Das Nuller-Heft

11FREUNDE-Spezial: 00er

Das waren die Nuller Jahre

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
03.02.2009

Hoffenheims neues Vereinslied

Wir sind Hoffe!

Text: Max-Jacob Ost  Bild: Imago

Der Akademiker-Fanclub Hoffenheim nennt das Machwerk ein Beispiel für »modernen Eklektizismus«, wir nennen es schlichtweg »die verzweifelte Suche nach dem Ich«. Eine Analyse des neuen Hoffenheimer Vereinsliedes.

Hoffenheims neues Vereinslied - Wir sind Hoffe!


Jetzt ist es soweit, auch die TSG 1899 Hoffenheim hat ein Vereinslied. Direkt nach dem Badener-Lied dröhnt es seit der Rückrunde vor Spielbeginn durch die nigelnagelneue Arena. Beim Akademiker-Fanclub Hoffenheim stößt der Song von den »Rhein-Neckar Helden« auf Zustimmung. Aber als aufklärerischer Leuchtturm im Dunkel der Fußballkultur können wir die »Rezension« der Akademiker Hoffenheims nicht ohne eigenes Urteil stehen lassen. Selbst wenn wir damit alle beide verärgern.

Liebe Zuschauer im Telekolleg, schauen wir uns den Text doch einmal genauer an:

Hoffe, Hoffe! Wir sind Hoffe!
1899 Hoffenheim.
Wir kämpfen, siegen, geben niemals auf,
super Hoffe TSG!

Hoffe, Hoffe! Wir sind Hoffe!
In den Farben Blau und Weiß
1899 Superhoffenheim
Nur damit es jeder weiß!


Schon der Beginn des Refrains verweist deutlich auf die Herkunft der Hoffenheimer - sinngemäß das Nichts. Diese Unzulänglichkeit macht eine selbstbewusste Vorstellung notwendig. Als Trichter der Homogenität für ein heterogenes Gebilde wie die Fangemeinschaft der TSG dient dabei der einheitsbildende Neologismus »Hoffe«. In seinem neckischen Klang eindeutig an den großen Wortschöpfer unserer Zeit, Ailton, angelehnt (»Schieße Tore viel, hoffe, hoffe Meisterschaft für das Werder!«).

Die Intention des Refrains fasst im Übrigen der letzte Vers treffend zusammen: Es geht um eine Art Täterprofil, eine Beschreibung dieser unbekannten Truppe mit den vielen Namen (»Hoffe«, »1899«, »TSG«, »Hoffenheim«, »Superhoffenheim«, »Traditionsverein«), kurz: Es geht um den Ausgang des Fußballfans aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, um Aufklärung. Wenn Anhänger anderer Vereine jemanden sehen, der blauweiß ist, kämpft, siegt, trotzdem (sic!) niemals aufgibt und Geräusche wie die Lokomotive Emma aus der Augsburger Puppenkiste von sich gibt (»Hoffe, Hoffe, Hoffe…«), dann handelt es sich um dieses unbekannte Völkchen der Hoffenheimer. »Nur damit es jeder weiß!«

Viel mehr als diese Erkenntnisse ist im Subtext nicht zu finden (Achtung: Entgegen weit verbreiteter Annahmen ist mit »Subtext« nicht das Kleingedruckte am unteren Ende des Textblattes gemeint!).

Bezug zur Geburtssituation des Säuglings

Auch die spärlich eingestreuten Verse dienen vor allem der Identitätsstiftung:

Unser Stolz, unsere Heimat, unsere Liebe Hoffenheim,
der Kraichgau tobt und wir sind mittendrin, und stimmen alle ein:


[…]


In der Rhein-Neckar-Arena sind wir daheim,
mit den besten Fans im Rücken, da heizen wir euch ein.


In unreinen Paarreimen wendet sich der Text an »Hoffe«-Anhänger und andere Fußballfans gleichermaßen. Unterstützt wird dieser appellative Charakter durch die durchaus ungewöhnliche Kombination von Jamben, getragenen Hebungen (Rhaainn-Näckaaarr-Areeennaaaa) und allem, was sich weit entfernt von Alexandriner und Hexameter aufhält. Die dadurch entstehende Unruhe im Versmaß unterstreicht die Botschaft eines »tobenden« Kraichgaus und dem »Einheizen« des Gegners.

Interessant ist an den Strophen vor allem zweierlei: Zum Einen der nach Freud deutlich zu erkennende Bezug zur Geburtssituation des Säuglings (»der Kraichgau tobt und wir sind mittendrin«), was Unschuld suggeriert und die Geschichte von »Hoffe«, dem lustigen Heim aus der Puppenkiste, an ihren Beginn zurückversetzt. Tradition verblasst davor, reduziert auf die technokratische Zahlenkombination Achtzehn-Neunundneunzig. Zum Anderen verändert sich die Appellstruktur nachhaltig im letzten Vers, der gegnerische Mannschaften und Fans direkt anspricht. »Da heizen wir euch ein« wird so zur unverhohlenen Drohung, in ihrer Schärfe lediglich abgefangen durch das Mantra-artige Wiederholen des selbstreferentiellen Refrains.

Ein Stück deutsches Liedgut, gefangen in der Ambivalenz eines Anspruchs auf Einzigartigkeit, der durch Wiederholungen und Verwechselbarkeit mit jedem anderen Vereinslied scheitern muss. Doch: »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.« Wir danken für die Aufmerksamkeit.




---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: 1899 Hoffenheim






Kommentare

  • User
  • 03.02.2009 02:24:59 kalleschwensen

    so, nu tun wir unsere deutsch-lk wissens-fragmente ganz schnell wieder in den schrank, ok?
    was war das hier?
    lustig wars nicht. geistreich wars nicht. richtige kritik wars auch nicht. plattes hoffe-bashing? noch am ehesten.
    wieder ma sehr einfach. dabei könnte man so einfach in die fanlieder-jukebox JEDES vereins greifen und diese grausigen machwerke auseinander pflücken...

  • User
  • 03.02.2009 09:07:02 teah1900

    Sehr schöner Artikel. Hat Spaß gemacht zu lesen... Weiter so.

  • User
  • 03.02.2009 15:27:39 inselimfluss

    solange das Bashing auf solch literarisch hohem Niveau stattfindet bin ich gerne dabei + dafür.
    Und: die Fanlieder anderer Vereine sind ja auch schon alle auseinandergenommen worden, jetzt ist halt Hoffe dran, vorher gings ja auch nicht mangels Masse...
    Von daher:gleiches Recht für alle...

  • User
  • 03.02.2009 19:15:27 UrmelAusmEis

    Nun, es tut weh - sehr weh! - das zuzugeben, aber der zweitbeliebteste Verein meiner Stadt hat gezeigt, dass man mit etwas Phantasie auch einen recht erträglichen Fansong aus dem Zylinder zaubern kann. Mann muss halt die Gelben Seiten lesen und jemanden fragen, der sich mit sowas auskennt. Und damit meine ich nicht diese Herrschaften. Und den oder das hier schon gar nicht. Sondern diesen Wortsportler.

    Grundsätzlich gäbe es ja sogar eine ganze Menge annehmbarer Fußballlieder, das Prolem ist nur: Gute Musiker haben es nicht nötig, ihre Ideen für die Merchendisingkasse eines Fußballunternehmens herzugeben. Die Guten machen ihr eigenes Ding, schreiben ihre Songs, spielen ihre Songs selber und verdienen mit ihren Songs ihr eigenens Geld. Somit werden die guten Songs schon aus Prinzip nie die offiziellen Fansongs, die durchs Stadion hoch- und runterdüdeln.

    Will ein Verein etwas vom Kuchen abhaben, muss er es ebenfalls selber machen. Und da geht das Drama dann los, weil nur Zutaten zusammengequirlt werden, die wenig kosten und/oder angebliche Massengeschmackstauglichkeit versprechen. Als da wären:

    - ein unbekannter junger oder ein abgehalfterter alter Musiker
    - ein Diskofoxrhythmus aus der Hammond-Orgel
    - ein "Dichter", dessen poetisches Idol Dieter Bohlen heißt
    - ein Text, der zwingend all jene Worte beinhaltet, die die Fans üblicherweise in ihren Schlachtrufen unterbringen (soll ja schließlich ein Fansong werden). Folglich geht ohne "super", "treu", "olé" und "siegen" schonmal gar nix.
    - Um die CD vollzukriegen, werden anschließend noch ein paar aktuelle populärmusikalische Tiefpunkte aus den Bravo-Charts auf den eigenen Verein umgedichtet, bis die Hammondorgel qualmt.

    All das wird dann im Tonklonstudio so lange gedreht und gemixt, bis es genau so klingt wie die Fansongs aller anderen Vereine, und um möglichst zahlreich auf dem Gabentisch zu landen, läuft der Müll dreimal pro Spiel über die Stadionbeschallungsanlage. (Kleiner trost: Damit ersetzt er immerhin den in der Regel genauso schlechten Fansong vom vorletzten Weihnachtsfest).

    Und dann, kalleschwensen, soll ein "Magazin für Fußball-Kultur" das nicht auseinandernehmen dürfen???


    Übrigens: da alle Vereine die selben Bravo Charts lesen, hat all dies zur Folge, dass, während in München die Liedzeile "einen Stern, der deine Farben trägt, weißblau TSV, den schenk ich Dir heut nacht" aus diversen Anlagen dudelt, 150 Kilometer westnordwestlich ein ziemlich ähnlicher Stern weißrot trägt und auch nicht besser klingt (dafür aber fast exakt genauso wie der grünweiße oder der blauweiße oder der schwarzgelbe oder all die anderen Standsterne der Liga.
    Ach ja, und wenn der eigene Verein dieses Jahr unglücklicherweise mal keine tontragende Weihnachtsbaumunterlegscheibe produziert hat, kann man sich immerhin noch mit dem offiziellen DFB-Fansong "Ein Stern, der über Deutschland steht" trösten...

  • User
  • 03.02.2009 22:56:14 Tornado51

    Solange die Fankurven ihrer eigenen Phantasie durch endlos Werbung und Konservenhits von Hermes House Band beraubt werden, braucht man sich nicht wundern, wenn jeder Verein dazu auch noch eine mehr oder weniger einfallslose Vereinshymne in Auftrag gibt.
    Aber ist es nicht weniger einfallslos, wenn in 95 % der Dorfsportplätze und Profiarenen nur noch "You´ll never walk alone " abgespielt wird? Das hängt einem doch auch schon längst zum Hals heraus.
    Dazu hat eben auch nicht jeder Club das Glück, die "Höhner" oder Herbert Grönemeyer in seinen Stadtgrenzen und damit im Auftaktprogramm zu haben.
    Und weil das eben mal so ist, bleibt nur eins: Selbst mal auf die Schnelle was komponieren oder weiter leiden!

  • User
  • 04.02.2009 02:07:27 flying_lama

    selten soviel scheisse gelesen.
    dämliche hetze. ein paar wichtige begriffe aus dem fremdwörterbuch und auf freud verwiesen und schon gibts ne prima stilistische note.
    wenn man aber die ganzen aussagelosen worthülsen wegschreddert könnte man den artikel auf zwei zeilen kürzen.

    danke das sie mir 4 minuten meiner zeit gestohlen haben lieber autor

  • User
  • 04.02.2009 08:26:59 UrmelAusmEis

    Auch wenn Du als Tornado naturgegeben von der schnellen Truppe bist:

    "Selbst mal auf die Schnelle was komponieren oder weiter leiden!"
    Nix da!!! Genau das mit der Schnelle macht die Sache ja immer so tragisch.

  • User
  • 04.02.2009 08:30:09 UrmelAusmEis

    "danke das sie mir 4 minuten meiner zeit gestohlen haben lieber autor "

    Lama: Ist es nicht viel schlimmer, dass dieses Lied zweiwöchentlich 30.150 Menschen ebenfalls etwa 4 Minuten Lebenszeit stielt?

  • User
  • 04.02.2009 13:24:02 Needa

    Ich finde diese ganzen Fan-Lieder auch unterträglich: Schmalzige Musik, sinnlose Texte (Hauptsache in Reimen usw.) und meist bar jeglicher Realität. Wobei letzterer Punkt nicht so schlimm ist, wer besingt schon gerne Abstiege oder die Tatsache, das man seit über 50 Jahren kein Meister mehr war.
    Und diese Lieder setzt man uns Fans dann vor und wir sollen dann fröhlich mitsingen.
    Und zur angesprochenen Hermes House Band will ich mal lieber nichts sagen, außer folgendes: BRAUCHT KEIN MENSCH!!!

  • User
  • 04.02.2009 13:43:41 unionchemiker

    "ihr fans" wollt es doch nich anders, als euch diesen scheiß vorsetzen zu lassen. ob nun hoffenheim, hertha oder lichtenber 47...

  • User
  • 04.02.2009 13:52:42 gygax

    Ich moechte an dieser Stelle mal kurz festhalten, dass es einen Unterschied gibt zwischen Vereinslied und jaehrlichem Kommerzgedudel, zumindest auf dem Planeten Koenigsblau. Das Vereinslied aus dem Jahre 1924 hat was identitaetsstiftendes und gehoert ebenso dazu wie Wappen oder Farben

  • User
  • 04.02.2009 14:09:25 calimero

    dann seid ihr zu beneiden, oder auch nich:-)
    für unsere pseudo-vereinshymne kann man sich nur schämen. absolut sinnfreier text und ein geschmalze zum würgen. entstanden irgenwann ende der 90er oder anfang 2000.

    gefallen hat mir der song beim kleinen hsv an der elbe, vor allem wie lotto kk auf ner hebebühne über der kurve live spielte.

  • User
  • 04.02.2009 14:21:08 calimero

    was gabs denn heut zu mittag? damit ich mir auch die konsistenz dazu vorstellen kann

  • User
  • 08.02.2009 01:08:16 chacker

    bei anderen vereinen ist der retortenkram ja meist das beiwerk zu einigermaßen gewachsenem liedgut. in hoffenheim ist die retorte das einzige.

  • User
  • 09.02.2009 02:27:55 DerBotschafter

    @chacker: jetzt willst du den Hoffenheimern aber doch wohl bitte nicht ihre in Entstehung begriffene Fan-kultur vorwerfen? Das ist doch echt ein alter, witzloser Hut. Tradition kann auch 2009 noch beginnen. Mir ist die TSG so egal wie Wolfsburg oder Bielefeld, aber dieses Traditionsgebashe ist wirklich haltlos.

    Nein, das war kein schönes Lied und leider nur ein semi-informativer Artikel. Aber das Gedudel unserer Clubs ist auch Mist, machen wir uns da nichts vor.

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Arschkalt, ich mache mir erst einmal...

Ein Bier auf
Kein Bier auf




Thomas Berthold im Interview

11Freunde Liveticker

Skurrile Fußballwelt: Block11

NEU IM 11 FREUNDE SHOP

11FREUNDE @ TWITTER

Offizieller Partner