instanzen.

Frau Reinl kommt zur Tür herein und legt diskret zwei Faxe auf den Tisch. Ist Wolfgang Wolfs Zukunft gesichert?

Schickhardt: Wir müssen mal geschwind unterbrechen.

11 Freunde: Ja, bringen Sie den Herrn Wolf mal wieder in Lohn und Brot.

Schickhardt: Das kriegen wir hin.

11 Freunde: Früher kannte man ja nur den DFB-Ankläger Kindermann, wenn es um harte Strafen ging. Wieso konnten dann auch Sie auf der Gegenseite Berühmtheit erlangen?

Schickhardt: Weil der Sport immer mehr ins Rampenlicht drängt. Mancher Verhandlung vor dem Sportgericht wohnen mehr Journalisten bei als der Bundespressekonferenz in Berlin. Der Fußball ist außerdem immer kommerzieller und jede Kleinigkeit dadurch wirtschaftlich und auch rechtlich bedeutsamer geworden.

11 Freunde: Für Sportrechtler muss das vergangene Jahr ein gutes gewesen sein, selten stand der Berufsstand so im Mittelpunkt. War der Fall Hoyzer für Sie ein berufliches Highlight?

Schickhardt: Highlight klingt mir zu positiv. Ich hätte liebend gerne auf diese Ganoven verzichtet. Mir hat das Ganze nicht ansatzweise Spaß gemacht.

11 Freunde: Wie waren Sie involviert?

Schickhardt: Ich habe Vereine beraten, die an manipulierten Spielen beteiligt waren. Der interessante Aspekt war, dass die Sportgerichtsbarkeit nicht darauf vorbereitet war, dass ein Schiedsrichter absichtlich Spiele manipuliert. Es galt zunächst mal, die Geschehnisse rechtlich korrekt einzuordnen.

11 Freunde: Ist das gelungen?

Schickhardt: Der deutsche Fußball und der DFB hatten das unglaubliche Glück, dass keines der verschobenen Spiele Auswirkungen auf Auf- oder Abstieg hatte. Wären beispielsweise Ahlen oder der KSC ab- oder Duisburg nicht aufgestiegen, dann hätte das eine Prozesslawine nach sich gezogen. Wenn da einer Mannschaft der Punkt gefehlt hätte, dann wäre was auf den Fußball zugekommen.

11 Freunde: Ihnen sind aber lukrative Prozesse entgangen.

Schickhardt: Das muss man anders sehen, mir geht es nur um meine Mandanten. Deshalb habe ich natürlich aufgeatmet, dass etwa der KSC aus eigener Kraft den Klassenerhalt geschafft hat. Gerade bei dessen Spiel gegen Duisburg war die Sachlage offensichtlich. Sapina, Hoyzer und Marks begingen dabei meiner Meinung nach bandenmäßigen Betrug. Sapina hatte 1,1 Millionen Euro gewonnen. Um eine Annullierung dieses Spiels hätten wir wie die Löwen gekämpft, wenn der KSC abgestiegen wäre. Das gilt auch für die anderen Vereine, deren Existenzen von diesen Betrügern im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel gesetzt wurden.

11 Freunde: Hat der Fall Hoyzer den Fußball verändert?

Schickhardt: Der ganze Skandal hat uns in eine andere Welt katapultiert.Kriminelle, Zocker, Spielhöllen, Geldübergaben im Wald – das hatte sich doch bis dahin im Fußball niemand vorstellen können. Viele haben den Hoyzer trotz der Faktenlage ja immer als lieben Menschen wahrgenommen. Das musste einigen erst mal klar werden, dass es eben das Talent von Betrügern ist, ganz anders zu wirken.

11 Freunde: Sind aus dem Skandal die richtigen Lehren gezogen worden?

Schickhardt: Zunächst einmal hat die Sportgerichtsbarkeit des DFB in einer schwierigen Situation Zuverlässigkeit und Konsequenz bewiesen. Sie hat schnell reagiert, angemessen und streitbar. Grundsätzlich plädiere ich aber dafür, dass Spiele grundsätzlich wiederholt werden müssen, wenn im Nachhinein ein Betrugsversuch festgestellt wird. Mit der neuen Regelung, wonach ein Spiel nur wiederholt wird, wenn die Manipulation den Spielausgang beeinflusst hat, bin ich nicht glücklich. Ich halte das für eine falsche Weichenstellung.

11 Freunde: Was reizt Sie an der juristischen Auseinandersetzung mit dem Fußball?

Schickhardt: Der Fußball hat eine ungeheure Ausstrahlung und genießt große Beachtung in der Öffentlichkeit. Viele, die damit mal zu tun haben, kommen davon nicht mehr los. Das ist bei vielen Fußballern so, die es nicht schaffen, nach der Karriere wieder einem normal dotierten 3000-Euro-Job nachzugehen. Das ist aber auch bei mir so. Ich verdiene mehr Geld, als wenn ich „normale“ Fälle bearbeiten würde. Und es ist natürlich viel interessanter, den FC Bayern zu vertreten, als sich mit Baumängeln herumschlagen zu müssen. Es ist auch die Wirkung, die man hat. Es interessieren sich ungemein viele Menschen dafür, wenn ich einen Fußballprozess begleite. Man kann nicht leugnen, dass man davon fasziniert ist.

11 Freunde: Was machen Sie eigentlich, wenn zwei Ihrer Mandanten streiten?

Schickhardt: Dann halte ich mich raus.

11 Freunde: Was halten Sie von „Rechthilfemitteln“ wie dem Chip im Ball?

Schickhardt: Grundsätzlich bin ich für alles, was uns die Arbeit erleichtert. Aber es muss auch Fehler geben, damit das Spiel nicht steril wird.

11 Freunde: Waren die Verfahren gegen Lizenzentzüge Ihre bedeutendsten Fälle?

Schickhardt: Sicher. Das waren auch meine größten Erfolge. Hertha BSC 1991, Wolfsburg 1993, Eintracht Frankfurt 2002. Die Lizenzen waren schon weg, und wenn wir die Rettung nicht geschafft hätten, wären die Vereine heute sicher nicht in der Bundesliga etabliert. Auch der Kampf um die sportliche und wirtschaftliche Existenz des 1. FC Kaiserslautern war ein besonderes Erlebnis. Wichtig ist, dass die Klubs aus einer solchen Beinahe-Katastrophe die richtigen Lehren ziehen.

11 Freunde: Waren die Lizenzierungsverfahren die Fälle, die am meisten an den Nerven gezehrt haben?

Schickhardt: Ja, absolut. So ein Kampf spielt sich meist in zehn intensiven Tagen ab. Dazu kommt, dass meist die gesamte Führungsriege des Vereins vor Schock erstarrt ist. Da kommt mir als Anwalt die Rolle zu, mit breiter Brust voranzugehen und den Laden am Laufen zu halten. Da muss jeder mitarbeiten. Dazu bedarf es auch der Unterstützung der Medien, insbesondere der örtlichen Presse.

11 Freunde: Wie meinen Sie das?

Schickhardt: Nehmen wir als Beispiel den Fall Eintracht Frankfurt vor drei Jahren. Dort wäre ohne die Unterstützung der Frankfurter Presse vermutlich alles zusammengebrochen. Der Verein, die Fans, die Spieler, die Trainer, alle brauchten ein bisschen Hoffnung. Da ging es darum, die guten Aussichten für das Schiedsgerichtsverfahren ins Umfeld zu transportieren.

11 Freunde: Sie brauchen also manipulierbare Journalisten, die öffentlichen Druck zugunsten Ihrer Sache aufbauen?

Schickhardt: Nein, diese Fragestellung ist völlig neben der Sache. Man braucht in solch einer Situation Medien, die bereit sind, eine schwierige juristische Angelegenheit transparent zu machen und für die Öffentlichkeit verständlich darzustellen.

11 Freunde: Beeinflussen Sie damit das Gericht?

Schickhardt: Nein, aber wir haben mit Hilfe der Medien vier Wochen die Hoffnung wach gehalten. Das war die Grundlage dafür, dass der Klub in dieser Zeit intakt blieb.

11 Freunde: Fans anderer Vereine waren aber sauer und haben Sie dafür verantwortlich gemacht, dass statt Ihres Mandanten ein anderer, seriös wirtschaftender Verein abgestiegen ist.

Schickhardt: Das ist falsch gedacht. Ich habe den Vereinen nur zu ihrem Recht verholfen. Die hatten einen Anspruch darauf, drin zu bleiben.Entschieden haben die Gerichte, und zwar nach Recht und Gesetz. Aber ich habe auch nicht nur gewonnen. Das zeigt, dass es auch wirklich berechtigte Lizenzentzüge gab. Offenbach und Dresden konnte ich nicht helfen.



Aus Heft #52 03 / 2006




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