05.12.2008 16:09:21
Na denn noch mal ernsthaft und etwas
ausführlicher. Es sind nur ein paar mehr oder
weniger strukturierte Gedanken, die Nummerierung
soll nur beim Lesen helfen, weil es sicher viel zu
lang wird...
Über Ultras im allgemeinen will ich nichts
schreiben, weil die Behauptung, sie seien überall
anders, ziemlich sicher als richtig zu bezeichnen
ist. Ich kann nur über Hertha BSC schreiben, und
da oben ja zum Spiel des geliebten Clubs gegen die
SpVgg Rizzoli Istanbul schon einiges geschrieben
wurde, passt das ja auch ganz gut, wenn ich darauf
näher eingehe.
1. Unsere Ultras nennen sich Harlekins. Erstmal schön, dass
es kein martialischer Name ist (wirkt bei
großteils Flaumbärten eh eher lustig) und auch
kein Allerwelts-"UB". Eigene Note, immerhin.
2. Aus unserer Fankurve, der Ostkurve, habe ich
mich schon lange verabschiedet. Was mir fehlt, ist
das Stehen während des Spiels. Was mir nicht
fehlt, sind einerseits das Megaphon und Co.,
andererseits gewisse Menschen außerhalb der
Ultraszene, die durch den bundesweit wohl beinahe
einmalig günstigen Preis (vor allem bei
Dauerkarten!) angezogen werden.
Versteht mich nicht falsch, ich gebe auch lieber
nur 10 als 20 Euro aus und will das keinem
vorhalten, und da stehen zum Großteil auch ganz
normale Menschen, aber da stehen eben auch die
Glatze aus gewissen Randbezirken (Klischee!?), der
"West-Wendeverlierer" (der sich auch Feindbilder
sucht, um sich besser vorkommen zu können), der
Vater, der auch noch stolz ist, wenn sein
neunjähriger Spross den Schiri lauthals als
Hurensohn bezeichnet, und natürlich auch diese Gruppe von
Vollspacken.
All das führt dazu, mich vom Spiel abzulenken,
deswegen ich doch ins Stadion gekommen bin. Denn
es fällt mir leider verdammt schwer, bei manchen
Dingen mein Maul zu halten und einfach mal
wegzuhören. Und manches macht mich einfach
sprachlos, und das ist ein für mich gänzlich
unerträglicher Zustand.
Ich bin in den Oberring gezogen, prima Sicht,
kurze Wege, fast nur vernünftige Leute um mich
herum (außer Mia, die muss immer alles
dissen), ich kann mich aufs Spiel konzentrieren
und verstehe auch ab und an mein eigenes Wort,
wenn ich rumschreie. Gesungen wird nicht ganz so
viel (dafür kann ich mich mit dem hier auch mal über das
Geschehen auf dem Platz austauschen), aber da bei
uns viele regelmäßige Besucher sitzen (Stichwort:
Dauerkarten), geht das schon noch. Je nach Spiel.
Gegen Istanbul zum Beispiel war es fast schon
sensationell für unsere Verhältnisse, inklusive
beschriebenen Wechselgesangs mit der Kurve. Der
war spontan und darum umso schöner.
3. Ab und an, wenn es Geldbeutel (Stichwort:
Bummelstudent), Zeit (Stichwort: Wochenendarbeit)
und Freundin (Stichwort: Pantoffelheld) zulassen,
fahre ich gerne auch mal zu einem Auswärtsspiel.
Hier habe ich bis jetzt noch immer den
Stehplatzbereich gewählt (außer in der
Allianz-Arena, aber da gibt es ja auch keinen für
die Guten), ist billiger. wärmer, atmosphärischer.
So viele fahren bei uns ja auch nicht mit. In
Bochum gerade, noch in Erinnerung, war der
Stehblock immerhin fast voll, bei den Klappsitzen
waren vielleicht eine Handvoll Leute. Ist ja auch
nichts. Einen gewissen Austausch braucht man ja
doch.
Die Harlekins sind immer da. Auswärts kann man
ihnen nicht entgehen. Sie haben in der Regel, wenn
es der gastgebende Verein erlaubt, ihr Megaphon
dabei, sie singen, hüpfen und schauen auch mal
aufs Spielfeld. Eine Ecke für uns kriegen sie
meistens mit.
Ich lasse sie gewähren, gehe aber soweit wie
möglich nach oben. [Exkurs: Dank gebührt den
Ultras schon mal, weil sie anstandslos die
miesesten Plätze einnehmen.] Was ich nicht mag:
Wenn ich nicht weit genug nach oben kann.
Beispiel-Stichwort: Osnabrück. Naseweise
18jährige, die versuchen, mich anzumachen, weil
ich aufs Spiel schaue, anstatt sinnlos zu hüpfen
(außerdem muss ich meine Knie schonen; mir ist
bewusst, dass mir vielleicht noch 2.000 Sprünge im
Leben bleiben, und ich will noch ein bisschen
Basketball spielen können). Diese Besserwisserei
und der Wunsch und Wille, anderen die eigenen
Vorlieben zu oktroyieren, sind sicher die
Hauptursachen, warum Ultras von so vielen als so
nervig empfunden werden. Sollen sie hüpfen, mich
stört das nicht, sollen sie sinnlos singen, ich
kann das abschalten (im Gegensatz zu passendem
Gesang, da mache ich gerne mit). Ich werde es
ihnen nicht zu verbieten versuchen. Aber sie
sollen mich und andere auch das tun oder nicht tun
lassen, was ich will. Mehr verlange ich nicht. Ob
ich dadurch ein schlechterer Fan sein soll - wen
schert's. Ich schunkele auch nicht in Bierzelten,
auch Wangenküsse zur Begrüßung sind mir zuwider,
das ist eben so. Akzeptiert es wie Männer.
4. Was bisweilen schwer fällt, ist die
Unterscheidung zwischen Ultra und Nichtultra -
also, ich meine die Nichtultras, die sich aber
bewusst in deren Umfeld bewegen. Ich kann mir nur
ganz schlecht Gesichter merken (schlecht in meinem
Job, darum nicht meinem Chef verraten!),
Wiedererkennungswerte wie Narben quer übers
Gesicht oder Buckel nebst Prinz-Eisenherz-Frisur
sind da schon hilfreich. Haben die Jungs aber nur
ganz selten. Ihre Uniformität, die Verabschiedung
vom Individuellen, geht auf meiner Seite mit
Teilnahmslosigkeit einher. Ob da ein Ultra oder
ein Suptra oder ein Cholera vor mir steht oder nur
einer im schwarzen Kapuzenpulli (trage ich auch
gern), ist mir sehr egal. Geht sicher auch anderen
so. Der Mensch schert gerne über einen Kamm,
Klischees sind elementar. Auf den Fahrten
(Stichwort: DB-Sonderzug) gelten für die Grünen
nicht das Grundgesetz und für die meisten anderen
nicht die gute Kinderstube. Ich muss da nicht ins
Detail gehen. Im Zuge (ha ha!) der Auswärtsfahrt
und im Schatten des verschworenen Ultra-Haufens
sammelt sich bei uns gerne eine Gemengelage aus
BFC-Voll-Hools (denen Fahrten nach Torgelow nicht
reichen), erlebnishungrigen, ihre Alkoholkapazität
überschätzenden Halbstarken und auch einigen
wenigen "Normalos". Der Rest nimmt politisch
unkorrekt das Auto und erspart sich. Ohne
Akkusativ-Objekt.
Wenn ich "Schnipp" machen könnte und am
gewünschten Ort wäre, ich würde jedes
Auswärtsspiel sehen. Für viele Kapuzen etc. ist
die Fahrt hin und zurück aber das Bessere,
scheint's.
Wie gesagt, auch mir fällt da die Unterscheidung
schwer. Habe nach langen, langen Tagen erschöpfte
Ultras einfach nur ruhig und friedlich mit ihren
Doppelhaltern und Großfahnen auf kalten Böden im
Regional-Express (bei der Bahn ist heute
eigentlich alles Express) sitzen sehen. Ich mochte
diese jungen Menschen. Ihnen gebührt ohne jeden
Zweifel mein Respekt. Auszugsweise. Sie haben sich
ein einseitiges Hobby gewählt, aber sie haben
eines. Es ist mehr als ein Hobby. Das kann man
dann wieder so und so auslegen. Gezwungen hat sie
aber auch keiner. Man kann also auch nicht von
"Opfer" sprechen. Vielleicht noch von Aufopferung.
Aufopferung wird nicht zwingend als elitär
empfunden vom externer und wird gerne verklärt von
interner Seite.
5. Muss mal eine neue Zahl anfangen.
Also, die Harkelins sind, soweit ich das
mitgekriegt habe, eigentlich in Ordnung, aber
nervig. In die rechte oder gewaltbereite Ecke
würde ich sie wirklich nicht stecken. Das wäre
gelogen. Kann mir aber gut vorstellen, dass es
gegen Istanbul in der Ostkurve schon zu Gesängen
gekommen ist, von anderer Seite. Das angesprochene
"Galata-, Galata-, Galatasaray - Fenerbahce
Istanbul, wir hassen die Türkei", also, es hätte
mich Wunder genommen, wenn es nicht ertönt wäre.
Im Oberring, zumindest in meinem Block, gab es
nichts dergleichen. Ihr mögt mich jetzt
verteufeln, aber der besagte "Gesang" ist im
Vergleich zu dem, was in der Vergangenheit sonst
so in Stadien gesungen wurde und teilweise immer
noch wird, direkt harmlos. Er bewegt sich halbwegs
im Grenzbereich, vielleicht sogar Rahmen des
normalen Fußball-Chauvinismus, auch wenn das
zynisch klingen mag, denn mir ist auch klar, dass
man den Interpretationsspielraum ausweiten kann,
was sicherlich auch einige der Barden gemacht
haben. Aber wer im Stadion war und sich das
Gebaren auf beiden Seiten angeschaut und angehört
hat, wird zugeben müssen, dass eine
nationalistische Komponente auf Seiten der Gäste
um einiges stärker ausgeprägt war. Man stelle sich
vor, es wären Nationalhymnen gespielt worden. Man
kann sich jedenfalls denken, wer da lauter
gepfiffen hätte.
Chauvinismus und Respekt sollten sich im Fußball
immer die Waage halten.
6. Zusammenfassung oder so ähnlich: Meine
Wahrnehmung der Ultras kommt vor allem von
Auswärtsfahrten. Auswärtsfahrten mit dem
Hertha-Mob sind trotz oft geringer Frequenz immer
Extremsituationen. Man verzeihe mir also extreme
Ansichten über die Ultras. Ultras anderer Vereine
sind mir sowieso egal, da es keine
Berührungspunkte für mich gibt. Ich kann mit den
Ultras leben, lehne aber elitäres Gehabe ab (und
empfinde es als unpassend, wie aber eigentlich
immer) und hüpfe nicht gern. Nirgends steht
geschrieben, dass man das im Stehplatzblock
müsste. Und selbst wenn, würde es mich nicht
interessieren, masagn.
7. Schwiegereltern kommen gleich. Muss aufhören.
Bzw. will, sind sehr nett.
Ich weiß, mein Geschreibe hat jetzt auch nicht
wirklich weitergeholfen, aber es ist legitim, sich
ein Bild aus einer Summe von Einzelmeinungen oder
-eindrücken zu bilden, und dies hier sei einer der
Summanden, wenn es gestattet ist.