Nicht ganz der Vater
Text: Philipp Köster Bild: Imago
Diese Geschichte von Jens Rehhagel wird gerne erzählt. Wie er in
einem Amateurspiel des Platzes verwiesen wurde, kein großes
Ding eigentlich, und wie der Schiedsrichter Rehhagel hinterher
brüllte: „Und richten Sie ihrem Vater einen schönen Gruß von
mir aus.“ Der Fluch des prominenten Vaters Otto, allgegenwärtig
auch auf einem unterklassigen Sportplatz.
Im deutschen Profifußball gibt es gerade einmal eine Handvoll
Fußballfamilien. Die Toppmöllers, die Beckenbauers, die Hallers,
die Sammers, die Dörfels, die Cullmanns, die Seelers. Und wie im
Falle des Filius von Otto Rehhagel gelingt den Söhnen nur selten
der Sprung aus dem langen Schatten der Väter. Was wenig damit
zu tun hat, wie gut die Söhne tatsächlich mit dem Ball umgehen
können, hingegen viel mit den Sehnsüchten des Publikums.
Denn die Erwartungen der Fußballvolkes steigen proportional: Je
berühmter der Vater, desto talentierter zwangsläufig auch der
Sohn. Ein merkwürdiger Mechanismus, den in Deutschland
beispielsweise Stefan Beckenbauer, der Sohn des wohl besten
deutschen Fußballers aller Zeiten, zu spüren bekommen hat.
Früh hatte der Filius aus der ersten Beckenbauer-Ehe mit Brigitte
Wittmann fußballerisches Talent bewiesen, als einziges der
zahlreichen Beckenbauer-Kinder kam es überhaupt für den
Profifußball in Frage. Plangemäß war Stefan dann auch 1988 mit
achtzehn Jahren in den Profikader des FC Bayern aufgerückt. Es
schien alles gerichtet, für eine große Karriere für das medial
gefeierte „Riesentalent“, die mindestens so glanzvoll verlaufen
sollte wie die von Kaiser Franz. Eine glitzernde, faszinierende
Konstruktion mit kleinen Schönheitsfehlern: Denn der Sohn
kickte zwar ebenfalls in der Abwehr, dachte aber gar nicht
daran, wie einst sein Vater den leichtfüßigen Dirigenten zu
geben. Und Stefans Talent war zwar durchaus respektabel,
jedoch weit entfernt von der genialischen Interpretation des
freien Mannes durch den Vater. Vom Willen zur Führung mal
ganz abgesehen. Nach zwei Jahren war Stefan Beckenbauer bei
den Bayern gescheitert und wechselte zum Lokalrivalen TSV
1860, sein bitterer Kommentar: „Ich konnte meinen Vater nicht
mehr sehen!“ Es folgten Tingeljahre in der Provinz, sein größter
Erfolg: Ein 18. Platz mit dem 1.FC Saarbrücken in der
Bundesliga-Saison 1992/93. Seither gilt Beckenbauer als
Inbegriff des gescheiterten Sohnes, ganz so, als habe der
Juniorchef binnen Jahresfrist die florierende Firma des Vaters
ruiniert. Eine hypothetische Frage, wie Stefan Beckenbauer heute
wohl beurteilt würde, stünde sein Nachname noch nicht als
Welt- und Europameister in den Annalen.
Eine Frage, die sich auch andere prominente Sprößlinge stellen
könnten. Jürgen Haller, der Sohn des Augsburgers Helmut
Hallers, dem sein Vater zum fünften Geburtstag den Ball aus
dem WM-Endspiel 1966 im Wembley schenkte und der sich
später für eine Saison bei kurzzeitigen Erstligisten Blau Weiß 90
Berlin versuchte, ohne allerdings sonderlich aufzufallen. Oder
Carsten Cullmann, Sohn der Kölner Ikone Bernd Cullmann, der
beim 1.FC Köln seit Jahren unaufällig den Kader komplettiert. Als
Spieler durchschnittlich, als Söhne in den Augen der
Öffentlichkeit dennoch eine Enttäuschung. Weil sie eben keine
exakten Wiedergänger ihrer berühmten Vorfahren waren.
Vielleicht noch mehr als die übergroße Erwartungshaltung
beschwert ein ständig mitschwingender Generalverdacht das
Leben der Fußballersöhne. Denn das misstrauische Publikum
wittert bei Misserfolg schnell unsportliche Familienbande. Dass
berühmte und damit einflussreiche Vater die Karrieren der Söhne
aktiv befördern, wird auf den Rängen schnell gemutmaßt, die
tatsächliche Einflussnahme bleibt Spekulation. Nur selten wird
mit der familiären Unterstützung so offensiv umgegangen wie
im Falle der Familie Toppmöller. Als offenes Geheimnis gilt, dass
Vater Klaus den Wechsel von Sohn Dino zum VfL Bochum im
Jahre 1993 durch Fürsprache bei Bochums Präsident Altegoer
forcierte, nachdem er den Sohnemann bereits zuvor beim 1.FC
Saarbrücken trainiert hatte. Und auch sonst gab Vater
Toppmöller gerne die Drückerkolonne für den Nachwuchs: „Dino
hat alles drin im Kopf“, wurde er nicht müde, zu verkünden,
„aber jetzt muss es mal raus.“ Dino gibt das Lob brav zurück, er
sei „stolz, Toppmöller zu heißen“ und er wolle „später nicht
sagen müssen, ich konnte Vater nie das Wasser reichen.“
Mehr dazu, zu den Maldinis und ein großes Interview mit Du-Ri
Cha in Ausgabe # 34!
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