Auf dem 11mm-Festival:
The Damned United
Text: Ulrich von Berg Bild: Imago
Berlin ist seit dem vergangenen Wochenende wieder Schauplatz der famosen 11mm-Filmfestivalreihe, sehnlich erwartet wird die Aufführung von »The Damned United«. Autor Ulrich von Berg hat dem Film bereits ein Denkmal gesetzt.
Eine raffiniert montierte Collage grobkörniger TV-Bilder in ausgelaugten Farben setzt den historischen Rahmen, führt zurück in die späten sechziger und frühen siebziger Jahre, eine Zeit, in der in der ersten Liga Englands noch fairere Wettbewerbsbedingungen herrschten. Immerhin elf verschiedene Klubs errangen in diesen beiden Jahrzehnten die Meisterschaft: Die Spielfelder tief zerfurchte Schlammlandschaften; Trikots und Frisuren, die eigentlich schon damals die Geschmackspolizei auf den Plan hätten rufen müssen; Fouls und Tätlichkeiten, bei denen weniger die Brutalität als die Plumpheit verblüfft; in den Reihen der Akteure kein einziges nicht weißes Gesicht. Football made in England. Ein derber Sport aus einem derben Land. Die Umwandlung des Spiels in aseptische Familienunterhaltung, das schleichende Gift der Disneyifizierung waren noch in weiter Ferne.
Und grob gestrickt waren auch die Männer, die am Rand des Spielfeldes den Ton angaben. Einem von ihnen setzt Regisseur Tom Hooper mit »The Damned United« ein Denkmal. Dass Brian Clough ein Denkmal verdient hat, steht außer Frage, und tatsächlich gibt es in Nottingham eine Statue von ihm. Außergewöhnlich ist, dass es ihm auch in Form eines Romans von David Peace errichtet wurde, dessen Verfilmung nun in den Kinos läuft. Verfilmen heißt nachinszenieren, so tun als ob. Da wird es mehr als heikel, wenn es um großen Fußball geht, um Spiele, an die man sich noch erinnern kann, um Tore, die man noch vor Augen hat. Wie in allen besseren Fußballfilmen gibt es in »The Damned United« nur relativ wenige Momente, in denen tatsächlich Fußball gespielt wird. Trotzdem geht es nur um Fußball, mit einer Selbstbeschränkung, die beeindruckt: Auf alle Ausschmückungen des eigentlichen Themas, die eventuell dazu getaugt hätten, zusätzliche Publikumssegmente anzusprechen, wird verzichtet. Also keine tieferen Einblicke ins Privatleben der Figuren, keine an den Haaren herbeigezogene Lovestory am Rande, auch kein als Sozialkritik intendiertes Sittenbild des seinerzeit politisch und sozial aus den Fugen geratenen UK.
Keine Lovestory, keine Sozialkritik
Ganz am Ende von John Fords Western »Der Mann, der Liberty Valance erschoss« wirft der alte Zeitungsmann, nachdem er endlich den wahren Grund für den steilen Aufstieg eines Politikers erfahren hat, seine Notizen ins Feuer und sagt trotzig: »Wenn die Wahrheit über eine Legende herauskommt, drucken wir trotzdem die Legende.« Das gilt nicht nur für den alten Westen. Auch in der Fußballgeschichte wuchern sie. Legenden, die nicht sterben wollen, sich ihrer Enthüllung widersetzen, nicht zuletzt, weil die Gegenwart kaum noch welche bereithält. »The Damned United« versucht zum Glück nicht, die Wahrheit hinter der Legende ans Licht zu zerren und seinem Protagonisten die Maske vom Gesicht zu reißen. Der Film wartet auch nicht mit neuen Erkenntnissen auf, alles, was gezeigt und gesagt wird, konnte, wer wollte, schon seit Jahrzehnten wissen. »The Damned United« will noch einmal erzählen, wie es war – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Abgesehen vom narrativen Kniff, geschickt zwischen zwei Zeitebenen zu wechseln, ist er daher ein angenehm altmodischer Film.
Ergänzung zu Heft#97 12/2009
Gelbfieber – 100 Jahre Borussia Dortmund








